Beim Dokor bibbern
Carolyn Lazard bei Trautwein Herleth

26. September 2025 • Text von

Das Namensschild am Kittel verrät: dieser Herr hat einen Doktortitel, also darf er mich auch aufschneiden. Das Gesundheitssystem würde ohne Vertrauen in Fremde nicht funktionieren. Doch es hat unheimliche Leerstellen. Carolyn Lazard beleuchtet diese mit ihrer Ausstellung “Corpus” bei Trautwein Herleth – und die Mittelchen, die helfen könnten, das wacklige Doktorvertrauen künstlich zu stabilisieren.

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Carolyn Lazard: “Portrait V”, Detail, 2025, promotional pharmaceutical pens, 195 x 200 cm. Courtesy of the artist and Trautwein Herleth, Berlin. Photo: Joanna Wilk.

Unter klinischem Licht reihen sich unzählige Kugelschreiber an den Galeriewänden. Im akribischen Nebeneinander bilden die vielen Stifte rechteckige Flächen unterschiedlichen Ausmaßes. Beschriftet mit Wellbutrin, Neurexan, Crestor und ganz hoch im Kurs Viagra, Allegra und Prevacid bewerben sie beruhigende, Säure-, Schmerz-, Allergie- und Angstreduzierende oder Potenzsteigernde Wirkung. Man kann eine gestalterische Entwicklung ablesen, vor allem die Prevacid-Kulis haben sich über die Zeit gemacht: von Plastik in den Farben Grün und Pink zu Gold-Bronze-Metallic. Mit diesem Prevacid-Stift lassen sich bestens Verträge unterschreiben.

Carolyn Lazard hat die Stift-Sammlungen in Auktionen erstanden, jede davon ist die einer Person aus dem medizinischen Sektor. Mit “Corpus” bei Trautwein Herleth porträtiert sie die Ärzt*innen hinter den Stiften genauso wie die gesamte Pharma-Körperschaft, die diese pausenlos verschenkt. Alles, was über einen Stift hinaus ginge, wäre bereits ein Bestechungsversuch. Ärzt*innen und Apotheker*innen in Deutschland dürfen seit dem Beschluss des Oberlandesgerichtes aus dem Jahr 2013 keine Geschenke über 1 Euro mehr annehmen. In den USA gilt bereits seit 2009 ein strenges Verbot nicht-bildungsbezogener Werbeartikel. Kugelschreiber sind Bildung. 

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Carolyn Lazard, Portrait I, 2025, promotional pharmaceutical pens, 55 x 200 cm. Courtesy of the artist and Trautwein Herleth, Berlin. Photo: Joanna Wilk.

Medizinier*innen haben jetzt sehr viele Viagra-Kugelschreiber und die Pharmaindustrie hat eine winzige Werbefläche, auf der sie sich, wie Lazards “Portrait I-V” demonstrieren, kreativ ausleben. Ein Porträt scheint einen Chiropraktiker aus Michigan abzubilden, zwei Stifte der Sammlung sind geschwungen wie kleine Wirbelsäulen. Besonders sticht der Stift mit “Aflac Duck” heraus, die über alle Kugelschreiber hinweg ihre Entensilhouette reckt. Süß sieht das aus.

Aflac ist ein US-Versicherungsunternehmen mit einem milliardenschweren Börsenwert, das für große Summen aufkommt, die die Krankenversicherung nicht trägt. Zwei Herren aus der Aflac-Werbeabteilung saßen mal auf einer Bank und hörten Enten quaken. Das “Quack Quack” klang dann in ihren Ohren wie “Aflac Aflac” und ja, da kam dann die Ente. Das Maskottchen, das heute vor allem krebskranken Kindern mit hohen Behandlungskosten Trost spenden soll. Und auf einmal sind die süßen Enten gar nicht mehr so süß. Ein Wolf im kapitalistischen Entengefieder.

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Carolyn Lazard, Corpus, Installation view, Trautwein Herleth. Courtesy of the artist and Trautwein Herleth, Berlin. Photo: Joanna Wilk.

Der medizinische Raum ist voller trügerischer Hülsen. Ein Raum der großen Versprechungen, des Vertrauens, der Hilfe, des großen Leids und der Gewinne, Gewinne, Gewinne. Mit ihrer Arbeit “Research Based-Practice” sind Hülsen in Form von Akten auf einem Schreibtisch ausgestellt und aufgeschlagen. Sie suggerieren eine gut sortierte Praxis, funktionale Bürokratie, doch es sind Requisiten aus einem Film- und Fernsehfundus. Leere Seiten füllen die Ordner und Listen von Automodellen. Platzhalter für sensible Daten, die sich in wirklichen Praxen ebenso massig und scheinbar austauchbar ansammeln.

Doch Leben hängen davon ab. Eine Flut lebenswichtiger Schriftstücke. Lazard stellt mit dieser Arbeit die Vertrauensfrage konkreter. Sie hinterfragt den klinischen Datenschutz genauso wie den skurrilen Fakt, dass Lebensrettung von Dokumenten abhängt, dass sie häufig stärker auf Papieren als an Körpern erfolgt. Da wird der Prozac-Kugelschreiber gezückt und Gesundheitsbringendes schneller verschrieben als die Ursache festgestellt werden kann.

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Carolyn Lazard: “Research-Based Practice”, 2025, binders, 105 x 230 x 105 cm. Courtesy of the artist and Trautwein Herleth, Berlin. Photo: Joanna Wilk.

Mitten im Raum, ausgelegt wie ein Teppich, leuchten sechs Himmelblaue-Wandpanele. Jedes Panel ist von einer Fotofolie überzogen, die den Blick in den Himmel, durch grüne Zweige hindurch imitieren. Mit dem Ready-Made “Into the Wild Blue Yonder” hat Lazard die beruhigende Deckengestaltung über dem Behandlungsstuhl auf den Boden der Tatsachen geholt. Der Himmel ist hier unten deplatziert, in der Arztpraxis aber eigentlich auch. Er gaukelt Patient*innen Tageslicht vor, wo keines ist, verspricht ihnen buchstäblich das Blaue vom Himmel, während ein kleiner dröhnender Bohrer den Zahn aushöhlt.

Mit dem Titel der Arbeit referiert die Künstlerin auf den Song der U.S.-Army, der den Luftkrieg mit Zeilen wie: “We live in fame or go down in flame. Hey!” oder “Off we go into the wild sky yonder, Keep the wings level and true” besingt, propagandistisch romantisierend verpackt. Der Kampf um das Überleben, Kapitalismus und die Täuschung liegen immer wieder bedrückend nah beieinander.

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Carolyn Lazard: “Into the Wild Blue Yonder”, 2025, LED panels with recessed ceiling frames, 12 x 192 x 127 cm. Courtesy of the artist and Trautwein Herleth, Berlin. Photo: Joanna Wilk.

Selbst das beruhigende OP-Kittel-Grün erscheint nach diesem Ausstellungsbesuch nicht mehr im selben Licht. Ein kleinerer, anliegender White Cube ist gänzlich in Grün ausgeleuchtet. Zwei Strahler leuchten gegen die Wand, auf der zweimal der Schriftzug “fine print” zu lesen ist. Einmal in Fraktur, einmal in Antiqua. Die Schrift sieht dunkelgrau aus, ist aber eigentlich rot. Diese Arbeit hat viele Ebenen. Sie greift zum einen typografisch die Deutsche NS-Vergangenheit und deren Überschreibung auf, referiert wörtlich auf das Kleingedruckte, das die Nebenwirkungen wortwörtlich zu schmälern versucht und verweist zudem direkt in den Operationssaal, der heutzutage auf gleiche grüne Weise ausgeleuchtet wird, um das Hämoglobinrot visuell zu entschärfen. Das alles umfließende Grün krallt sich fest auf die eigene Pupille bis es beinahe weh tut. Die Frakturschrift gibt ihren bitteren Senf dazu. Sobald sich Besucher*innen dem Grün ab und dem klinischen Hauptraum zuwenden, sieht alles gefährlich rot aus. Die Arbeit trägt den nachvollziehbaren Titel “Afterimage”.

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Carolyn Lazard: “After Image”, 2025, cleanroom green LED troffers, hand painted red lettering in Tannenberg Fraktur and Renner Antiqua typefaces, 33 x 263 x 107 cm. Courtesy of the artist and Trautwein Herleth, Berlin. Photo: Joanna Wilk.

Mit “Corpus” bei Trautwein Herleth legt Carolyn Lazard den Finger in die Wunde der medizinischen Welt und Pharmaindustrie. Sie entblößt die Leerstellen des Systems und empfiehlt die medizinische Zweitmeinung. Lazard macht den Wahnsinn sichtbar, zeigt auf welchen Wegen eine riesige Industrie um die Gunst von Medizinier*innen und das Vertrauen von Patient*innen buhlt. Und das nicht immer zu deren besten. In diesem neuen Lazard-Licht erscheint der rötlich, phallisch ausgewölbte Viagrastiftschaft wie die reinste Verzweiflungstat.

WANN: Die Ausstellung “Corpus” läuft noch bis Samstag, den 18. Oktober.
WO: Trautwein Herleth, Kohlfurther Straße 41/43, 10999 Berlin.

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