Encapsulated
Die Kapseln 11 und 12 im Haus der Kunst

31. Januar 2020 • Text von

Poetisch und politisch. In den Ausstellungen „Kapsel 11: Sung Tieu – Zugzwang“ und „Kapsel 12 : Monira Al Qadiri – Holy Quarter“ präsentiert das Haus der Kunst zwei aktuelle künstlerische Positionen, die zwar eher nebeneinander als miteinander funktionieren, aber dennoch jeweils ihre eigenen Qualitäten haben.

Monira Al Qadiri: Holy Quarter, 2019 Film still © Courtesy the artist Photo: Monira Al Qadiri.

Fast wie digital erstellt wirkt die schroffe Landschaft, über die die Kamera gleitet. Bis ins scheinbar unendliche erstrecken sich die Muster aus Dünen und Felsformationen. Abstrakt, rhythmisch und rätselhaft. Monira Al Qadiri, einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Golfregion, bespielt mit ihrer imposanten Installation „Holy Quarter“ ab heute eine der „Kapseln“ im Haus der Kunst. Die Kapsel-Ausstellungen bieten jungen, aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt eine Gelegenheit, neue Arbeiten in einem renommierten, institutionellen Kontext vorzustellen. In der zwölften Instanz der Ausstellungsreihe präsentiert Al Qadiri eine vielteilige Skulpturengruppe sowie einen neuen Film. „Holy Quarter“ bezieht sich auf die weltweit größte Wüstenregion „Empty Quarter“ zwischen Saudi-Arabien, Oman und Jemen. Al Qadiri, die in Kuwait aufwuchs, verwebt in ihrer künstlerischen Praxis die Geschichte und rasante industrielle Transformation der Region mit mythischen Erzählungen und futuristischen Elementen.

Monira Al Qadiri: Holy Quarter, 2019 Installationsansicht / Installation view Haus der Kunst, 2019 Foto: Maximilian Geuter.

Eine sonore Stimme aus dem Off entwirft in „Holy Quarter“ die fiktionale Geschichte des Wesen Wabar, das aus dem All auf die Erde gefallen ist und dabei wie ein Meteorit eine mythologische Qualität gewinnt. Dabei bezieht sich Monira Al Qadiri auf die tatsächliche Geschichte des britischen Forschungsreisenden St. John Philby, der in den 1930er-Jahren die Wüstenregion „Empty Quarter“ durchquerte, auf der Suche nach den Ruinen einer antiken Stadt. Stattdessen fand er jedoch die Überreste eine „Vulkans“, der sich in Wirklichkeit als der Einschlagkrater eines Meteoriten erwies. Monira Al Qadiri vermengt diese geschichtliche Tatsache mit fiktionalen Erzählungen, das unendliche Weltall und die Weiten der Wüste werde zueinander in Beziehung gebracht. In präzisen Bildern und mit ruhigen Schnitten schafft Monira Al Qadiri so eine Erzählung, die unserer gänzlich rational erkläbaren Welt eine verzauberte Alternative gegenüberstellt. Skulpturale Objekte, die wie schwarze Perlen aus Glas vor der Leinwand platziert sind verdichten die Spannung zwischen Natur und „Alien Technology“.

Sung Tieu: Zugzwang, 2019, Installationsansicht / Installation view Haus der Kunst, 2019 Foto: Maximilian Geuter.

Weniger mythisch aber nicht minder poetisch präsentiert sich nebenan in der Kapsel 11 die Ausstellung „Zugzwang“ der deutsch-vietnamesischen Künstlerin Sung Tieu. Glatte Oberflächen und kühle Objekt dominieren den Raum. Sung Tieus multimediale Installation will die psychologischen Auswirkungen von bürokratischen Systemen und die Politik der daraus resultierenden Design-Äthetiken untersuchen. In Foucaultscher Tradition untersucht sie anhand von Inneneinrichtungen von Einwanderungsbehörden, Einwohnermeldestellen und modernen Strafvollzugsanstalten die Funktionsweisen eines Systems, das Identität konstruiert und so Macht ausübt. Der Ausstellungsraum wird von Sitzgruppen aus Edelstahl, zwei großen, von der Künstlerin entworfenen Regalen und gerahmten Dokumenten beherrscht, die den Raum umlaufend gehängt sind. Verfremdete Asylanträge, Wohnsitz-Anmeldungen und Einbürgerungsformulare, die keinem speziellen System oder Staat mehr zuordenbar sind veranschaulichen die kafkaesken Qualitäten bürokratischer Strukturen.

Sung Tieu Zugzwang, 2019 Installationsansicht / Installation view Haus der Kunst, 2019 Foto: Maximilian Geuter.

Sung Tieu kombiniert in ihrer Installation Texte, Skulpturen, Erinnerungsstücke und objets trouvés und schafft so einen kühlen und präzisen Gesamteindruck. Eine mal zarte, mal brutale Mehrkanal-Sound-Installation ergänzt die Erfahrung um die auditive Ebene. Ausgerechnet Richard Wagners Ouvertüre zum „Tannhäuser“ bringt Tieu mit beliebigen Alltagsgeräuschen aus teils öffentlichen, teils privaten Räumen in Verbindung. Macht, Willkür, Sehnsucht, Angst und ein Gefühl des ausgeliefert seins: Subtil und einfühlsam widmet sich Sung Tieu aktuellen Themen einer post-migrantischen, globalisierten Welt.

WANN: Die Kapseln sind noch bis zum 26. Juni 2020 zu sehen.
WO: Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München.

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