Ontologische Freiheit zum Ziel
Carolin Eidner über Grenzenlosigkeit

5. Februar 2020 • Text von

Sie sind ein Spiel zwischen Malerei, Skulptur und Objekt. Nicht nur materielle, auch gedankliche Freiheit. Die pigmentierten Gipsarbeiten der Künstlerin Carolin Eidner, Meisterschülerin bei Rosemarie Trockel, faszinieren durch leuchtende Farbigkeit sowie monumentale Präsenz. Die Galerie Aurel Scheibler zeigt Eidners Arbeiten nun im Rahmen einer Einzelausstellung.

Installation views by © Gunter Lepkowski.

gallerytalk.net: In deiner zweiten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Aurel Scheibler mit dem Titel „The Subtle Genesis of Emiliano Bruni“ lässt du die fiktive Figur des Emiliano Bruni, ein Prototyp des innovativen Renaissancekünstlers auferstehen. Welche Idee steckt hinter Emiliano Bruni?
Carolin Eidner:
In erster Linie ist es eine narrative Referenz auf assoziativer Ebene. Emiliano Bruni kann sinnbildlich für die Entwicklung, die „Genesis“, der westlichen Zivilisation seit der Renaissance bis hin zur Zukunft verstanden werden. Die Menschen in der Renaissance haben begonnen, ihre Existenzen in Frage zu stellen, ihre Kapazitäten und Potenzen. Dies bedeutet den Beginn einer Entfaltung, die mit großer Wahrscheinlichkeit in der Singularität des Menschen münden wird. Wie Nietzsche es ausdrückte: „Jede Kreatur will über sich selbst hinauswachsen, wenn die physische Entwicklung jedoch abgeschlossen ist, wird die Entwicklung auf geistiger Ebene umso akuter.“ E.B. ist also eine potentielle, zukünftige Figur, auch seine Bewegung ist ambivalent und nicht klar, in welche Richtung sie geht.

Die Auferstehung Emiliano Brunis soll dessen Befreiung aus strukturellem Denken, den Glaubenssätzen metaphysischer Systeme versinnbildlichen. Ziel ist Brunis Bewegung hin zu ontologischer Freiheit. Das sind komplexe Gedanken der theoretischen Philosophie. Wie stellst du diese Themen in deiner Kunst dar?
Platos Idee − von der Dunkelheit zum Licht − kann in dieser Arbeit gelesen werden. Die dunklen monumentalen „Stein“-Blöcke werden im Hintergrund zurückgelassen. Im Vordergrund wird eine ontologische Öffnung zelebriert. Ein Geisteszustand, in dem dichotome Gegensätze überwunden werden, in der linker und rechter Arm, beide im Feuer aufgehen. Diese Fragen und Themen sind für mich jedoch nicht auf Teilgebiete, wie Philosophie oder Kunst beschränkt, sondern direkt in eine essentielle Suche im Leben eingebettet.

Verfickte Rotbuche, 2019, Courtesy Aurel Scheibler Galerie and the artist.

In der Ausstellung bei Aurel Scheibler wird die Erscheinung Brunis zu beiden Seiten von pigmentierten Gipsblöcken flankiert. Betitelt und beschriftet mit „Whisper of Goat“ und „Verfickte Rotbuche“ handelt es sich um zwei graue Monumentalblöcke aus denen eine Art pinkfarbener Lava birst. Was hat es mit diesen Blöcken auf sich?
Für unser kulturelles Bewusstsein ist sogar die Leere Teil der Metaphysik, was am meisten in der Geometrie manifestiert ist. Diese Blöcke sind wie eine geometrisch geformte „Leere“ in denen Worte räsonieren wie Glockenklänge − Worte, die den Mythos unserer Existenz formen − absurde lyrische Klänge im „Nichts“.

Installation views by © Gunter Lepkowski.

Diese beiden Monumentalblöcke wie auch die Darstellung von Emiliano Bruni sind aus pigmentiertem Gips gefertigt. Diese Technik erinnert an Freskenmalerei, bei der Farbpigmente auf frischen Putz aufgetragen werden. Auch hier kann man einen Rückbezug zur Renaissance sehen, wo fast ausschließlich „al fresco“ gemalt wurde. Spielt die Freskenmalerei tatsächlich eine Rolle für deine Arbeit?
Zwischen meinen Arbeiten und dem Fresko gibt es keinen direkten Zusammenhang. Diese Arbeiten sind solide Blöcke und treiben ihr Spiel zwischen Malerei, Skulptur und Objekt. Sie bestehen aus Gips, gleich einem Stein, in den ein fragiler Körper aus Gedanken und Gefühlen wie eine zeitlose Erinnerung implantiert oder codiert wird. Diese Eingravierung ist ein Ringen mit der Zeit, die all die schmerzlichen Erinnerungen verblassen lässt über den „human struggle“ für Selbstbestimmtheit und dessen größtes Geschenk: die unbekannte Zukunft.

From the series „Dizzy Lately“, 2018, Courtesy Aurel Scheibler Galerie and the artist.

Neben den Gipsblöcken präsentierst du auch einige sehr farbenfrohe Zeichnungen mit völlig diversen Motiven aus der 2018 entstandenen Reihe „Dizzy Lately“. Was bedeutet das Medium Zeichnung für dich?
In den Zeichnungen versuche ich, eine Freiheit und Offenheit zu erreichen, die unabhängig von einer stilistischen Einheit ist. Diese modernistische Herangehensweise ist inakzeptabel für mich. Ich produziere und greife dabei alle möglichen „Signifier“ auf, die in der Gesamtheit der Zeichnungen einen bestimmten Ethos, eine Suche und Message bilden. Dies ist mein für mich wertvollstes, authentisches Material, das ich in letzter Zeit einer bestimmten Analyse unterziehe. Der Tatsache zum Trotz, die Zeichnungen ohne bestimmten Vorsatz anzugehen, finde ich es interessant, bestimmte Motive in ein anderes Material, wie hier den Gips, zu übersetzen und diesen kreativen Prozess durch die Zusammenstellung nachvollziehbar zu machen.

Und was passiert mit Emiliano Bruni, wenn er sich am Ende vollkommen in ontologischer Freiheit befindet?
Es ist widersprüchlich, ob die Figur in dem Bild tatsächlich noch Emiliano Bruni ist oder nicht. Sie hat kein Gesicht, das ja unsere Projektion für Gefühle und die Seele ist. Es ist nicht klar, ob diese Figur als Mann oder Frau determiniert ist. E.B. wird am Abgrund stehen, und es wird seinem Willen überlassen sein, sich in der Grenzenlosigkeit aufzulösen oder in der Welt der Phänomen-Spiele zu verweilen − als vergnügter Beobachter.

The Subtle Genesis of Emiliano Bruni, 2019, Courtesy Aurel Scheibler Galerie and the artist.

WANN: Die Ausstellung „The Subtle Genesis of Emiliano Bruni“ ist noch bis Samstag, den 8. Februar, zu sehen.
WO: Aurel Scheibler Galerie, Schöneberger Ufer 71, 10785 Berlin.

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