Das Bild als Behauptung
Atiéna R. Kilfa in der Galerie Neu

4. August 2025 • Text von

Kaffeemachen gehört für viele zur alltäglichen Routine. Doch gibt man diesem Vorgang einen Moment, verlangsamt ihn, beobachtet ihn wie durch ein Vergrößerungsglas, dann beginnt sich etwas zu verschieben. Der Füllstand steigt, kleinste Tropfen lösen sich ab, blinken kurz im ersten Sonnenlicht. Und dann? Trinkt man hastig oder bleibt Zeit zum Einatmen? Diesen Zwischenzuständen spürt Atiéna R. Kilfa in der Galerie Neu nach – mit Mitteln des Films, der Fotografie und der Illusion. (Text: Olga Siemons)

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Atiéna R. Kilfa “En Suite”. Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin. Foto: Stefan Korte.

Atiéna R. Kilfa arbeitet in ihrer ersten Einzelausstellung bei der Galerie Neu mit Verlangsamung. Unter dem Titel „En Suite“ versammelt sie Fotografien, eine Videoarbeit und kinetische Objekte, die nicht erzählen, sondern eine Erzählung bloß andeuten. Der Titel suggeriert eine Abfolge: Szenen, Räume, Einstellungen – doch tatsächlich interessiert sich Kilfa mehr für die Konstruktion solcher Abläufe als für ihre Umsetzung. Ihre Bilder behaupten Bewegung, Übergang, Zusammenhang. Aber je länger man schaut, desto mehr geraten diese Versprechen ins Wanken.

Die Ausstellung beginnt mit Schwarz-Weiß-Fotografien von weißen Kaffeetassen. Jede steht isoliert im Bild, klar ausgeleuchtet, ohne Hintergrund. In manchen ist der Kaffee nur angedeutet und wird gerade eingegossen, in anderen füllt er fast die gesamte Tasse. Man erkennt Tropfen, Reflexe, kleine Spritzer – es sind Spuren eines Prozesses. Es wirkt, als hätte Kilfa mit der Kamera ein ganzes Bewegungsmuster eingefangen: das Eingießen von Kaffee gestoppt in einzelnen Phasen.

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Atiéna R. Kilfa “En Suite”. Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin. Foto: Stefan Korte. // Atiéna R. Kilfa “En Suite”. Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin. Foto: Stefan Korte.

Doch anders als in der berühmten Hochgeschwindigkeitsfotografie eines Harold E. Edgerton – etwa bei der Aufnahme, in der ein Projektil einen Apfel durchschlägt – geht es bei Kilfa nicht um den spektakulären Moment, sondern um die Abwesenheit eines Höhepunkts. Keine Kette, keine Explosion, kein Vorher und Nachher. Nur stille, präzise gesetzte Einzelbilder, die sich einer echten Chronologie entziehen.

Tatsächliche Bewegung wird in der Ausstellung sichtbar durch zwei rotierende Objekte, die auf klassische Tabloid-Cover verweisen. Es sind Zeitungsausschnitte, die sich wieder und wieder um die eigene Achse drehen. „Disaster in Space“ und „Shuttle Explodes“ schreit es von den Titelseiten. Die Rotation erinnert an alte Filmschnitttechniken: In den 1930er-Jahren ersetzte die sich drehende Zeitung im Kino den Szenenwechsel. Bei Kilfa hingegen wirkt die Bewegung entleert. Das Rotieren wird zur Schleife, zur Geste ohne Wendung. Die visuelle Schlagzeile erschöpft sich selbst.

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Atiéna R. Kilfa “En Suite”. Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin. Foto: Stefan Korte.

Im rechten Teil des Galerieraums läuft das Video „Rotor Vector“. Das Setting wirkt wie aus einem Film noir: Zu sehen ist ein älterer Mann in Frack und Fliege, frontal aufgenommen, hinter ihm ein Fenster mit Blick auf kahle Äste. Er sitzt still, den strengen Blick richtet er direkt in die Kamera. Es fühlt sich an, als würde nichts passieren. Nur die Kamera bewegt sich langsam, fast unmerklich nach rechts. Je länger man schaut, desto merkwürdiger erscheint die Szenerie. Wie hält der Mann so lange still? Wieso bleibt sein Blick so streng? Allmählich zeigt sich: Die Figur ist kein Mensch, sondern ein Pappaufsteller. Die filmische Täuschung fällt in sich zusammen, ohne lauten Effekt, vielmehr durch eine leise Korrektur der Perspektive.

Kilfa sucht in ihrer Ausstellung nach dem, was verborgen bleibt. Wie wird Bedeutung erzeugt? Welche Bilder setzen sich durch? Die Arbeiten operieren mit filmischen Techniken wie Montage, Requisite, Inszenierung und legen zugleich deren Illusion offen. Sie zeigen keine Geschichten. Sie zeigen, wie leicht sich Geschichten erzeugen lassen – mit einer Tasse, einem Pappaufsteller, einer Schlagzeile.

WANN: Die Ausstellung “En Suite” läuft bis Samstag, den 30. August.
WO: Galerie Neu, Linienstraße 119, 10115 Berlin.

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