Fiktive Landschaft, trügerische Wirklichkeit
Thomas Wrede im Kunsthaus

25. September 2017 • Text von

Eine Hochhaussiedlung in der Wüste, seltsame Stadt-Landschafts-Hybride, ein Autokino direkt am Meer oder domestizierte Bäume – so oder so ähnlich setzt sich der Bilderkosmos von Thomas Wrede zusammen. Das Kunsthaus zeigt derzeit einen Querschnitt aus nahezu allen Werkgruppen des Künstlerfotografen.

Thomas Wrede, aus: Real Landscapes, "Drive-in Theatre", 2009 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Thomas Wrede, aus: Real Landscapes, „Drive-in Theatre“, 2009 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

In diffusem Zwielicht, kurz nach Sonnenuntergang, liegt das kleine Autokino in einer Bucht am Meer. Eine Straße führt aus beiden Richtungen zum Eingang, an dem in einem kleinen Wärterhäuschen schwaches Licht brennt. Man wartet auf die Autos, die sich doch gleich aus dem Dunkeln am Bildrand nähern müssten, bevor die Vorstellung beginnen kann. Aber da wird man wohl vergebens warten. Denn so wenig, wie sich gleich Autos nähern werden, so unwahrscheinlich ist es, dass auf der Leinwand des „Drive-In Theatres“ ein Film gezeigt wird. Der einzige Film, der sich hier vermutlich abspielt, ist eine Vorstellung in den eigenen Köpfen: Thomas Wredes Autokino ist purer Fake, pure Inszenierung und existiert lediglich für den Moment seiner fotografischen Aufnahme, entstanden aus Modellbauteilen, fotografiert am norddeutschen Küstenstrand.

Thomas Wrede, aus: Real Landscapes, "Nach der Flut", 2012 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Thomas Wrede, aus: Real Landscapes, „Nach der Flut“, 2012 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die große Serie der „Real Landscapes“ ist die wohl bekannteste Werkgruppe des in Münster lebenden Fotografen, an der er bereits seit 2004 arbeitet. In realen Landschaften arrangiert Wrede mit Hilfe von Modellbausätzen neue kleine Szenerien, die durch Einsatz fotografischer Tiefenschärfe, genauester Lichtführung und detailverliebtem Arrangement in der fotografischen Abbildung wie täuschend echt wirken. Dabei geht es Wrede jedoch nie um perfekte Augentäuscherei. Vielmehr lässt er häufig Hinweise auf die Gemachtheit und die verrückten Maßstäbe und deutet durch seine Inszenierungen etwas an, was anschließend in den Köpfen der Bildbetrachter zu einer realen Szenerie, einer Vorstellung von etwas und einem Gefühl von Landschaft komplettiert wird. Wredes Modellbausätze sind also eher eine Art Platzhalter für Dinge größerer Bedeutung, die er in feinster Detailverliebtheit auf die Welt im Kleinen projiziert.

Thomas Wrede, aus: Magic Worlds, "Wald, Bottrop-Kirchellen", 1997 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Thomas Wrede, aus: Magic Worlds, „Wald, Bottrop-Kirchellen“, 1997 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Unter dem nüchtern-sachlichen wie aber auch treffenden Ausstellungstitel „Modell Landschaft Wirklichkeit“ zeigt das Kunsthaus neben einer kleinen Auswahl von Wredes „Real Landscapes“ jedoch zahlreiche Arbeiten aus anderen, zum Teil deutlich weniger bekannten Werkgruppen. Durch diese Fülle an unterschiedlichen Ansätzen wirkt die Ausstellung vielleicht ein wenig zu dicht gehängt. Lässt man sich jedoch auf die klaren Bildsprachen Wredes und seine fast durchgängig sehr großformatigen Tafelbilder ein, fällt das Eintauchen in seine magischen Welten, die beklemmenden Landschaften und seltsamen Szenerien leicht. Seit 1990 arbeitet Thomas Wrede an verschiedenen Fotoserien, in denen stets Realität und Fiktion überblendet werden und ein Bild von Natur oder Landschaft zwischen Vorstellung, Wirklichkeit und Wunschbild thematisiert wird.

Thomas Wrede, aus: Domestic Landscapes, "Gebirgslandschaft mit Kissen und Stehlampe", 2000 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Thomas Wrede, aus: Domestic Landscapes, „Gebirgslandschaft mit Kissen und Stehlampe“, 2000 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Von einem Wunsch nach Idylle und Natur im urbanen Umfeld berichten die Arbeiten der „Manhattan Picture Worlds“ und der „Domestic Landscapes“: Übergroße Werbebanner oder Plakattafeln im Stadtraum, sehnsuchtsvolle Bergpanoramen oder Parkszenerien auf täuschend echten Fototapeten vor oft kläglich eingerichteten Innenräumen zeigen den harten Kontrast zwischen künstlichen Welten und Wunschvorstellungen im Gegensatz zu realen Szenerien und wirken aufgrund ihrer Skurillität im Bild wie Collagen oder Montagen. Sicher spiegeln die Bilder unterschwellig immer auch Kritik an Lebensweisen und Gewohnheiten wider. Dennoch tritt Wrede nie auf mit erhobenem Zeigefinger, sondern zeigt vielmehr auch in diesen Arbeiten seine Lust am Absurden, seine Freude an Witz und Humor und sein augenzwinkerndes Spiel von Schein und Sein im fotografischen Bild.

Thomas Wrede, aus: Die Vögel stehen in der Luft und schreien, 1994 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Thomas Wrede, aus: Die Vögel stehen in der Luft und schreien, 1994 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Eine frühe Arbeit soll nicht unerwähnt bleiben: Neben den Bildern der dänischen Insel Samsø, die in düster-beklemmenden Schwarzweiß-Bildern Ansichten einer versehrten und vom Menschen verschmutzen Landschaft zeigen, zeichnen sich in riesigen, deutlich überlebensgroßen, tiefschwarzen Bildtafeln schemenhafte Umrisse von Vögeln ab. Wie ein diffuses Nachbild vor dem Auge, aber auch wie seltsam-geisterhafte Erscheinungen aus dunkelster Nacht erscheinen die schemenhaften Umrisse, die sich mal mehr, mal weniger genau zu Vogelformen zusammenfügen. Bereits während seines Kunststudiums beobachtete Wrede Vögel, die gegen Scheiben geflogen waren und auf dem Glas eine Spur aus Staub und Blut hinterließen. Im Gegenlicht fotografiert und in der Dunkelkammer bewusst überbelichtet, schält sich so die Gestalt des Vogels wie ein Geist aus dem Bild.

WANN: Neben den hier genannten Arbeiten gibt es noch viele weitere Werkgruppen in der Austellung zu entdecken. Noch bis zum 12. November habt ihr Zeit, in Wredes faszinierende Bildwelten einzutauchen.
WO: „Modell Landschaft Wirklichkeit“ wird im Kunsthaus im KunstKulturQuartier in der Königstraße 93 gezeigt.

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