Curatieren mit care
Technocare im Kunstraum Niederösterreich

17. April 2019 • Text von

Der Mensch ist nur eines von vielen Wesen, die Verantwortung übernehmen können – und um die sich gekümmert werden muss. Pferde, Handys, Babys, Raurakl, Ding, Maschine, das zeigt die Ausstellung TechnoCare, sind alle Teil eines verschränkten Beziehungsgeflechts.

Ines Lechleitner, Ausstellungsansicht „Technocare“ im Kunstraum Niederösterreich. Foto: Georg Molterer.

Die Ausstellungseröffnung beginnt mit einer vorsichtigen Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Pferd. Etwas abstrakter gesagt – die Performance von Ines Lechleitner und der Tänzerin und Choreografin Alice Chauchat zeigt eine dreifach verschränkte Interaktion des künstlerischen Konzepts. Dieses setzt sich zusammen aus Zeichnungen auf einer Tafel, deren abweichender tänzerischer Interpretation, und schließlich der Darstellung dieser Interaktion als das, was Karen Barad Intra-aktion genannt hat: das Resultat einer Verschiebung unserer Aufmerksamkeit weg von kausalen und hin zu relationalen, sich wechselseitig herstellenden Beziehungen. Denn ganz allmählich entsteht aus den wiederholten und dabei leicht variierten Übersetzungen von Zeichen in Bewegung und Bewegung in Zeichen eine wechselseitige Kommunikation. Dabei geht es nicht nur um ein gegenseitiges achtsames Wahrnehmen des Anderen, sondern um ein konkretes Miteinander-Werden – um eine symbiotische Form der Fürsorge.

„curo“ (lat.): sich kümmern, sich angelegen sein lassen, sich zu Herzen nehmen, besorgen, bevorzugen, warten, pflegen, kurieren; aber auch verwalten, befehligen und herbeischaffen. Das Verb „kuratieren“ leitet sich vom Lateinischen „curare“ ab, und bedeutet eben nicht nur sich um etwas sorgen, sondern auch Verantwortung zu übernehmen. Demzufolge behandelt die erste Ausstellung der neuen Leiterin des Kunstraum Niederösterreichs Katharina Brandl gleich auf zwei Ebenen ein ultra-aktuelles Thema: Wie wollen wir zusammen leben? Und eben auch: Welche Verantwortung übernimmt dabei das Kuratorische – oder noch größer, die Kunst?

Alexa Karolinski und Ingo Niermann: The Army of Love, Videostandbild, 2016. © Alexa Karolinski & Ingo Niermann.

Verantwortung ist, genauso wie Fürsorge, ein relationaler Begriff und lässt sich gesetzlich regeln und einfordern. Fürsorge aber nicht. Sie entspringt eher einem ganz individuellen Gefühl für gegenseitige Verbundenheit. Einem Empfinden dafür, dass alle Wesen – Hunde, Avatare, Menschen und scheinbar amorphe Dinge wie Geschirrtücher und Formgedächtnispolymer – miteinander verwoben sind. Wir sind Teil eines dichten Gewebes und so kommt es eben nicht darauf an, die Suche nach einer Identität als Ausschluss alles Anderen zu verstehen, sondern als Anerkennung dieser grundsätzlich ontologischen Verwobenheit aller miteinander. Ein post-anthropozentrischer Begriff von Verantwortung wäre dann nicht mehr an ein vorangestelltes, sich autonom dünkendes Subjekt gebunden, das Verantwortung für Objekte trägt, sondern entstünde selbst erst aus der Beziehung zu anderen. Das also, was Donna Haraway in ihrem „Manifest für Gefährten“ „speziesübergreifende Sozialität“ nennt, ist die Überschrift,  unter der die künstlerischen Positionen, die im Kunstraum Niederösterreich gezeigt werden, zusammengefasst sind. Die Gefährten, denen wir begegnen: ein Handy, das gestreichelt wird, eine Roboter-Nanny, ein Pferd-Mensch-Objekt, geflickte Geschirrtücher, Formgedächtnispolymer, ein Raurackl, virtuelle Pflegekräfte und eine „Army of Love“.

Letztere entstand für die 9. Berlin Biennale (2016)  und ist ein dokufiktionaler Film von Alexa Karolinski und Ingo Niermann über einen utopischen Ort gleichberechtigter Liebe außerhalb selektierender Algorithmen und kapitalistischer Vermarktung. Der Film lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Perspektive der Benachteiligten und Ausgeschlossenen und die körperlich Beeinträchtigten, die in unserer Performance-Gesellschaft, in der Jugend, Schönheit und Selbstbestimmung – Tinder – die entscheidenden Selektionskriterien sind.

Addie Wagenknecht: Optimization of Parenthood, Part 2, 2012. Artwork courtesy: Addie Wagenknecht & bitforms gallery, New York. Image courtesy: Carnegie Mellon University School of Architecture, Digital Fabrication Laboratory.

Als dystopischer Gegenpart zur „Army of Love“ kann die Roboter-Nanny von Addie Wagenknecht verstanden werden (muss aber nicht), die das Publikum empfängt, als es friedlich besänftigt und leicht eingelullt von der Spa-Atmosphäre des Films wieder mit der Realität der Ausstellung konfrontiert wird. Was passiert, wenn Fürsorge und Pflege delegiert und outgesourct werden an online bots, Avatare oder Roboter, wie es z.B. Elisa Giardina Papa’s „Technologies of Care“ thematisiert? Was wird aus Streicheleinheiten und Gute-Nacht-Geschichten, wenn der Roboter die Wiege schaukelt, wenn das Handy zum Haustier mutiert und die Pflegekraft für meine Großmutter ein Online-Bot ist? Andererseits aber: Was heißt es, wenn eine Sitzbank ein sinnliches Verhältnis mit mir eingeht – wie die sich meinem Körper anschmiegende Bank, die Marina Sula konzipiert hat? Formgedächtnispolymer, aus dem die Oberfläche der Bank ist, hat die wunderbare Eigenschaft ein symbiotisches Verhältnis mit seinen Gefährten herzustellen, indem es deren Körperformen mimetisch nachbildet.

Fließend sind die Grenzen, die Tier, Mensch, Ding und Maschine voneinander trennen, aber auch miteinander verbinden. Daran sind nicht zuletzt die Bilder beteiligt, die Uneindeutigkeiten verstärken und hybride Lebensformen erschaffen, die als materielle Zeichen diese Grenzüberschreitungen verkörpern, indem sie sich ambigue – zwischen kritischem Infragestellen und affirmativer Zustimmung – verhalten. Die Ausstellung „Techno Care“ möchte, dass wir uns unser eigenes Bild davon machen.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. Mai 2019 und ist jeweils von Dienstag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, und am Samstag von 11 bis 15 Uhr, geöffnet.
WO: Kunstraum Niederösterreich, Herrengasse 13, 1010 Wien. Details online.

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