Ein Recht auf Kunst
XXII. Rohkunstbau: Zwischen den Welten - Between the worlds

27. Juli 2016 • Text von

Landleben, Kindheit und Kunst verbindet die Ausstellung „XXII. Rohkunstbau“ im Schloss Roskow in Brandenburg. Die Werke von 11 internationalen Künstlern verhandeln als individuelle Auseinandersetzung mit der Kindheit eines Menschen die übergeordneten Bedeutung von Kinderrechten auf der Welt.

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Schloss Roskow, Foto: Jan Brockhaus.

Was diese Schau von allen anderen Ausstellungen, die in und um die Kunsthauptstadt Deutschlands realisiert werden, unterscheidet, ist die Kulisse: Kein White Cube, kein Sehen-und-Gesehen-werden, sondern knarrende Dielen und abgestandene Sommerluft. Das Schloss Roskow, in dem den zwölften Sommer in Folge hochkarätige Kunst ausgestellt wird, ist ein dreistöckiges Herrschaftshaus mit imposanten Eingänge und einem verwunschenen Garten im ehemaligen Ostdeutschland – das wird spätestens klar, wenn die Anwohner unter einem Pavillon Schwarzbrot mit Schweineschmalz und Essiggurke an das Kunstpublikum verkaufen. Die erste Herausforderung der Ausstellung „Zwischen den Welten – Between Worlds“ besteht darin, dass diese einzigartigen Rahmenbedingungen weder ignoriert, noch explizit thematisiert werden. Der Kontext, unter dem 11 internationale künstlerische Positionen präsentiert werden, ist die UN-Konvention über die Rechte des Kindes und die Kindheit als eine besondere Zeit im Leben eines Menschen. Die 54 Artikel der Konvention mögen endgültig und präzise sein, die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema ist dagegen umso vielseitiger und offener.

Skulpturen von Peter Stauss; Bilder von Ryan Mosley

Skulpturen aus der Serie Dutch Master von Peter Stauss, 2015, Bronze. Courtesy Peter Stauss and carlier I gebauer, Berlin Pet. Malerei von Ryan Mosley: Floating stage, 2015, Öl auf Leinwand/Segeltuch. Courtesy Ryan Mosley and Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin. Ausstellungsansicht XXII. Rohkunstbau: © Jan Brockhaus.

Zunächst begegnet man den gegenständlichen, kindlich-naiven Gemälden von Edouard Baribeaud, die vom peniblen Kritiker durchaus als plakativ beschrieben werden könnten. Einen ähnlichen, wenn auch anstatt mit popkulturellen mit kunsthistorischen Verweisen gespickten Ansatz wählen Ryan Mosley und Peter Strauß. Ersterer malt auf groß- und kleinformatigen Leinwänden Porträts und Figurengruppen, die sich auf primitive und expressionistische Malerei beziehen und mit ihrem Outsider Charakter zugleich zeitlos wie auch antiquiert wirken. 
Neben diesen drei Künstlern, deren Bezugnahme auf die Kindheit sich im Wesentlichen durch den naiv anmutenden Charakter der Werke vollzieht, umfasst die Ausstellung mit Anthony Giocolea, Arne Schreiber und Angela de la Cruz formal reduzierte und ästhetisch ansprechende Arbeiten, die sich irgendwo zwischen Skulptur und Installation verorten lassen. Goicolea zeigt in dem größten Raum des Schlosses seine herausragende Arbeit „Untitled Sleep 1-7“: Abfotografierte Zeichnungen und Gipsplastiken von schlafenden Jugendlichen werden durch eine dicke Scheibe aus hochglänzendem Plexiglas zu Skulpturen. Den Sockel bilden Kissen, auf denen Kopf und Füße der Schlafenden gebettet sind. Das durchdachte Wechselspiel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität ist mehr als schön anzuschauen: Einerseits handelt es sich um einen formalen kunstgeschichtliche Verweis auf Grabskulpturen, andererseits wird die serielle Wiederholung der Schlafenden mit Sommercamps, Internaten und Flüchtlingslagern assoziiert.

Anthony Goicolea; Installationsansicht;

Anthony Goicolea: Untitled Sleep 1-7, 2016. Sieben Gemälde, Graphitstaub und Acryl beidseitig auf Mylar, Plexiglas gestützt von Gipskissen. Courtesy Anthony Goicolea and Galerie Crone. Installationsansicht XXII. Rohkunstbau: © Jan Brockhaus.

Die Crux des Vorhabens die einzelnen Paragrafen über Kinderrechte in Relation zu Kunst zu setzen, wird bereits im Vorwort des umfassenden Ausstellungskataloges erklärt: Wie kann sich Kunst an Normen orientieren, wenn die Kunstfreiheit jeglicher Gesetzmäßigkeit gegenübersteht? Dass in der zeitgenössischen Kunst seit geraumer Zeit eine Verschiebung vom Ästhetischen hin zum Ethischen stattfindet, bezeugen die Werke von Jia , Sokari Douglas Camp und Clemens Krauss. Die chinesische Konzeptkünstlerin Jia installiert in Roskow die Nachbildung eines Mini-Shops, in dem der Ausstellungsbesucher handgefertigte Kunstwerke von benachteiligten Kindern aus ihrem Heimatland kaufen kann. Sokari Douglas Camp präsentiert eine Skulptur aus Stahl und Ölfässern, deren Form einen Spagat zwischen Michelangelos Gottesdarstellung in der Sixtinischen Kapelle und dem christlichen Motiv der Schutzmantelmadonna schafft. Die Materialität des Werkes verweist jedoch auf die Vor- und Nachteile des Ölwirtschaft in Nigeria – der Heimat der Künstlerin. Clemens Krauss filmte das Gespräch von Frauen in einem Altenheim in Israel über ihre Kindheit in Berlin. Bei all diesen Arbeiten stellt sich die Frage, welche Qualität das Kunstwerk als Gegenstand hat, wenn sich die Intention vom Ästhetischen zum Ethischen verschiebt. Allzu schnell ist das Material eine Einbahnstraße zur Bedeutung, der partizipative Charakter wird zu einem belehrend erhobenen Finger und die Kunst zur Dokumentation eines gesellschaftlichen Missstandes oder historischen Ereignisses.

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Ammar al-Beik: La Dolce Siria, 2014. Filmstill/Video, 27 Min. © Ammar al-Beik.

Doch politische Kunst kann mehr sein als ihr Thema und sowie Form und Inhalt sich zu einem eindrücklichen Bild verdichten, berührt der Künstler nicht nur die Moral des Betrachters, sondern auch sein Herz. Dies schaffen die ausgestellten Arbeiten von Ammar al-Beik und Hamid Sulaiman. Spätestens seit der Publikation seiner Graphic Novels „Freedom Hospital“ im ZEITmagazin ist Sulaiman als Chronist des Arabischen Frühlings und des Bürgerkrieges in Syrien bekannt. Im Rohkunstbau ist sein „Brainwash Projekt“ zu sehen, welches sich den Kriegskindern in Syrien und dem medialen Einfluss auf deren Bewusstsein widmet. Zwischen je zwei comciartigen Bildern entsteht eine narrative Leerstelle, doch gerade in dem Unausgespochenen liegt die Stärke der Geschichte, die Sulaiman hier erzählt. Schließlich ist es der Experimentalfilm „La dolce Siria“ von Ammar al-Beik, der das Kunstpublikum regungslos in der Black Box verharren lässt. Die filmische Collage von Footage aus dem Bürgerkrieg in Aleppo und Frederico Fellini schafft eine eigenwillige Verbindung zwischen Realität und Fiktion, die sich an dem Motiv der Filmkamera verdichtet. Zwei Kleinkinder spielen mit einer alten Kamera, im Hintergrund sind detonierende Bomben und einschlagende Raketen zu hören. Sie drehen die Filmspule ohne eine Aufnahme zu machen, sie schreien nach ihrer Mutter. Cut. Maschinengewehr. Cut. Wieder die spielenden Kinder in den Trümmern. Black. To shoot a movie, to shoot somebody.

WANN: Die Ausstellung läuft vom 10. Juli bis 18. September, jeweils samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr. Genaueres gibt’s hier.
WO: Schloss Roskow, Dorfstraße 30, 14778 Roskow.

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