Feuer und Wasser
Bill Viola in den Deichtorhallen

6. Juni 2017 • Text von

Große Worte fallen in der Hansestadt nicht leichtfertig. Wenn Dirk Lukow also verspricht dass er „one of the finest exhibitions ever to be shown at Deichtorhallen“ eröffnet, dann muss schon etwas aufgefahren worden sein. Dahinter verbirgt sich ein Querschnitt aus dem Œuvre eines der einflussreichsten Medienkünstler der Gegenwart.

Stills aus Bill Viola: Tristan’s Ascension (The Sound of a Mountain Under a Waterfall), 2005. Color High-Definition video projection. Performer: John Hay. © Kira Perov, courtesy of Bill Viola Studio

Der Auftakt der Ausstellung ist gleichzeitig ihr Highlight. Ein großer Teil der Halle für aktuelle Kunst ist für zwei monumentale Videoarbeiten reserviert. Auf einer riesigen, hochformatigen Projektionsfläche wechseln sich „Tristan‘s Ascension“ und „Fire Woman“ ab. Davor ist eine große Teppichfläche ausgelegt, die zum Verweilen vor den meditativen Arbeiten einlädt.

Von diesem Anfangs- und Endpunkt der Ausstellung her mäandert die Schau durch den hinteren Part der Halle und führt die Besucher durch eine lockere Folge von 13 älteren und neueren Arbeiten Bill Violas. Die Ausstellung ist anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 konzipiert, allzu offenkundig religiös oder gar konfessionell ist sie aber nicht. Viola selbst versteht sich als mystisch und spirituell interessiert, agiert jedoch über religiöse Grenzen hinweg. Seine Werke kreisen um die „großen Themen“, die jeden Menschen, egal welcher Herkunft, berühren: Liebe, Tod und Geburt, Freude und Leid.

Bill Viola: Nantes Triptych, 1992. © Kira Perov, courtesy of Bill Viola Studio

In Hamburg darf daher eine seiner bekanntesten Arbeiten nicht fehlen: das „Nantes Triptych“, benannt nach seinem ersten Ausstellungsort. Das Werk besteht aus drei Videos, angeordnet, wie ein mittelalterliches dreiflügliges Altarbild. Links ist das Video einer Hausgeburt zu sehen, rechts die Aufnahme einer Sterbenden, das zentrale Video zeigt einen Mann in einem weiten weißen Hemd, der sich unter Wasser befindet und den verschiedenen Strömungsverhältnissen ausgesetzt ist. Leben und Tod liegen hier ganz nah beieinander.

Überhaupt: Wasser! Das nasse Element taucht immer wieder auf, sei es als rückwärts fließender Wasserfall in „Tristan‘s Ascension“, als Grenze zwischen zwei Welten, zum Waschen oder als eines der vier Elemente in der „Martyrs“-Serie. Hier wird auch Violas Umgang mit Religion und Mystik deutlich. An den vier Wänden eines kleinen Raumes befindet sich je ein Bildschirm, auf dem das Leiden eines „Märtyrers“ zu sehen ist. Obwohl diese Arbeit für einen religiösen Raum, die St. Paul’s Cathedral in London, konzipiert wurde, sind keine dezidiert christlichen Martyrien zu sehen. Stattdessen sitzen, stehen, kauern oder hängen hier vier Personen, die jeweils einem der vier natürlichen Elemente Feuer, Wasser, Wind und Erde schutzlos ausgeliefert sind.

Ausstellungsansicht BILL VIOLA – INSTALLATIONEN. Foto: © Felix Krebs/Deichtorhallen Hamburg

In seinen Arbeiten verlangsamt und zerstückelt Viola die Zeit, kehrt sie zuweilen sogar um. Die großzügige Architektur der Halle für aktuelle Kunst ermöglicht es, jedem Video seinen optimalen Rahmen zu geben. Viola führt seine Besucher in die Grenz- und Extremgebiete menschlicher Existenz. So wechseln sich in der Ausstellung anstrengende, berührende, herausfordernde und meditative Eindrücke ab. Die Schau entlässt ihre Besucher inspiriert und vielleicht auch ein wenig transformiert.

WANN: Die Ausstellung läuft bis zum 10. September. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm.
WO: Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstrasse 1-2, 20095 Hamburg

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