Fleischige Fremde Lukas Luzius Leichtle bei CCA Berlin
18. September 2025 • Text von Carolin Kralapp
Die Berlin Art Week ist zwar vorbei, doch vieles aus dem Programm noch in vollem Gange. Eine Ausstellung ist besonders in Erinnerung geblieben: “Eindringling” von Lukas Luzius Leichtle bei CCA Berlin. Die Bilder treiben das Gefühl, fremd im eigenen Körper zu sein, malerisch auf die Spitze und gehen buchstäblich unter die Haut.

Fingerkuppen pressen sich aufeinander, Hände graben sich ins Fleisch, Hautfalten schieben und überlagern sich beinahe hyperrealistisch in den meist kleinformatigen Ölgemälden von Lukas Luzius Leichtle, die derzeit in den halbtransparenten Räumen von CCA Berlin an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu sehen sind. Wir alle kennen den menschlichen Körper – oder glauben es zumindest. Wir bewohnen ihn, tragen ihn durch die Welt, und doch bleibt er uns manchmal fremd. Leichtle stellt sich in “Eindringling” dieser inneren Fremdheit und untersucht eine unbehagliche Körperlichkeit am Beispiel eines männlich lesbaren Körpers.
Ausgangspunkt und Namensgeber der neuen Werkreihe ist Jean-Luc Nancys Essay “L’intrus” (“Der Eindringling”). Darin reflektiert der französische Philosoph seine eigene Krankheitsgeschichte. Nach einer Herztransplantation 1991 muss er Medikamente nehmen, um die Abstoßung des Organs zu verhindern – eine Behandlung, die schließlich eine Krebserkrankung auslöst. Nancy beschreibt, wie sich sein geschwächtes Herz zunehmend wie ein Fremdkörper anfühlte, und wie dieses Gefühl auch nach der Transplantation nicht verschwindet. Das neue Herz, einem anderen Menschen entnommen, bringt eine zusätzliche Fremdheit mit sich. Nancy schreibt über Vorahnungen, über das Eindringen des Fremden, über Innen und Außen und über die existenzielle Irritation, plötzlich zum Beobachter des eigenen Körpers zu werden.

Beim Betreten der Räume wird das Publikum selbst zum Eindringling im Ausstellungskörper. Die Blicke wandern durch die weitgehend leeren Räume, bis sie auf die fleischigen Kompositionen des Künstlers stoßen. Diese fügen sich harmonisch in die braune Wandvertäfelung ein. Mit dem Herantreten offenbart sich schnell die präzise Technik, mit der der Künstler arbeitet. Im Malprozess setzt er Sandpapier und eine elektrische Nagelfeile ein, um Farbschichten abzuschleifen und sie bis zum absoluten Maximum zu verfeinern. Falten, Licht- und Schattensetzung sowie die Haut selbst sind so exakt ausgeführt, dass sich vor allem das Fleischliche der Körperteile eindringlich vermittelt. Haut und Knochen werden so ineinander gedrückt, dass sich direkt ein Gefühl von Schmerz und Unbehagen einstellt. Hier stimmt etwas nicht.

Leichtle arbeitet nicht nur mit anwesenden Körpern, sondern auch mit deren Abwesenheit. So hängen in der Ausstellung auch Bilder, die karge, geflieste Badezimmerecken zeigen. In blassen Farbtönen und gerasterter Struktur ist darauf kaum etwas zu sehen – und doch setzen sie das Kopfkino sofort in Gang. Ein merkwürdiges Gemisch aus Ekel, Paranoia und Beklemmung breitet sich aus. Die kompakten Bildformate wirken wie ein Korrektiv, das verhindert, dass man sich völlig in den Motiven verliert und die Bedrückung überhandnimmt. Für die Interieurmalereien hat Leichtle mit einer grünen Untermalung gearbeitet, auch Verdaccio genannt, die ursprünglich in der italienischen Renaissance genutzt wurde, um menschliche Haut realistisch darzustellen. Hier aber dient sie einer menschenleeren Szenerie. In dieser Abwesenheit verdichtet sich das befremdliche Menschsein.

Alles in der Ausstellung “Eindringling” kreist um ein “Ich”, das kein eindeutiges Gesicht erhält. Zu sehen sind Close-ups von männlich lesbaren Körperteilen, nackte Fleischstücke neben kahlen Badezimmerfliesen, die das Gefühl der Fremdheit durch räumliche Leere noch verstärken. Es herrscht ein Unbehagen, das es auszuhalten gilt. Der Künstler beherrscht sein Handwerk – unübersehbar. Ihm gelingt es, Körperlichkeit, Fleischlichkeit, ineinander verschränkte Gliedmaßen und gequetschte Hautfalten so präzise darzustellen, dass man sich der eigenen Körperlichkeit schlagartig bewusst wird. Leichtle greift kunsthistorische Motive und Techniken auf und entwickelt daraus einen hyperrealistischen, beinahe erdrückenden Ausdruck für Gefühlswelten, die viele Menschen in sich tragen, ohne Worte dafür zu finden.
WANN: Die Ausstellung “Eindringling” läuft noch bis zum 22. November.
WO: CCA Berlin, Breitscheidplatz, 10789 Berlin.