Die Alchemie des Beton
Peyman Rahimi – "Ira"

26. April 2016 • Text von

Totenmasken? Heidnische Idole aus dem Moor? Büsten längst vergangener Honorationen? Die neuen Skulpturen von Peyman Rahimi irritieren, erwecken vielerlei Assoziationen und lassen sich doch nicht auf eine Deutung festlegen. Wir haben uns die Ausstellung „Ira“ in der Galerie Kai Erdmann für euch angesehen.

Fast auf Augenhöhe begegnet man den dunklen Figuren, wenn man die Galerie Kai Erdmann betritt. Inmitten des utilitaristisch gestalteten Galerieraums in den City-Höfen sind die Skulpturen auf unterschiedlichen Vorrichtungen aufgebockt: Hohe Dreifüße und seltsam organische Stelen bringen die Köpfe und Büsten auf Betrachterhöhe.

Die Arbeiten des im Iran geborenen Städelschülers Peyman Rahimi wollen bewusst irritieren – sie schieben sich in den Weg des Ausstellungsbesuchers, so wie die große Büste mit Loch, die nur scheinbar instabil auf einer gedrehten Säule gleich im Eingangsbereich des Galerieraums steht. Ebenso „aufdringlich“: die Figur, sich die ein klein wenig zu dicht an der Metalltreppe zum Obergeschoss zu befinden scheint. Auch sie fordert explizit eine Begegnung ein. Doch durch ihre geschlossenen Augen – Peyman Rahimi nahm die Gesichter seiner Modelle mit Gipsbinden ab – wirken die Büsten aber gleichzeitig mystisch und entrückt Sie scheinen über den Dingen zu stehen und sich dem Betrachter zu entziehen, auch wenn ihre Position im Raum die Konfrontation sucht.

Peyman Rahimi: o.T. Gefärbter Beton, Stahl & Elektrik, Courtesy Galerie Kai Erdann und der Künstler.

Peyman Rahimi: o.T. Gefärbter Beton, Stahl & Elektrik, Courtesy Galerie Kai Erdann und der Künstler.

Manche Figuren wirken regelrecht beseelt: Eine Altherrenbüste in der hinteren Raumecke verströmt aus einem Loch in der Kehle weißen Wasserdampf – und lässt die Assoziationen des Betrachters irgendwo zwischen Luftröhrenschnitt, Hochofenschlot und gemütlichem Pfeifeschmauchen oszillieren. Einer anderen Figur geht durch eine über ihren Kopf montierte Glühbirne buchstäblich ein Licht auf. Weiß man um Peyman Rahimis frühere Beschäftigung mit alchimistischer Thematik ist der Weg von der cartoonhaften Metapher zum „Fiat Lux“ des Demiurg nicht allzu weit.

„Porträtbüsten aus Bronze“, versucht man das Gesehene zu katalogisieren. Doch hier ist kaum etwas so, wie es auf den ersten Blick scheint. Zum einen bestehen die Figuren nicht aus Bronze, sondern aus schwarz gefärbtem Beton. Und ja, die Skulpturen tragen porträthafte Züge, schließlich standen Familienmitglieder und Freunde des Künstlers dafür Modell – gleichzeitig wurden ihre Gesichter aber durch die geschlossenen Augen und die Bearbeitung des Materials – frankensteinartiges Aneinandersetzen mehrerer Partien für jeden Kopf – so sehr verfremdet, dass sie autonom und überzeitlich für sich zu stehen scheinen. Werktitel, die Hinweise auf ihre Identitäten zulassen, gibt es nicht.

Peyman Rahimi: o.T. Gefärbter Beton & geöltes Holz, Courtesy Galerie Kai Erdann und der Künstler.

Peyman Rahimi: o.T. Gefärbter Beton & geöltes Holz, Courtesy Galerie Kai Erdann und der Künstler.

Die schwarzen Rätselgesichter sind für Peyman Rahimi nur ein Stilmittel von vielen. Im Verlauf seiner Karriere experimentierte der 1977 in Teheran geborene Künstler bereits mit einer Vielzahl von Formen und Materialien sowie kunst- und kulturhistorischen Referenzen. Die Palette reicht von filigranen Aquatinta-Radierungen in der Tradition von Goya über skulpturale Installationen, die die Kolben, Mörser und Schüsseln eines Alchimistenlabors von John Dee oder Albertus Magnus aufzugreifen scheinen. Auch für seine Schau in der Galerie Kai Erdmann begnügt sich Peyman Rahimi nicht mit einem Material: Neben den dunklen Betonfiguren finden sich in der Ausstellung auch Holzobjekte: Stelen, Kugeln und amorph-organische Skulpturen aus dunkel geöltem Nussbaumholz. Mit seiner glatten, geradezu steinernen Oberfläche scheint sich das ungewöhnliche Holz ähnlich wie der bronzeartig wirkende Beton seiner eigenen Materialität zu widersetzen.

Wer am eigenen Leib erfahren möchte, wie mystisch so alltägliche Materialien wie Beton und Holz wirken können, und wie gut sich die verstörend überzeitlichen Figuren in die pragmatische Architektur der City-Höfe einpassen, der hat noch bis zum 7. Mai Zeit. Bis dahin ist „Ira“ in der Galerie Kai Erdmann am Klosterwall  zu sehen.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis 7. Mai und ist  Mi. – Fr. 10 – 18 Uhr; Sa. 11 – 14 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.

WO: Galerie Kai Erdmann, Klosterwall 4, 20095 Hamburg

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