Der Abgrund muss zu spüren sein
Norbert Schwontkowskis fantastische Bildwelten

20. Februar 2019 • Text von

Schwontkowskis Werke zeigen surreale Situationen, Sujets, stille Szenerien. Den Betrachter lässt er eintauchen in mystische Bildwelten, in seine Welten. Obwohl oftmals einfach im Bildaufbau, zeugt seine Malerei durch ihre reduzierte Farbigkeit und der wächsernen Patina von einer Tiefe und Aura, die staunen lässt.

Norbert Schwontkowski, „Die Kugel (Mitropa)“, 2009 © Contemporary Fine Arts, Foto: Matthias Kolb.

„Ich male eben nicht nach Fotos, ich male nach meiner inneren Empfindung“, sagte Schwontkowski einmal. Und das wird deutlich, wenn man sich durch die nunmehr sechste Einzelausstellung des 2013 verstorbenen Malers in der Galerie Contemporary Fine Arts treiben lässt. Die Ausstellung „Die von da“ führt den Besucher raus aus der Berliner Großstadt fernab in verwunschene Steinhöhlen, durch nächtliche Szenerien, verträumte Winterlandschaften. Man taucht ein, taucht ab − haut gedanklich ab – in eine der immer wieder auf den Leinwänden dargestellten Öffnungen, deren Bedeutung sich auch die Ausstellung bei CFA widmet. Spiegel, Türen, Fenster, Zugfenster eröffnen die Reise durch Schwontkowskis Universum; das Rätselhafte lockt hinein, ganz durchdringen wird man es aber nicht. Die Reise ist das Essentielle. Auch für den Künstler, dem das Zugfahren tatsächlich zur Bildfindung diente, er selbst verfasste gar einen lyrischen Text „Über das Reisen in der Dämmerung“.

Contemporary Fine Arts, „Die von da“, Ausstellungsansicht © Contemporary Fine Arts, Foto: Matthias Kolb.

Die Reise in die Dämmerung, in das Absurde erinnert in einigen der Landschaften wie „The Call (Der letzte Schrei)“ oder „Foreign Language“ stark an Landschaften der deutschen Romantiker. Auch der Mönch von Caspar David Friedrich steht einsam, verloren in der Weite eines unendlichen Blaus. So setzt auch Schwontkowski seine dem Alltag entnommenen Gegenstände und Figuren, isoliert – als fehlplatzierte Wesen – in seine unwirklichen, gespenstischen Landschaften. Wie Friedrich seinen Mönch mit einem undurchdringbaren Blau kämpfen lässt, so nutzte auch Schwontkowski die Mittel der Farbe und des Materials, um seinen Bildern den unverwechselbaren Schimmer der „Dämmerung“ zu verleihen. Er experimentierte mit Pigmenten und Metallen, trug diese schichtenweise in Nass-in-Nass-Technik auf, was eine wächserne Patina hervorbrachte. Die Metalle oxidieren über die Jahre – die farbliche Struktur ändert sich, beginnt zu „dämmern“.

Contemporary Fine Arts, „Die von da“, Ausstellungsansicht © Contemporary Fine Arts, Foto: Matthias Kolb.

Nicht oft stellte Schwontkowski eine direkte Lichtquelle dar, wie jene Laterne in „Das leere Zimmer“, welche in die Dunkelheit der Nacht strahlt. Viel eher scheinen seine skurrilen Szenerien von alleine zu leuchten – seien es die unteren Schichten, die aus dem vielschichtigen Farbauftrag hervorstechen oder die verwischten Konturen, die seine Bilder strahlen lassen. Es ist diese besondere Form des Lichts, die den Werken Schwontkowskis ihren Zauber verleiht, ja seine ohnehin mystischen Landschaften beinahe spirituell erscheinen lässt. Das ist nicht weit hergeholt, denn es waren Themen wie Glaube, Hoffnung, Sinnlosigkeit, Tod und Verletzlichkeit, die den Maler bewegten. 1949 in Bremen geboren, erhielt er eine christliche Erziehung und besuchte eine katholische Klosterschule. Fragen nach den nur schwer zu erlangenden Wahrheiten beschäftigen ihn also schon früh, sollten aber seiner Meinung nach mit Humor genommen werden, es sei „die normalste Lebenshaltung, anzunehmen, dass man am Rande des Abgrunds balanciert.“

Norbert Schwontkowski, „Das Bad“, 2011 © Contemporary Fine Arts, Foto: Matthias Kolb.

Spürbar am Rande des Abgrunds befinden sich auch seine Figuren, die in den kühlen Landschaften ins Leere blicken und sich einem Gefühl von Ohnmacht entgegen sehen. Trotzdem ist es genau diese Art von Leichtigkeit und Humor, „am Abgrund zu balancieren“, die den besonderen Charme von Schwontkowskis Werken ausmachen – der Herr im weißen Hemd und Fliege, der seine Füße in einer roten Wanne badet, ein aus Schallplatten bestehender „Künstler“ oder aber seine humoristischen Zeichnungen, die verformte Körper „Ohne Titel (Au)“ oder karikatureske Köpfe zeigen. Es ist somit nicht nur seine Maltechnik, der vielschichtige Farbauftrag, der die Werke mit Aura versetzt, sondern auch sein skurriler Humor, mit dem der Bremer es schaffte, unspektakuläre Motive aus dem Alltag ins Absurde zu rücken, und dabei vielleicht unseren Wunsch zu stillen, wie er es ausdrückte, „die kindliche Unschuld zurückzugewinnen“.

WANN: Die Ausstellung „Die von da“ ist noch bis 7. März zu sehen. Am Samstag, den 23. Februar, hält die Kunsthistorikerin Dorothea Zwirner um 15 Uhr einen Vortrag mit dem Titel „Als begriffen wir Sinn, ohne je danach gefragt zu haben“ zur Ausstellung bei Contemporary Fine Arts. Ab Oktober 2019 wird dem Künstler eine große Retrospektive im Kunstmuseum Bonn gewidmet, gefolgt von der Kunsthalle Bremen und dem Gemeentemuseum in Den Haag 2020.
WO: Contemporary Fine Arts, Grolmanstraße 32/33, 10623 Berlin.

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