Das Kunst-Virus
Eine Analyse der kulturellen Quarantäne

18. März 2020 • Text von

Das Corona-Virus legt das kulturelle Leben lahm. Museen, öffentliche Orte, „nicht systemrelevante“ Einrichtungen werden zum gesundheitlichen Wohl der Bevölkerung geschlossen. Das ist medizinisch vermutlich angebracht, für die Kulturmaschine aber auf vielen Ebenen fatal.

Entvölkerte Brüsseler Metrostation mit Kunstinstallation, 13. März 2020, Foto: designarchitektur

Das Wort Kultur stammt aus dem Lateinischen; „cultura“ ist der Ackerbau, also ganz grundlegend die Eingliederung des wilden Weizens in die gestaltete Welt des Menschen. Das ist Kultur, die Gestaltung unserer Gesellschaft, unserer Öffentlichkeit und des gemeinsamen Zusammenlebens. Zur Kultur gehören Museen, Parks, Galerien und Konzerte genauso wie Kneipen, Diskos, Demonstrationen und Graffitis. Wenn aufgrund einer Krise alle diese Angebote zur Infektionsgefahr werden und deshalb als Angebot ausfallen, ist das ernster, als man zunächst glauben möchte. Es ist wichtig, diese Situation mit ruhiger Hand zu sezieren, sie vor sich auszubreiten und zu betrachten, denn kulturelle Quarantäne zeitigt auf vielen Ebenen Folgen.

Es gibt individuelle Folgen der Quarantäne wie Vereinsamung, die je nach Person zu stärker oder schwächer erhöhtem körperlichen und psychischen Stress führen und nach bestimmter Zeit krank machen können. Es ist eine direkte Auswirkung eines kulturellen Mangels, der ein Mangel an Gemeinschaft ist, wenn Zerstreuung, Ablenkung und Ansprache fehlt, oder kurz gesagt, wenn die magische und bezaubernde Gegenwelt der Kultur ihre Tore schließt. Durch Internet und Netflix kann man vieles kompensieren, aber nicht alles und nicht zeitlich unbegrenzt. Dieser sich verstärkende Mangel ist die konkrete individuelle Folge des fehlenden kulturellen Angebots beim Nutzer.

Wie steht es um die kulturellen Akteure? Hier muss man, um die Folgen zu verstehen, zunächst die öffentlichen Kulturträger von den privaten trennen. Während die öffentlichen Museen, Konzerthallen und Schwimmbäder in höherem oder niedrigerem Maße jedenfalls grundsätzlich in ihrer Existenz gesichert sind wenn sie auch ihren Auftrag Kultur zugänglich zu machen, nun nicht ausüben dürfen, können zwei oder drei Wochen ohne Besucher und Kunden eine privatwirtschaftliche Galerie, eine/n freiberufliche/n Kunstschaffende/n oder ein inhabergeführtes Lokal leicht irreversibel schädigen, viel leichter als man oft von außen vermutet. Hier gibt es einige Akteure, die in der Krise verschwinden und nach der Krise womöglich nicht wiederkommen können, denn ein Unternehmen kontinuierlich am Laufen zu halten ist eine gänzlich andere Sache als es komplett neu zu starten.

Was ist mit der größten Gruppe, den Akteuren der zweiten Stufe? Das sind die meist freiberuflichen oder geringfügig beschäftigten MuseumspädagogInnen, KuratorInnen, Fitnesscoaches, StadtführerInnen, GastronomiemitarbeiterInnen, SchriftstellerInnen, MusikerInnen, SchauspielerInnen, JournalistInnen, RedakteurInnen, SängerInnen und so weiter. Diese Personen verdienen wie die Kulturschaffenden nur dann Geld (und erreichen nur dann die im Kulturbetrieb so wichtige Aufmerksamkeit), wenn sie öffentlich in Erscheinung treten . Fast alle diese Menschen zahlen Miete, Sozialversicherungen, Rentenbeiträge, Steuern und müssen sich und oft auch ihre Familien von ihrem oft unsicheren Beruf ernähren. Das funktioniert wie bei den Akteuren erster Stufe nur über Sichtbarkeit im Kulturbetrieb, die zu weiteren Engagements, Projekten und Besuchern führt. Eine längere Phase der Unsichtbarkeit schadet diesen Personen unmittelbar, mittelfristig UND langfristig.

Wenn wir als Gesellschaft nicht entschieden dazu beitragen, den hochwertigen und diversen kulturellen Sektor unseres Landes in der Krise zu stützen, werden wir nach der Krise in vielen Bereichen nur noch verkohlte Trümmer vorfinden, und die „cultura“, die hochverfeinerte menschliche Lebensart, die nachweislich wichtig für körperliche und geistige Gesundheit ist, wird womöglich ernsten Schaden nehmen.

Die inzwischen eingerichtete Soforthilfe Corona der bayerischen Regierung zur schnellen finanziellen Unterstützung von Betrieben und Freiberuflern ist ein erwähnenswerter Lichtblick.

Wir haben uns entschieden, vorerst auf Ausstellungs-Tipps zu verzichten. Stattdessen empfehlen wir in unserer neuen Artikelreihe „Kunst in Quarantäne“ Bücher, Filme, Digital Viewings, Podcasts und mehr zum Thema.