Erotische Erdnussbutter Bruce LaBruce in der Galerie Philippe Bober
11. August 2025 • Text von Carolin Kralapp
Was wie eine bewusste künstlerische Entscheidung von Bruce LaBruce aussieht, ist in Wahrheit ein glücklicher Zufall. In der Galerie Philippe Bober prallen nackte Körper, Fetisch-Ikonen und Erdnussbutter in einer wilden fotografischen Liaison am Santa Monica Boulevard aufeinander – ganz nebenbei entstanden bei den Dreharbeiten zu einem der frechsten queeren Kultfilme der 1990er-Jahre.

Die noch junge Galerie Philippe Bober in Friedrichshain zeigt aktuell die Ausstellung “Hustler White Double Exposures”. Sie präsentiert bislang unveröffentlichte Arbeiten des kanadischen Filmemachers und Künstlers Bruce LaBruce, die während der Dreharbeiten zu seinem queeren Independent-Pornofilm “Hustler White” im Jahr 1995 entstanden sind. Der Film wurde international von Coproduction Office vertrieben, einer in Berlin und Paris ansässigen Filmproduktions- und Vertriebsfirma, deren Gründer und Geschäftsführer Philippe Bober ist. Direkt um die Ecke der Berliner Büroräume am Strausberger Platz hat in diesem Jahr auch eine Galerie Einzug gefunden, die mit “Hustler White Double Exposures” nun ihre zweite Ausstellung zeigt.
In der queeren Szene hat “Hustler White” mittlerweile Kultstatus erlangt. Der Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem Autor Jürgen Anger und dem Sexarbeiter Monti Ward, die von Gesellschaftssatire und schwarzem Humor durchzogen ist. Gleichzeitig zeichnet er ein subkulturelles Milieuporträt des Santa Monica Boulevards im Los Angeles der 1990er-Jahre. Obwohl die Handlung fiktiv ist, greift sie direkt auf die Realität der damaligen Zeit zurück. Dokumentiert wird die letzte Phase der offenen Straßenprostitution, verbunden mit expliziter Sexualität und Einblicken in die Sex- und Fetischszene jener Jahre während das drastische Ausmaß der AIDS-Krise allmählich abebbte – und das tödliche Virus, dank neuer Therapien, zu einer behandelbaren chronischen Krankheit wurde.

LaBruce macht Produktionsaufnahmen am Filmset und nutzt eine Kamera, die manchmal den Film nicht vollständig zurückspult. Dadurch kann es unabsichtlich zu Doppelbelichtungen kommen, bei denen sich zwei Motive überlagern. In den 37 ausgestellten Bildern, insgesamt umfasst die Serie 74, verschmelzen Innen- und Außenszenen des Films zu überraschenden Kompositionen, die rein zufällig entstanden, aber tatsächlich wie bewusst kuratierte Bildkombinationen erscheinen. Wie in einem Wimmelbild lässt sich beim Betrachten immer wieder Neues entdecken – von Objekten, die wiederkehren, zu Gesichtern, die plötzlich in neuen Zusammenhängen erscheinen.

Was passiert hier eigentlich? Nackte Männerkörper räkeln sich, geöffnete Hosenställe und freie Oberkörper gewähren den Blick auf Unterwäsche – nur ein Hauch fehlt noch, bis der Schritt sichtbar wird. Es beginnt zu knistern. Auf anderen Aufnahmen hingegen zeigen sich unverblümt Penisse und explizite Sexstellungen, vor allem in der hinteren Ecke des Ausstellungsraums. Dazwischen posiert eine Drag in schwarzer Spitzenunterwäsche, die gerade mit einer in Tape eingewickelten Person beschäfitgt ist, gepiercte Brustwarzen, Tattoos und Rauchschwaden komplettieren das wilde Treiben. Alles schreit: sex sells! Dass es sich ursprünglich um einen Pornofilm handelt, wird einem dabei unweigerlich zurück ins Gedächtnis gerufen. Stimmt ja, da war was.
Ein Glas Erdnussbutter rückt immer wieder überraschend ins Bild. Auch religiöse Bilder und Symbole lassen sich im Hintergrund hier und da ausmachen und wirken nicht zufällig platziert. Zwar erschließen sich die einzelnen Filmszenen nicht sofort, doch durch wiederkehrende Motive entsteht eine erzählerische Überlagerung, die Zusammenhänge erahnen lässt. Die Doppelbelichtung erzeugt einen filmischen Effekt mit Spiegelungen, durch die das Publikum wie durch ein Schaufenster einen neugierigen Blick auf das Geschehen werfen kann. Beim Fokussieren auf einen bestimmten Bildausschnitt rücken andere Details in den Hintergrund, doch beim Wandern des Blicks offenbaren sich immer wieder neue, überraschende Zufälle. Langweilig wird die Bildbetrachtung keinesfalls.

LaBruce, der sich sowohl als Filmemacher als auch als Künstler versteht und dabei zugleich Pornofilme produziert, hat mit “Hustler White Double Exposures” ein spannendes und humorvolles Zufalls- und Nebenprodukt zum Film geschaffen, das definitiv für sich stehen und betrachtet werden kann. Die Serie fordert Sehgewohnheiten heraus, indem sie gleich zwei Szenen auf einem Foto vereint. Diese Doppelbelichtungen sind nicht nur visuelle Kuriositäten, sondern laden dazu ein, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Pornografie, der reinen Darstellung von Lust und Sex, und Kunst spielerisch zu hinterfragen. Wer hätte geahnt, dass eine fotografische Panne zu einer derart verblüffenden Serie führen und queere Erotik so unkonventionell wie künstlerisch ins Bild setzen kann?
WANN: Die Ausstellung “Hustler White Double Exposures” läuft noch bis Mittwoch, den 1. September und kann nach Vereinbarung besichtigt werden.
WO: Galerie Philippe Bober, Strausberger Platz 19, 12043 Berlin.