Die Unkontrollierbarkeit der Dinge
"A Year Without The Southern Sun" in der Galerie XC.HuA

14. Mai 2020 • Text von

In der Ausstellung „A Year Without The Southern Sun“ reflektieren neun Künstler*innen den Umgang mit menschgemachten Krisenszenarien. Justin Polera kuratiert eine herrlich verstrickte Schau, die den Klimawandel und Postkolonialismus streift und einen vagen Blick in die Kristallkugel riskiert.

Installation von Neda Saeedi. Mehrere Schneekugeln, in denen grüne Objekte zu erkennen sind.

Neda Saeedi: „Parasitoid Cell of a Desirable Future“ , 2019-ongoing | Variable dimensions | 76 snow globes containing miniature sculptures © XC.HuA.

Wie erstrebenswert ist ein Blick in die Zukunft? In der Galerie XC. HuA können sich die Besucher*innen aussuchen, in welche der insgesamt 76 Glaskugeln von Neda Saeedis Installation „Parasitoid Cell of a Desirable Future“ sie gucken wollen. Wer bei Schneekugeln unfreiwillig an kitschige Reminiszenzen aus dem letzten Jahrhundert denkt, wird eines Besseren belehrt: Noch nie sah Nostalgie so cool aus. Die smaragdgrünen Monster und utopischen Städte dürfen geschüttelt werden, bis dicke Flocken um die Miniaturskulpturen aus Minecraft, Warcraft oder Fallout 4 stöbern. Saeedi wählte als Vorbild Computerspiele aus, in denen neben Sammeln und Züchten auch Wachstum und Kultivierung eine wichtige Rolle einnehmen. Die gläsernen Gehäuse wecken Assoziationen zu kolonialen Gartenstrukturen, die ein- und abgezäunt von ihrer Umwelt bestehen.

Auf der übergroßen Waage eines kalkuttischen Lebensmittelhandels werden Salz und Sand gegeneinander aufgewogen. Da das Salz die Luftfeuchtigkeit der Galerieräume aufnimmt und so an Gewicht zulegt, verändert sich die Arbeit von Nadia Kaabi-Linke im Laufe der Zeit. Kurator Justin Polera erklärt, dass die Arbeit eine Referenz zu Gandhis friedlichem Salzmarsch von 1930 sei, der auf die Abhängigkeit vom Salzmonopol Großbritannien aufmerksam machen sollte. Auf der anderen Seite thematisiere sie das Sandschürfen, das Strände auf der Jagd nach dem wertvollen Rohstoff markant verändere. Wer diese Assoziationen gerade nicht im Hinterkopf hat, erkennt zumindest deutlich das fragile Gleichgewicht unserer Umwelt.

Ausstellungsansicht "A Year without the Southern Sun" in der XC.HuA Gallery. Im White Cube hängen Fotografien, auf dem Boden liegt eine Muschel, an der Decke hängt eine Wage.

Exhibition View: „A Year without the Southern Sun“ 2020 | XC.HuA Gallery, Berlin ©XC.HuA.

Die Bodenskulptur „Scorched Earth“, eine weitere Arbeit von Kaabi-Linke, zeigt buchstäblich verbrannte Erde. Die Terrakotta-Abgüsse stammen aus den Rillen zwischen den Pflastersteinen des Dresdener Neumarkts. 1945 wurden hier zehntausende Leichen aufgehäuft, die bei den Luftangriffen auf die Stadt ums Leben gekommen waren. Wo damals Trümmerberge wuchsen, marschiert seit einigen Jahren die rechtsextreme Organisation Pegida auf. Skelettartige Linien ziehen sich grenzähnlich durch die Galerie. Die Besucher*innen müssen auf ihrem Rundgang immer wieder darüber steigen. Das schafft Irritation und provoziert eine wiederkehrende Erinnerung an vergangene Ereignisse und aktuelle Missstände.

Im zweiten Stock bereiten einem Kévin Blindermans alienartige Skulpturen einen warmen Empfang. Die Heizstrahler-Kreaturen scheinen sich den Besucher*innen aufmerksam zuzuwenden und mit flirrender Hitze zu umgarnen. Eine seltsam ambivalente Anziehung geht von ihnen aus, denkt man an die toxischen Mengen Kohlendioxid, die sie ausstoßen. In Frankreich sind die Geräte mittlerweile verboten, in Deutschland gelten eingeschränkte Bestimmungen. Eine der flimmernden CO2-Röhren ist bereits durchgebrannt. Soll das so? Eigentlich nicht, sagt Justin Polera, aber es passe zum Thema Endlichkeit. „Everything is falling apart in the end“ – da ist sie wieder, die Unvorhersehbarkeit.

Ausstellungsansicht "A Year without the Southern Sun". Raumgreifende Installation von Kévin Blinderman.

Exhibition view: „A Year without the Southern Sun“, 2020 | XC.HuA Gallery Berlin © XC.HuA.

Auf wundersame Weise scheinen in dieser Ausstellung alle Werke miteinander verbunden zu sein, sei es durch zufällige Begebenheiten oder explizite thematische Bezüge. Mit „Scorched Earth“ zieht sich nicht die einzige Linie durch die Ausstellung: Der Umgang mit dem Anthropozän, dem Menschen als wichtigem Einflussfaktor auf Umweltveränderungen, wird nur allzu deutlich. Es zeigt sich, dass Unkontrollierbarkeit und Endlichkeit sowohl global als auch im Ausstellungskontext unvermeidbar sind. Sei es in Form einer durchgebrannten Glühbirne oder einer sich stetig gen Salz neigenden Gemüsewaage. Selten sah Kontrollverlust so gut aus.

WANN: „A Year Without The Southern Sun“ läuft noch bis zum 30. Mai.
WO: Galerie XC.HuA, Potsdamer Straße 81B, 10785 Berlin.

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