CRITICAL MESSINESS
Lorena Juan von Coven Berlin im Gespräch

19. Juli 2018 • Text von

Das Glück ist mit den Tüchtigen. Sagt man. Wer hart arbeitet, dem ist die Welt wohlgesonnen. Wie diese Glückserzählungen auch durch historische, strukturelle und gesellschaftliche Bedingungen konstruiert sind, hinterfragt die Gruppenausstellung LUCKY in der nGbK in Berlin.

Laura G. Jones, LUCKY in der nGbK in Berlin-Kreuzberg, courtesy of Coven Berlin, Foto: Judy Landkammer.

Das Glück ist ein Vöglein. Aber das Glück ist auch eine kulturelle Konstruktion, die Privilegien negiert. Wir sprachen mit Lorena Juan, Gründungsmitglied des Kollektivs Coven Berlin, das gegenwärtig die Gruppenausstellung LUCKY in der nGbK in Berlin-Kreuzberg präsentiert.

gallerytalk.net: Was ist Coven Berlin und was macht Ihr?
Lorena Juan: Coven Berlin ist ein queerfeministisches Kollektiv aus gegenwärtig acht Menschen. Es besteht bereits seit fünf Jahren und begann eigentlich ganz beiläufig. Damals habe ich mit meiner Mitbewohnerin Judy sehr viel über Feminismus und Queerfeminismus diskutiert. Das war der Ausgangspunkt. Wir haben gemerkt, dass wir uns gerne einen gemeinschaftlichen Rahmen schaffen wollten, durch welchen wir unsere Fragen, Anliegen und Bedürfnisse ausdrücken können. Wir haben eine Website gestartet, die queerfeministische Beiträge mit Berlin-Bezug präsentierte. Danach haben wir Mitstreiter*innen via Craigslist gesucht, worüber wir unsere heutige Gruppenstärke gefunden haben. Coven Berlin vereint Menschen mit ganz unterschiedlichen Backgrounds, nicht nur aus der bildenden Kunst, sondern wirklich eine ganz weite Palette – von Tanz bis Computing. Jede Person hat Coven Berlin mit ihrem Input bereichert und geprägt.

Babypunk feat. Babuyoka, LUCKY in der nGbK in Berlin-Kreuzberg, courtesy of Coven Berlin, Foto: Judy Landkammer.

Welche Konzepte prägen Eure Arbeit?
Die Basis war für uns immer der Queerfeminismus, den wir sexpositiv und intersektional denken. Für uns heißt das, Konzepte von Normativität in der Gesellschaft zu hinterfragen. Wir bleiben nicht bei Fragen der sexuellen Orientierung stehen, sondern interessieren uns für eine Kritik an Gender-Stereotypen und ihre Beziehung zu anderen Formen von Unterdrückung. Gerade zu Beginn haben wir sehr viel mit dem Pornfilmfestival Berlin kooperiert und oft Künstler*innen zu unseren Projekten eingeladen, die die Bereiche Kunst und Porn wechselseitig entgrenzen. Denn für uns gibt es da keine getrennten Sparten: Das ist Kunst, das ist Porn, das ist Tanz … diese Grenzziehung mögen wir nicht! Im Lauf der Zeit haben wir unseren Fokus erweitert, aber unsere Perspektive ist queerfeministisch geblieben. Wir setzen uns immer ein Thema, dem wir interdisziplinär und in diversen Facetten nachgehen.

Welche Fragestellungen haben Euch zuletzt interessiert?
Unsere Fragestellungen finden wir immer gemeinsam mit unserer Community. Themen in der Vergangenheit waren beispielsweise „Labor or Labor“, was die Relation von Arbeit und Reproduktion untersuchte, oder „I’d rather be a goddess than a cyborg“, das mit dem 30. Jubiläum von Donna Haraways Cyborg Manifesto unsere Aufmerksamkeit packte. Bei uns beginnt ein Projekt mit einem offenen Rechercheprozess und durch den Austausch mit unserer Community.

Zinzi Buchanan & Trev Flash, LUCKY in der nGbK in Berlin-Kreuzberg, courtesy of Coven Berlin, Foto: Judy Landkammer.

Diese Projekte blieben nicht auf den virtuellen Raum beschränkt, sondern fanden häufig auch in Off-Spaces statt?
Ja, wir haben einige Projekte auf eine Weise umgesetzt, die man als „Ausstellungen“ verstehen könnte. Aber der Begriff „Ausstellung“ wirkt für mich limitierend. Viel eher waren das Happenings oder Festivals. Sie fanden meistens innerhalb einer Woche statt und wir waren die ganze Zeit anwesend. Da gab es dann nicht nur Kunst, sondern beispielsweise morgens einen Workshop, dann Talks und abends eine Party. Wir haben uns an einem Ort für eine gewisse Zeit getroffen, Performances veranstaltet, Installationen geschaffen und Filme gezeigt.

Wie war das beim aktuellen Projekt LUCKY?
Bei LUCKY war das aus vielen Gründen ganz anders. Die Ausstellung läuft über mehrere Monate und wir haben sie fast über ein Jahr vorbereitet. Fast alle Künstler*innen der Ausstellung haben einen konkreten Berlin-Bezug. Häufig leben sie hier oder haben eine Zeitlang hier gelebt, so dass wir in vielen Fällen bereits in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben. Über die Zeit haben sie sich und auch unser Kollektiv über den ganzen Globus verstreut, so dass wir viel virtuell gearbeitet haben. Auch deshalb sind wir auf die Idee gekommen, uns formal an die basisdemokratische Struktur der nGbK anzulehnen und haben eine Mehrheitswahl zur Auswahl der künstlerischen Positionen durchgeführt – via eines digitalen Plenums: Was am meisten Stimmen erhalten hat, wird jetzt gezeigt. Ganz ohne Orientierung daran, ob es ästhetisch zusammen geht. Das war sehr riskant! (lacht)

GeoVanna Gonzalez, LUCKY in der nGbK in Berlin-Kreuzberg, courtesy of Coven Berlin, Foto: Judy Landkammer.

Wie hat sich LUCKY inhaltlich entwickelt?
LUCKY hat wie andere Projekte als Konzept angefangen. Wir wollten danach fragen, was Glück in den Erzählungen des Neoliberalismus eigentlich bedeuten soll und welche Mechanismen dadurch ausgespielt werden. Uns gefällt an LUCKY, dass der Begriff einen spielerischen Einstieg bietet, um über ganz harte Logiken zu sprechen; Privilegien etwa, oder Ungleichheiten. LUCKY wirkt oberflächlich so unkritisch – man denkt gleich an den Britney Spears-Song und das blonde white girl, das trotz ihrer Privilegien unglücklich ist. Glück wird als private Eigenleistung ausgewiesen, wodurch gesellschaftliche Faktoren unsichtbar werden. Zugleich finden wir Glück gerade auch jenseits neoliberaler Erfolgsmodelle. Mit dieser Vieldeutigkeit wollten wir spielen und diesen Begriff und seine Zuschreibung queeren. Mit queeren künstlerischen Strategien wie Verzerrung, Übertreibung, Aneignung, Ironie, Verwirrung und Verkomplizierung hinterfragen die Künstler*innen der Ausstellung diese gesellschaftlichen Imaginarien und destabilisieren sie.

Anna Uddenberg, LUCKY in der nGbK in Berlin-Kreuzberg, courtesy of Coven Berlin, Foto: Judy Landkammer.

Dabei wollten wir nicht dogmatisch sein und keine einfachen Antworten liefern, sondern vielmehr diesem zeitgenössischen Imperativ, den dieses Konzept ja formuliert, in unserer Community nachspüren. Natürlich hat man keine Lösung an der Hand, wenn man die Ausstellung verlässt, aber hoffentlich ist man aufmerksamer geworden gegenüber diesen gesellschaftlichen Mythen und fühlt vielleicht, wie man selbst darin verstrickt ist. Wir nennen das „critical messiness“. Das drückt für uns aus, dass wir gesellschaftliche Realitäten erst einmal umarmen müssen, um ihnen kritisch zu begegnen. Dabei kriegt man einiges ab. Wir machen uns schmutzig. 

WANN: Die Ausstellung LUCKY ist noch bis zum 2. September zu sehen, Termine zu Workshops und Performances findet man hier.
WO: neue Gesellschaft für bildende Kunst, Oranienstraße 25, 10999 Berlin.

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