Choreographie der Übergänge
Das bildnerische Werk von Noa Eshkol

20. Dezember 2018 • Text von

Wer der Berliner Wintergräue überdrüssig ist, der findet bei neugerriemschneider das entsprechende Gegenprogramm. Vielfalt in Farben und Formen und das mit inhaltlicher Tiefe.

Noa Eshkol, The House of Bernada Alba (Virgin), 1978 © The Noa Eshkol Foundation for Movement Notation, Holon. Courtesy neugerriemschneider, Berlin. Photo by Jens Ziehe, Berlin.

Die Farben in „The House of Bernada Alba (virgin)“ sind blasser als die in den übrigen Textilarbeiten, die verteilt an vier Wänden im ersten von drei Galerieräumen hängen. Leicht versetzt von der Mitte sitzt ein rundes Stück weißer Spitze. In ihrer Semitransparenz gibt sie den Blick frei auf den darunter liegenden schwarzen Stoff, der an zwei Stellen, die Spitze nur teils umschließend, hervorlugt. Das Arrangement gleicht einem Kreisel in Bewegung. Auf lindgrünem Untergrund setzt sich das geometrisch-florale Muster fort, umrandet von einer quadratischen Bordüre aus sichelförmigen Elementen. Beige und cremefarbene Stoffbahnen umrahmen das Ensemble. Die Ecke unten links bildet die Ausnahme: dunkel, in gedeckten Farben gemustert, bahnt sich hier die in der Mitte begonnene Bewegung einen Weg.

Installation View: Noa Eshkol at neugerriemschneider, Berlin. © The Noa Eshkol Archive, Holon. Courtesy neugerriemschneider, Berlin. Photo by Jens Ziehe.

Die „Wandteppiche“ der 2007 verstorbenen Noa Eshkol sind vielschichtig; manche abstrakt, andere gegenständlich. Begonnen hat sie diese Textilarbeiten 1973 während des Jom-Kippur-Krieges, als einer ihrer Tänzer vom Militär eingezogen wurde. Damit fehlte ein essentieller Teil der von ihr 1954 gegründeten Chamber Dance Group, mit deren Mitgliedern sie in ihrem Haus im israelischen Holon zusammenlebte und -arbeitete. Der ritualisierte Alltag beeinflusste Leben und Praxis gleichermaßen. Auch die Herstellung der Teppiche unterlag einer ihr eigenen Maxime: Die Stoffe durften weder angekauft noch zugeschnitten werden. Eshkol selbst fixierte die Stoff- und Schnittreste lose mit Nadeln zu Assemblagen und entwickelte so gewissermaßen eine Choreographie. Die Tänzer waren es dann, die den vorgelegten Linien folgten und die einzelnen Teile zu einem Ganzen zusammennähten. 

Entstanden ist so ein bildnerisches Werk, das die soziale und künstlerische Arbeitspraxis von Noa Eshkol auf ganz besondere Art und Weise vermittelt. Zusammen mit dem Architekten Avraham Wachman entwickelte sie ein innovatives und sehr abstraktes Tanz-Notationssystem, das sogenannte Eshkol-Wachmann Movement Notation (EWMN), um Tanzbewegungen symbolisch darstellen zu können. Dabei ging es ihnen insbesondere um die Darstellung von Bewegungsübergängen und nicht um die der einzelnen Positionen. Die Ausstellung bei neugerriemschneider greift das Moment des Übergangs anhand des wiederkehrenden Motiv des Fensters auf, das laut Begleittext „Ausbruch“ und „Isolation“ symbolisiert. Zwar mag sich die Herleitung der Fenstermetapher über das Drama „La Casa de Bernarda Alba“ (1936) des spanischen Autors Federico García Lorca anbieten (für oben beschriebenen Wandteppich war es titelgebend), viel begreiflicher jedoch ist die Intensität der geradezu malerischen Teppiche selbst. Die reduzierte Architektur des White Cubes setzt sie zumal optimal in Szene.

Installation View: Noa Eshkol at neugerriemschneider, Berlin. © The Noa Eshkol Archive, Holon. Courtesy neugerriemschneider, Berlin. Photo by Jens Ziehe.

Die frühen Arbeiten wirken intuitiver, teils chaotisch; während die in ihrem Todesjahr entstandene Serie „Interior I-III (In Memoriam)“, geordnet erscheint. Die Blumen- und Vasenensembles sind als Triptychen arrangiert. Sie sind mehr Stillleben als festgehaltene Bewegung. Entsann sich Eshkol hier der von ihr choreographierten, konzentriert-reduzierten Tanzbewegungen, die in ihrer langsamen Ausführung beinahe greifbar werden? Letztlich stehen sie, zumindest posthum gesehen, auch für den Übergang von Leben zu Tod. Bild- und Wandteppiche erzählen traditionell Geschichten. Diese Geschichte, die sich aus der Verwendung, und damit Aufwertung von Resten, aus gemeinschaftlichen Arbeitsprozessen und, nicht zuletzt, aus ihrem sozio-politischen Hintergrund speist, ist mehr als das. Sie ist Wissensproduktion. Den Zugang finden wir in ihren klaren Formen und Farben.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis 19. Januar 2019 zu sehen.
WO: neugerriemschneider, Linienstr. 155, 10115 Berlin.

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