Dreimal Mut zur Lücke
Hunstein, Kälberloh und van der Meulen

21. November 2016 • Text von

Drei Künstler, drei Techniken, ein gemeinsames Konzept: Sie schaffen Neues, indem sie Altes auslöschen – als Rohmaterial dafür dienen Urlaubspostkarten, Architekturansichten aus den 50er Jahren oder Nachrichtenfotos. Zum Jahresende zeigt die Galerie Hengevoss-Dürkop Arbeiten von Stefan Hunstein, Thomas Kälberloh und Valentin van der Meulen.

Eigentlich hätte man die Ausstellung auch unter den Titel “Auslöschen” laufen lassen können, erklärt Galeristin Kerstin Hengevoss-Dürkop das gemeinsame Thema ihrer drei Künstler. Stefan Hunstein, Thomas Kälberloh und Valentin van der Meulen produzieren Kunst, indem sie Teile ihres Bildmaterials eliminieren. Auslöschung als Stilmittel also – um den doch ziemlich negativ-martialischen Beiklang zu vermeiden, der darin mitschwingt, trägt die Schau jetzt allerdings ganz minimalistisch die Namen von Hunstein, Kälberloh und Van der Meulen.

Valentin van der Meulen: "Soleil Noir", 2016, Kohle, Radiergummi, schwarzer Stein, Wasser, Papier auf Holz montiert, 2,4 x 5 m

Valentin van der Meulen: „Soleil Noir“, 2016, Kohle, Radiergummi, schwarzer Stein, Wasser, Papier auf Holz montiert, 2,4 x 5 m

Betritt man den Galerieraum, sieht man sich als Erstes einer monumentalen Arbeit von Valentin van der Meulen gegenüber. Das großformatige Bild „Soleil Noir“ zeigt die Gesichter einer Gruppe junger Männer – scheinbar eine spontane Aufnahme, ein Zeitungsfoto von Flüchtlingen auf einem Boot oder in einer Notunterkunft, durch das seltsame diagonale Schlieren verlaufen. Erst auf dem zweiten Blick offenbart sich, dass es sich um eine Kohlezeichnung handelt – der französische Künstler, der heute in Paris und Brüssel lebt, nimmt Fotos aus den Printmedien oder dem Internet und vergrößert sie freihändig, ohne Raster oder Projektionstools ins Monumentale. Die Komposition arbeitet er dann mit einem Radiergummi, mit Acrylfarben und Wasser aus einer schwarzen Kohlefläche heraus.

Die Schlieren, die Aspekte des Motivs auslöschen und die Gesichter der Figuren teilweise verbergen, sind aber nicht das einzige Störungselement. Valentin van der Meulen transformiert sein Fotomaterial nämlich nicht nur medial, er verfremdet auch die auf den ersten Blick so authentisch wirkende Komposition der jungen Geflüchteten, die dem Betrachter dicht an dicht gedrängt entgegenblicken – der Mann rechts im Bild wurde dem Motiv aus einer anderen Bildquelle hinzugefügt.

„Soleil Noir“ wirkt durch den direkten Blickkontakt der Bildfiguren zum Betrachter und die Unmittelbarkeit des scheinbar spontan eingefangenen Motivs einerseits emotional und sorgt für empathische Anteilnahme. Gleichzeitig bauen die Schlieren und die bewusst eingesetzten Verfremdungseffekte aber auch wieder Distanz auf. Trotz Großformat gelingt dem Künstler das Spiel mit dem Verborgenen.

Stefan Hunstein: "Utopia", 2016, UV-Direktprint auf Glas

Stefan Hunstein: „Utopia“, 2016, UV-Direktprint auf Glas

Löst man sich von Van der Meulens großformatiger Kohlekomposition und blickt nach links, findet man sich in “Utopia” wieder, einer Serie UV-Direktprints auf Glas von Stefan Hunstein. Der Münchener Künstler hat sich dafür seiner älteren Serie “Schön war’s” angenommen, für die er Postkarten mit Architekturansichten der 1950er und 1960er Jahre künstlerisch bearbeitete. Für “Utopia” legte er mehrere Motive übereinander – zum Beispiel drei Bahnhöfe – , sodass aus den biederen 50er-Jahre-Ansichten ein futuristisches Architekturkonglomerat entsteht. Sehr schön auch ein weiteres Bild, die Juxtaposition der piefigen “Pension Kölle”, eines Einfamilienhauses mit Giebel, mit der damals als enorm modern geltenden Glas-und-Metallarchitektur des Anfang der 50er Jahre neu erbauten Schiller Theaters aus Berlin-Charlottenburg. Gleichzeitig entstehen durch die Übereinanderlegung der verschiedenen Bild wieder Lücken, Auslassungen und Auslöschungen, die dem Betrachter Raum für eigene Interpretationen geben.

Stefan Hunstein: "Utopia", Installationsansicht, Foto: Martina John

Stefan Hunstein: „Utopia“, Installationsansicht, Foto: Martina John

So paart sich in Stefan Hunsteins surrealen, traumartigen Stadtlandschaften das Banal-Provinzielle mit dem Futuristischen. Der Pathos der zukunftsgewandten “Wird sind wieder wer”-Architektur wird ironisch gebrochen – der Schatten des spießigen Giebelhauses schwebt in der Nachkriegszeit eben auch über den modernsten Architekturvisionen. Durch das Glas und die mehreren Schichten kommen die Farben der Bilderserie toll zur Geltung, die Bilder scheinen regelrecht von innen zu leuchten. Das erinnert ans Technicolor des alten Hollywood, gleichzeitig haben die Bilder mit ihrer Detailverliebtheit aber auch etwas von Illustrationen und “Wimmelbildern”, vor allem die Bahnhofsszene.

Die Überleitung von Hunsteins kleinteiligen “Utopia” zum monumentalen Flüchtlingsbild von Valentin van der Meulen wirkt formal zwar etwas gewollt – der Hoffnungsraum “Utopia” mit der Sehnsucht nach einer besseren Zukunft kann inhaltlich aber durchaus auf die jungen Männer auf dem großen Kohlebild bezogen werden.

Thomas Kälberloh: "Hotel Ostsee", 2016, 79,7 x 114 cm

Thomas Kälberloh: „Hotel Ostsee“, 2016, 79,7 x 114 cm

Auch der Dritte um Ausstellungsbunde, Thomas Kälberloh aus Hamburg, beschäftigt sich mit gefundenem Fotomaterial. Er nimmt alte Postkarten, die er großformatig auf Alu Dibond abzieht und verfremdet. Er konzentriert sich dabei auf die Menschen, die auf klassischen Grußkarten-Ansichten von Stränden oder Sehenswürdigkeiten nur Beiwerk sind. Wer eine Karte vom Eiffelturm verschickt, wird normalerweise gar nicht bemerken, dass auf dem Foto des Bauwerks noch Leute herumlaufen. Thomas Kälberloh bearbeitet seine auf Gemäldeformat vergrößerten Postkarten so mit Farbe, dass die Hintergründe verschwinden und neue Bildwelten entstehen, in denen die Staffagefiguren ins Zentrum rücken.

Seine Neukompositionen durch Auslassung begannen im kleinen Postkartenformat: Einige dieser preziosen Bildwerke, teilweise sogar mit Goldgrund, sind im Obergeschoss der Galerie zu sehen. Hier nahm Thomas Kälberloh nur wenigen Interventionen ins eigentliche Bildmotiv vor. Auf seinen neuen, großformatigen Arbeiten ist dagegen manchmal kaum noch etwas vom eigentlichen Kartenmotiv übrig. Evokative Bildtitel tun ihr übrigens, um die einstigen Staffagefiguren in ihrer neuen Bedeutung zu verankern: “Styx” war beispielsweise einmal eine fröhliche Strandszene. Die Übermalungen in Grün und Schwarz haben die Postkarte jedoch in eine Morastlandschaft verwandelt, in der die Kinder im Vordergrund regelrecht zu ertrinken scheinen, während das Elternpaar hinten den Höllenfluss offenbar bereits überschritten hat und gleich in den Tiefen der antiken Unterwelt entschwindet.

Die Figuren selbst scheinen von ihren apokalyptischen Umständen jedoch seltsam unberührt. Sie gehen weiterhin ihren entspannten Urlaubsbeschäftigungen aus der Vorlage nach – besonders absurd wird dieser Kontrast in “Hotel Ostsee”, wo die Menschen völlig unberührt durch ein bedrohlich glühendes Lavafeld laufen.
Ähnlich auch “Die Glorreichen” mit fröhlich flanierenden Spaziergängern vor einer heruntergekommenen Architekturkulisse, die die Strandszenerie des Originals ersetzt hat.

Thomas Kälberloh: "Junger Mann!", 2016, 79,7 x 113,8 cm

Thomas Kälberloh: „Junger Mann!“, 2016, 79,7 x 113,8 cm

Zum Winterbeginn zeigt man natürlich nicht nur bei Hengevoss-Dürkop ein Best-of der Galeriekünstler. Allerdings hebt sich die Schau in der Galerie am Klosterwall durch ihr übergeordnetes Thema angenehm von den gängigen Jahresendausstellungen ab. Vor allem die Arbeiten von Stefan Hunstein und Thomas Kälberloh harmonieren perfekt miteinander, indem sie beide ihr idyllisches Bildmaterial durch geschickte Auslassung neu interpretieren. Man könnte sich beide Künstler auch gut als Teil einer Gruppenausstellung vorstellen, die sich mit der Demontage der vordergründigen “heilen Welt” des Nachkriegsdeutschlands beschäftigt.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Dezember 2016. Mittwoch bis Freitag von 14 bis 19 Uhr und samstags von 12 bis 15 Uhr könnt ihr vorbeischauen.
WO: Galerie Hengevoss-Dürkop, Klosterwall 13, 20095 Hamburg.

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