Zukunft ausgelötet
Constantin Hartenstein bei Die Möglichkeit einer Insel

14. Juli 2025 • Text von

Ein Embryo wabert in einer Kapsel. Technoide Körper krümmen und verkeilen sich. Constantin Hartensteins gelöteten Drähte sind zarte Gerüste muskelbepackter Kerle und metallische Skizzen einer queeren, steril-digitalen Zukunft. Mit “Power Move” im Projektraum Die Möglichkeit einer Insel verschmelzen Fragilität und Härte harmonisch miteinander.

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Constantin Hartenstein, “Power Move”, Die Möglichkeit einer Insel, Installation view. Photo: Stephanie Kloss.

Männer mit massiven Schenkeln, Six Pack und Stiernacken kuscheln. Ihre Gliedmaßen gehen ineinander über und es ist unklar, wem welcher Arm gehört. Ein Kreis umreißt die beiden ultra-männlichen Oberkörper und die dazugehörigen Glatzen, wobei ihre starken, sich liebkosenden Arme aus dem runden Spielfeld herausragen, sich in der Erregung recken. Aus den von Constantin Hartenstein zusammengelöteten Drähten entspinnt sich das fesselnde Netz der Arbeit “Soft Army (Drama)”, ein unbewaffnetes, kraft- und lustvolles Gerangel.

Hartensteins Draht ist heiß. Mit seiner aktuellen Ausstellung „Power Move“ lötet er starke Männerkörper zu fragilen Gebilden, die er auf Betonplatten fixiert. Brutalität und Verletzlichkeit liegen hier nah beieinander. Auf diesen Kontrast ist der Projektraum Die Möglichkeit einer Insel perfekt zugeschnitten: In den ehemaligen Verkaufsräumen eines DDR-Plattenbaus, legt das große Schaufenster den Blick auf die nackten Sichtbetonwände frei auf denen sich die ebenso nackten Draht-Skelette perfekt tarnen können, ganz ohne Camouflage.

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Constantin Hartenstein: “AD-AM”, 2025, soldered metal, concrete. Photo: Stephanie Kloss.

“AD-AM” krümmt sich. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zieht er seine Knie heran und hält sich den unteren Bauch, wo seine Hand in der hügeligen Muskellandschaft verschwindet. Mitgefühl wird erregt, während sich Betrachter*innen fragen, ob sie gerade für einen Menschen oder einen humanoiden Roboter empfinden. “AD-AMs” Ohrmuschel erinnert an ein Head-Set, sein Körper ist ein einziger Muskel. 

Einen Raum weiter bieten sich zwei Humanoide die Stirn. Innerhalb des bereits bekannten Drahtkreises stehen sie sich gegenüber und halten ihre Stirn aneinander. Auch sie sind Teil der “Soft Army (Telephathy)”, der Hartensteinschen Armee, die trotz vorhandener Kräfte auf ein Kräftemessen verzichtet, eine Armee, die sich queer aufstellt und per Stirn telepathische Zukunftspläne schmiedet. Der Kreis und die darin interagierenden reptiloiden Oberkörper erscheinen wie das Emblem einer überraschend weichen Mannschaft. 

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Constantin Hartenstein: “Soft Army (Telephathy)”, 2025, soldered metal, concrete. Photo: Stephanie Kloss.

Hartenstein gelingt unter Kombination des fein gelöteten Drahtes und dem daraus entstehenden fragilen Netz aus Muskeln ein wunderbares Zukunftsgeflecht. Der starke Mann ganz weich, der Körper zart und durchlässig, der Draht zwischen den Männern heiß geschmolzen. Im kühlen, grauen Beton-Cube weht ein sexuell aufgeladenes Lüftchen. 

Der zweite Teil der Ausstellung wird von drei mannshohen Lötbildern “HDL (III, IV +V)” eröffnet. Die drei großen Wandpanele markieren das Zentrum der Ausstellung und referieren auf das aus 800.000 Steinen bestehende Mosaik “Unser Leben” von Walter Womacka, das die Fassade des Haus des Lehrers (HdL) am Alexanderplatz wie ein Gürtel umgelegt ist. In den 60er-Jahren wurden die Motive des 127 Meter langen Mosaiks im Sinne eines sozialistischen Idealbildes kreiert; im Zentrum steht dabei die heteronormative Kernfamilie, Zukunftseuphorie, Antifaschismus und Frieden durch Sozialismus. Hartenstein konfrontiert mit dem zweiten Teil seiner Ausstellung diese sozialistische Utopie mit einem queer-futuristischen Gegenentwurf. 

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Constantin Hartenstein, “Power Move”, Die Möglichkeit einer Insel, Installation view. Photo: Stephanie Kloss.

Das ganz links hängende Panel zeigt eine übergroße Hand, die ein erneut kreisrundes Objekt umfasst. Der Ball, mit seiner zentral sitzenden, fadenkreuzähnlich geschlitzten Linse erinnert an einen Pokeball. Beim Anblick des Balls, seiner in Drahtlinien angedeuteten mobilen Schalen, lässt sich seine perfekt ineinander rastende Funktionalität erahnen. Daumen und Zeigefinger der Hand scheinen die Linse zu bedienen, die Kamera scharf zu stellen? Die Waffe der Zukunft ist die Überwachung: “Pokeball, fang das Bild!”

Die beiden Herren auf den zwei daneben hängenden Panelen stehen sich gegenüber. Sie sehen sich an, zeigen dabei keinerlei Regung. Ihre Körper sind aus geometrisch geformten und zackig gebogenen Drähten zusammengesetzt wie die eines Transformers. Nerven, Sehnen und Muskeln aus Draht. Sie wirken hart, ein bisschen grimmig und doch kaum bedrohlich, sie hängen in ihren Rüstungen ruhig und seelenlos. Endorphine haben die Zukunft verlassen.

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Constantin Hartenstein: “HDL V” , 2025, soldered metal, concrete, steel, Detail // “HDL (I)”, 2025, soldered metal, Detail. Photos: Stephanie Kloss.

Im betonierten von einer Neonröhre beleuchtete Halbdunkel des dritten Raumes hängt das Drahtgespinst hauchdünn von der Decke. Die metallische Kontur umreißt einen Embryo in einem verkabelt, hängendem Gefäß: drahtgewordene Reproduktionstechnik. Mit “HDL I” wird das nicht nur im Sozialismus angestrebte und romantisierte Idealbild von “Mutter, Vater, Kind” konfrontiert. Die Errungenschaften der Reproduktionstechnik scheinen genauso thematisiert, wie ihr dystopisches Potenzial.

Aber wäre es Utopie oder Dystopie, wenn der menschlichen Körper im Feld der Fortpflanzung rigoros ausgeklammert würde? Kinder aus dem Erlenmeyerkolben? Es zieht ein wenig in der Magengrube und doch steckt auch Freiheit in der Vorstellung. So könnten vielleicht irgendwann homosexuelle Paare ihre beiden DNA-Pools vereinen? Oder weiblichen Körpern würde eine Aufgabe abgenommen? Andere wollen sich hingegen lieber embryonal krümmen bei dem Gedanken an im Reagenzglas zusammengebastelten Zöglingen. Wir denken an “AD-AM” der genau das auf der anderen Seite der Wand tut. Der Kreis schließt sich und die wohldurchdachte Kuration von Kito Nedo entfaltet ihre Kraft.

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Constantin Hartenstein, “Power Move”, Die Möglichkeit einer Insel, Installation view. Photo: Stephanie Kloss.

Constantion Hartenstein lötet mit “Power Move” bei Die Möglichkeit einer Insel eine Zukunft aus, die Weichheit und Fragilität an die Stelle von Härte und Mackertum setzt. Ihm gelingt es aus der kühlen Materialkombination von Metall und Beton, homoerotische Wärme und Zartheit herauszuarbeiten. Trotz aller Freuden über klickende Pokebälle und kuschelnde Muskelmasse, bleibt die Zukunftsfrage tendenziell bedrückend. Mehr zwischenmenschliche Verschmelzung bitte, schnell!

WANN: Die Ausstellung “Power Move” läuft noch bis Mittwoch, den 30. Juli. 
WO: Die Möglichkeit einer Insel, Inselstr. 7, 10179 Berlin.

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