Digital FOMO
Wie steht es um digitale Expertise in der Kunst?

15. April 2020 • Text von

Social Media quillt über vor lauter Content – da sind unzählige Livestreams, Posts, die auf Youtube verweisen und vice versa. Ein Ende der Quarantäne und des damit verbundenen digitalen Kunststroms ist nicht in Sicht. Ist (online) dabei sein in Zeiten der Selbstisolation wirklich alles? (Text: Clara Tang)

Screenshot: Clara Tang.

Alle fünf Minuten ploppt die Nachricht auf meinem Instagram auf: Kurator XY ist wieder live im Interview mit einem anderen Kunst-VIP. Ich darf jetzt sofort am Gespräch teilhaben und bunte Herzen senden – manchmal auch Kommentare und Fragen, aber die nerven dann doch oder man traut sich nicht. Wer dem Ganzen noch eins draufsetzen will, kann sich als Kreative*r live dazuschalten. Galerist*innen lassen sich im Videocall auf Instagram regelmäßig durch Studios führen, fragen nach künstlerischen Techniken und geben ein paar Tipps für die Bewerbungsmappe.

Am Anfang der Kunstwelt-Selbstisolation kursierte glaubhaft noch der Hashtag #JoyOfMissingOut. Aber nichts da mit JOMO – der Tagesrhythmus der Kunst wird nun digital vorgegeben: Ab 10 Uhr morgens sind wir live auf Instagram in Ateliers, zur Mittagspause schleichen wir durch eine 360°-Ausstellungsansicht und ab 18 Uhr wird die nächste Museumseröffnung auf Zoom gefeiert.

Was bei digitaler Dauerbeschallung hilft? Selektion und Perspektive, und zwar auf das, was Kunst und sogar Museen digital eigentlich draufhaben. Während viele Ausstellungshäuser gerade mehr oder minder erfolgreich die sozialen Medien bevölkern, tummeln sich im Netz schon lange Kunstplayer, die die jetzt so gefragten virtuellen Tools weitaus besser beherrschen und demonstrieren, welche Standards eine heutige Online-Präsenz haben sollte.

Andy Picci, Inside view of the e-XHIBITION, 2020, ©Andy Picci, 2020.

Künstler wie Andy Picci zeigen, wie es geht. Der Schweizer Künstler, der schon lange vor allem mit seinen Instagram-Filtern fasziniert, hat für die besten seiner Quarantäne-Werke die VR-Soloausstellung „e-XHIBITION“  kreiert. Mit dem Handy können Besucher*innen über einen Link in den Space à la White Cube und sich dort via Screen fortbewegen. Die Schriftzüge “Alone is the new cool” und “You are my Quarantine” wabern durch den Raum, während in der Mitte eine gläserne Virus-Skulptur mit gebrochenem Herz-Emoji rotiert. Piccis ästhetische Werke verkörpern die Tragik der digitalen Selbstisolation: Das Fenster zur Außenwelt ist ein Instagram-Filter, den rosa Sehnsuchtsorten können wir nur auf dem Handy-Screen nachweinen.

Abseits von Social Media lassen sich über den Browser auch Kunstwerke erleben. Ein hervorragendes Beispiel sind die Arbeiten des chinesischen Künstlers aaajiaos “protestor/cursor/eyes” und “WELT”, in denen sich der Programmierer-turned-Künstler mit unserem Klickverhalten und alten Computergrafiken beschäftigt. Seine neue Arbeit ist derzeit auch in der wunderbaren Online-Ausstellung „WE=LINK: Ten Easy Pieces“ zu sehen – eine Ausstellung dreier internationaler Institutionen mit breiter digitaler Expertise: dem Chronus Art Center (Shanghai), Art Center Nabi (Seoul) and Rhizome/New Museum (New York). Eine Webseite, zehn neue Werke, zehn wichtige Web-Künstler*innen (unter anderem das Altmeister-Duo JODI und Nachwuchsstar Ye Funa). Das lässt das Kunsthistoriker*innenherz höherschlagen.

Aaajiao, GIF-Version von protester/cursor/eyes, Webseite https://t-h-e-s-p-a-c-e.com/protester/eyes/ , variable Dimensionen, 2020, Courtesy of the artist.

Auch andere Ausstellungsorte haben sich die digitale Expertise von Künstler*innen direkt zu Nutzen gemacht und das schon weit vor der globalen COVID-19-Krise. Mittlerweile ist die Triennale des X Museums in Peking „How Do We Begin“ online. Mithilfe des Künstlers und Digital-Designers Pete Jiadong Qiang ist die Ausstellung auf mobile Endgeräte gewandert. Durch die rudimentäre, schwebende Architektur können User-Besucher*innen sich durch den Museumsbau klicken und so den Werken digital hinterherjagen.

Für die immer noch Gelangweilten im Publikum setzt ein anderes chinesisches Museum noch eins drauf: Ausstellungen des MWOODS Museum können ab sofort im neuen, rekordbrechenden Nintendo Switch Spiel “Animal Crossing” besichtigt werden. Wer wollte nicht schon immer als kunterbunter Charakter durch Museumsräume schlendern und dabei ein bisschen socializen? Dort treiben sich übrigens auch internationale Designer und Künstler mit virtuellen Sammlungen auf privaten “Islands” herum …

M Woods’ virtuelle Ausstellung von “Andy Warhol: Contact” (2016). Courtesy of M Woods.

Hierzulande ging letzte Woche eine andere Gamification durch aller Munde: die App der König Galerie. Sie ist als räumliche Intervention des Galeriestandorts St. Agnes gedacht und wird virtuell laufend erweitert. Mit dem Künstler und Kurator der virtuellen FLOAT Galerie, Manuel Rossner, entwickelten König und die Kuratorin Anika Meier die Parcours-Ausstellung “Surprisingly This Rather Works” durch die ehemalige brutalistische Kirche. Als kleiner weißer Avatar hüpft man sich durch den digitalen Raum, beäugt Rossners 3D-Malerei-Skulpturen und springt über Steine auf ein bewegtes Laufband, den Neonpfeilen folgend durch die Simulation.

Ganz und gar entgehen kann man dem Social Media-Zwang aber auch hier nicht. In einer gemeinsamen Talk-Serie sprechen König und Meier mit Experten aus den Bereichen Net Art, Digitale Kunst und Post-Internet Art – auf Instagram natürlich. Für ein Stück wichtige Kunstgeschichte in diesem Programm muss man wohl über ein paar holprige Instagram Lives hinweg sehen. Das digitale FOMO bleibt.

Manuel Rossner, Surprisingly This Rather Works, Exhibition view, König Galerie, 2020, Courtesy of the artist and König Gallery.

Ich muss gestehen: Heute gebe ich mich schon mit gutem Sound ohne Echo im Live-Interview zufrieden und schweige beflissen, wenn der*die Kurator*in im Zoom-Call das Wort (und das Weinglas) ergreift. Aber wahlloser Kunst-Content en masse – soll das uns Kunstliebhaber*innen wirklich das Leben versüßen und als Interim-Kunst-Placebo dienen? Lieber nicht. Für morgen, da wünsche ich mir eine Kunstwelt post-Zoom, sozusagen digitale Wokeness. Eine Kunstwelt, die gelernt hat, dass digital nicht einfach ein hallendes Video auf Facebook oder Instagram bedeutet oder dass UX (User Experience) Design und digitale Integrationen schon seit geraumer Zeit für Museen und Galerien extrem wichtig sind. Eine Kunstwelt, die weiß, wie die Expertise des digitalen Kunstschaffens auszuschöpfen ist. Und die in neuen Kooperationsmodellen denkt, jenseits des DIY-Video-geplagten Ausstellungs-Tellerrands.

Digitale Shows, die zeigen, was gerade möglich ist:
„WE=LINK: Ten Easy Pieces“, Chronus Art Center, Art Center Nabi, Rhizome/New Museum
„Well now WTF“, Silicon Valet
„Art is Still Here“, MWOODS Museum
„How Do We Begin“, X Museum