Until the Quiet Comes
Imperial Courts im Stedelijk Amsterdam

14. Februar 2020 • Text von

Ein jahrzehntelanges Fotoprojekt führte die niederländische Fotografin Dana Lixenberg immer wieder in die Siedlung Imperial Courts im Süden von Los Angeles. Dem Ort und seinen Bewohner*innen hat sie schließlich eine Videoarbeit gewidmet, die aktuell im Stedelijk Museum in Amsterdam zu sehen ist.

Dana Lixenberg: Imperial Courts, 2015. Three-channel videoinstallation, 69 min., videostill – detail, courtesy: the artist and GRIMM Amsterdam / New York, collection Stedelijk Museum Amsterdam.

Blutroter Himmel, gelbes Straßenlaternenlicht und zwei Kinder, die über abgetretenes Gras auf einen Wohnblock am Horizont zulaufen. Der Kurzfilm „Until the Quiet Comes“ von Khalil Joseph wurde 2012 in Nickerson Gardens, Los Angeles, gedreht. In demselben Jahr brachte Rapper Kendrick Lamar sein erstes Studioalbum „good kid, m.A.A.d. city“ heraus. Es erzählt von seiner Jugend in Compton, einem Stadtteil ebenfalls im Süden von L.A. Beide Orte stehen symbolisch für eine von Armut und Chancenlosigkeit, Straßengangs und Kriminalität geprägte Lebensrealität der mehrheitlich afroamerikanischen Bewohner*innen. Nickerson Gardens ist mit über eintausend Wohneinheiten die größte Sozialbausiedlung westlich des Mississippi; Compton der Geburtsort des Gangsta Rap wie ihn N.W.A. Ende der achtziger Jahre berühmt machte. Eine Meile östlich von Nickson Gardens liegt die weniger bekannte Sozialbausiedung Imperial Courts. Von 1993 bis 2015 porträtierte die niederländische Fotografin Dana Lixenberg deren Bewohner*innen. Daraus hervorgegangen ist eine umfangreiche Publikation sowie eine Videoinstallation.

Dana Lixenberg: Imperial Courts, 2015. Three-channel videoinstallation, 69 min., videostill – detail, courtesy: the artist and GRIMM Amsterdam / New York, collection Stedelijk Museum Amsterdam.

Das dreikanalige Video „Imperial Courts“ setzt sich immer wieder zu einem Panorama zusammen. Die Häuserfluchten zwischen den identischen Wohnblöcken, das abgetretene Gras, der Müll auf der Straße – all das sind Bilder, die vertraut anmuten, so oft hat man sie in Filmen oder Musikvideos gesehen. Im Süden wird Imperial Courts von einem Highway und einem Freeway begrenzt. Der monoton fließende Verkehr und der Lärm vorbeifahrender Autos werden zu einem visuellen und akustischen Hintergrundrauschen. Die Bewohner*innen sitzen auf Plastikstühlen vor ihren Häusern, lehnen an Wänden oder Autos. Manchmal sind sie in Nahaufnahmen zu sehen, erzählen von ihren Hoffnungen und Sorgen, in Reimen und in Slang, schauen in den blauen Himmel Kaliforniens und dann wieder auf die Straße. Diese Bewegungslosigkeit, ein Warten ohne Anlass, verbindet die einzelnen Szenen genauso wie die uniforme Architektur und ein gleichförmiger Alltag. Oft zeigt Lixenberg dieselbe Situation aus unterschiedlichen Perspektiven, wodurch das dokumentarische Betrachten in ein spannungsgeladenes Beobachten kippt. Als Zuschauer*in fügt man die einzelnen Bilder zusammen, sucht nach Brüchen, Überschneidungen und Zusammenhängen.

Es ist Alltägliches zu sehen – Bilder, die vom gewöhnlichen Leben erzählen, ohne dabei dessen Banalität zu inszenieren: ein Kindergeburtstag mit einer aufblasbaren Wasserrutsche, zwei Frauen im Auto, die rauchen und ihre Haare stylen, ein frisch verheiratetes Ehepaar, eine Gruppe Mädchen, die Autowäsche für vorbeifahrende Fahrzeuge anbietet und eine Gruppe Jungs, die ihr Auto polieren. Diese Bilder machen ein Leben menschlich, zeigen das Andauern einer Realität auf, die oftmals nur aus den Erzählungen von denjenigen bekannt ist, die es herausgeschafft haben, oder aus den Nachrichten, die von Gewaltausbrüchen oder Kriminalverfahren berichten.

Dana Lixenberg, Imperial Courts, 2015. Three-channel videoinstallation, 69 min., videostill – detail, courtesy: the artist and GRIMM Amsterdam / New York, collection Stedelijk Museum Amsterdam.

1992 wurden die vier Polizisten des LAPD freigesprochen, die den Afroamerikaner Rodney King im Jahr zuvor brutal zusammengeschlagen hatten. Obwohl es eine Videoaufnahme von der Tat gibt, blieb eine Verurteilung aus. Als Reaktion auf den Freispruch kam es zu den sogenannten „Los Angeles Riots“. Die Aufstände gegen Polizeigewalt und rassistische Praktiken des LAPD dauerten sechs Tage an und forderten über 60 Tote. 1993 besuchte Dana Lixenberg Imperial Courts zum ersten Mal mit der Intention, ein Gegengewicht zu der eindimensionalen und sensationshungrigen Berichterstattung zu schaffen. Mit einer Großformatkamera machte sie Aufnahmen von den Bewohner*innen und kehrte in den nächsten zwanzig Jahren immer wieder zurück nach South Central L.A. Das daraus hervorgegangene Buch mit unzähligen Schwarzweißfotografien verzeichnet nicht nur Namen und Jahreszahlen, sondern auch Verwandtschaftsverhältnisse und Todesjahre. Die Videoinstallation im Stedelijk, ebenso wie die Porträtaufnahmen sind Teil einer Webdokumentation, die die Künstlerin gemeinsam mit der Journalistin Eefje Blankevoort entwickelt hat. Das Projekt wird fortlaufend mit Beiträgen von der Bewohner*innen von Imperial Courts ergänzt: Interviews, Spoken Word in lyrischer oder musikalischer Form und Informationen zu den Porträtierten.

Vieles von dem, was Lixenberg von Imperial Courts zeigt, mutet seltsam vertraut an. Wer amerikanischen Hiphop hört, hat schon mal vom Leben in den „Projects“ gehört. Wer in den letzten Jahren Arthur Jafas „Love is the Message, the Message is Death“ gesehen hat, kennt die Aufnahme wie Rodney King von der Polizei zusammengeschlagen wurde. Die Wiederholung stereotyper Bilder kann eine Wiederaneignung fremdbestimmter Narrative sein oder Vorfälle sichtbar machen, über die in den Mainstream-Medien nur begrenzt berichtet wird. Wie beispielsweise bei Arthur Jafa oder auch Khalil Josephs Projekt „BLKNWS“, das bei der diesjährigen Venedig Biennale zu sehen war. Wenn Hiphop Musiker*innen in ihren Videos und Texten diese Lebensrealität beschreiben, ist das nicht nur Realness, sondern auch ein Identifikationsangebot – beispielsweise für die Bewohner*innen von Imperial Courts. Dana Lixenbergs Projekt nimmt eine andere Perspektive ein: Das alltägliche Leben, mit Freunden und Herausforderungen, und Langeweile. Wie wenig vertraut diese Bilder für das westeuropäsische Publikum sind, das sich in einer Black Box im Stedelijk zusammenfindet, ist wertvolles Korrektiv für die eigenen Sehgewohnheiten.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. Mai 2020 zu sehen.
WO: Stedelijk Musum, Museumplein 10, 1071 Amsterdam.