Das Museum der Zukunft
Warum die Londoner Tate Modern mehr als modern ist

28. Juli 2016 • Text von

Im zarten Alter von 16 Jahren bekam die Einrichtung nun Zuwachs: In dem kürzlich getauften Switch House gibt’s mehr Platz, eine komplett neue Hängung und ein progressives Konzept. Hier wurde früh begriffen, wie man sich als Institution dem Zeitgeist der bildenden Kunst annähert.

Multicolor TM © Peter Saville. Courtesy Herzog and de Meuron.

Multicolor TM © Peter Saville. Courtesy Herzog and de Meuron.

260 Millionen Pfund hat das tolle neue Gebäude gekostet, derzeit schmucke 310 Millionen Euro. Weshalb so viel Geld ausgeben das man nicht hat, könnte man jetzt fragen, und somit sicher die ein oder andere Diskussion entfachen. Doch eines sei im Vorhinein klargestellt: Hier wurde kein Prestigeprojekt á la Guggenheim Bilbao realisiert. Zwar bietet der neue zehngeschossige Bau schönen Schnickschnack wie eine Dachterrasse mit Panoramablick und ein tolles Restaurant, man muss die Touris schließlich glücklich machen. Doch scheint ein solcher Ausbau für das international beliebteste und meistbesuchte Museum für moderne und zeitgenössische Kunst durchweg berechtigt. Denn dadurch konnte die Ausstellungsfläche um über die Hälfte des ursprünglichen Platzes vergrößert werden. 800 Werke von über 300 Künstlern werden somit der Öffentlichkeit zugänglich, wovon 75 Prozent nach der Gründung des Museums im Jahr 2000 erworben wurden. Gezeigt wird eine brandaktuelle und durch die Bank diversifizierte Sammlung.

Installation view of "Between Object and Architecture", Photo Courtesy of Tate Photography.

Installation view of „Between Object and Architecture“, Courtesy Tate Photography.

Während dem Prinzip der Themenräume nach flexiblen Kategorien wie „Künstler und Gesellschaft“ oder „Zwischen Objekt und Architektur“ treu geblieben wurde, wird versucht, ohne Chronologie eine globalisierte und genderisierte Kunstgeschichte zu schreiben: Über 50 Nationalitäten werden vertreten, den ghanaischen Bildhauer El Anatsui findet man beispielsweise in unmittelbarer Nähe zu dem Waliser Richard Deacon und einer Rieseninstallation der indischen Künstlerin Sheela Gowda. Einerseits werden so zwar Referenzrahmen, die den einzelnen Werken zustünden, gesprengt. Andererseits werden dadurch aber auch multiple Lesarten der jüngsten, global geprägten Kunstgeschichte ermöglicht, die den westlich-männlich geprägten Kanon längst abgelöst hat. Das weiß zwar jeder, nur wollen es viele Institutionen noch nicht begreifen.

Sheela Gowda, Behold 2009, © Sheela Gowda.

Sheela Gowda, Behold 2009, © Sheela Gowda.

Ein bewusster Schwerpunkt wird außerdem auf Frauen der Kunst gesetzt. Dass über die Hälfte der Einzelausstellungen Künstlerinnen wie Louise Bourgeois oder Gülsün Karamustafa gewidmet wurden, ist im musealen Rahmen bahnbrechend. Interessant ist, dass der internationale Blick der Tate Modern nach außen den derzeitigen politischen Strömungen im Land kulturell entgegen zu wirken scheint.

Installation view of Artist Rooms: Louise Bourgeois, Photo courtesy Tate Photography © The Easton Foundation.

Installation view of Artist Rooms: Louise Bourgeois, Courtesy Tate Photography, © The Easton Foundation.

Die wohl innovativste Unternehmung der Tate Modern findet unterirdisch statt. „The Tanks“, einstige Öltanks unter dem ehemaligen Kraftwerk, sind Live Art, Film und Installation gewidmet. Als erstes Museum weltweit bietet es hier interaktiver Kunst eine Bühne, um der ständig wachsenden Rolle von Performance nicht nur gerecht zu werden, sondern diese Bedeutung in den letzten Jahrzehnten hervorzuheben und weiter zu fördern. Als Kunstform, die sich durch eine radikale Anfechtung des Verhältnisses zwischen Objekt und Betrachter und durch eine zeitlich und räumlich begrenzte Erfahrbarkeit auszeichnet, ist sie zugegebenermaßen schwer in einem Ausstellungskontext zu repräsentieren. Doch wurde hier ein flexibles Format experimentellen Charakters geschaffen, der die mannigfaltigen Entwicklungen des künstlerischen Ausdrucks zulässt und erlebbar macht. Hier sollen Begegnung, Interaktion und Erfahrung ermöglicht werden.

The Tanks © Tate Photography.

The Tanks © Tate Photography.

Eine Plattform für menschliche Zusammenkunft soll auch durch das Projekt „Tate Exchange“ geschaffen werden, das im Neubau ein gesamtes Stockwerk einnimmt. Hier wird mithilfe von 50 Partnereinrichtungen ein Veranstaltungsprogramm zugunsten des Austausches entwickelt, der weit über den musealen Kontext hinausgehen soll. Künstler wie die Guerilla Girls und Tim Etchells arbeiten dabei in einem „offenen Experiment“ mit Universitäten, Freiwilligenbewegungen oder lokalen Radiosendern zusammen, um breite soziale Themen zu adressieren. Durch die Interaktion von unterschiedlichen Interessensgruppen unter dem Stern der Kunst sollen neue Perspektiven geschaffen und Ideen ausgetestet werden. Der elitäre Charakter kultureller Institutionen und die periphere Rolle von Kunst in gesellschaftlich relevanten Debatten könnte hierbei aufgehoben und ein weitreichender Dialog aufgebaut werden. Wie genau sich das Experiment ab September entfalten wird, ist noch offen. Fest steht, dass sich viel tut auf der Bühne, die die neue Tate Modern gebaut hat und nun bespielt. Diese Bühne zeigt ein neues Model eines Ausstellungsforums, das in der Lage ist, sich an die Strömung der Zeit anzupassen und diese aktiv beeinflusst. Der kreative Charakter des Museums offenbart einen offenen, freudigen Blick in die Zukunft der Kunst.

WO: Tate Modern, Bankside, SE1 9GT, London, Großbritannien.