Berliner Kunstgriff
Gallery Weekend Special

24. April 2018 • Text von

Das Gallery Weekend lockt mit jeder Menge hochkarätiger Ausstellungen, exklusiver Einladungen – und mehr Angeboten, als in zwei Tagen zu bewältigen. Wir haben uns durch das Programm gewühlt und unsere zehn Favoriten zusammengetragen, die man mit viel Interesse und ein wenig Kondition abgrasen kann.

Nevin Aladağ, Jali Ring, 2018, ceramics, powder coated steel, 113 x 113 x 15 cm, Courtesy the artist and WENTRUP, Berlin. Photo: Trevor Good.

„Social Fabric“ und „Jali“ heißen die beiden neuen Werkgruppen, die Nevin Aladağ anlässlich des Gallery Weekends bei WENTRUP vorstellt. Die türkisch-stämmige Künstlerin beschäftigt sich in ihrer multimedialen Praxis mit den Grenzen der Identität von Musik, Objekten und Formen und stellte vergangenes Jahr unter anderem auf der documenta und der Biennale di Venezia aus. In „Social Fabric“ werden Teppiche aus verschiedenen Kulturkreisen zu soziokulturellen Hybridobjekten, changierend zwischen der Malerei der klassischen Moderne und dem virtuellen Arrangement von digitalen Formen. Der Titel der zweiten Werkgruppe „Jali“ bedeutet auf Sanskrit – dem Mount Everest der toten Sprachen – Gitter oder Netz. Aladağ setzt Abgüsse von gesammelten Keramiken zu heterogenen Matrizen zusammen und schafft dadurch geografisch, wie kulturell-utopische abstrakte Strukturen.

WANN: Das Opening findet am Freitag, den 27. April, von 18 bis 21 Uhr, statt.
WO: WENTRUP, Tempelhofer Ufer 22, 10963 Berlin.

Danny McDonald, Credit Card Offering 2 (Uncle Sam in a Hat with Vulture & Rat), 2012, Plastic, Wool, Satin, Nylon, Plastic, Printed Card, Glass, MDF, 127 x 25.4 x 33 cm, Unique, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin.

Wenige Meter weiter, am Schöneberger Ufer präsentiert die Galerie Isabella Bortolozzi Danny McDonald und seine surrealistisch anmutenden Skulpturen: Zerrspiegel von gesellschaftlichen und sozio-politischen Situationen mit popkulturellen Bezügen. Der in Los Angeles geborene und in New York lebende Künstler kreiert Materialassemblagen, deren humorvolle Perfidität gleichermaßen Anziehung wie Ablehnung erzeugt. McDonald selbst bringt diese mit dem Begriff „Suchtyp“ in Verbindung, der sowohl den Fokus einer Suchmaschinenabfrage beschreibt, als auch ein informatisches Zeichen oder eine Zeichenfolge, die eine Aktion darstellt oder einen Prozess in Gang setzt. Sicher ist, dass der Detailreichtum und die installative Nonchalance eine Vielzahl von Assoziationen in Gang setzt.

WANN: Die Ausstellung eröffnet am Freitag, den 27. April, um 18 Uhr.
WO: Galerie Isabella Bortolozzi, Schöneberger Ufer 61, 10785 Berlin.

Suah Im, Begegnen, 2018, Installation, Stoff mit Epoxidharz, 190 x 60 x 25 cm, Courtesy die Künstlerin und EIGEN + ART Lab.

Neben der publikumswirksamen Ausstellung in den Galerieräumen in der Auguststraße zeigt Eigen + Art in ihrem Lab die Arbeiten von vier Kunststudierenden aus Stuttgart. Titel und gemeinsamer Nenner der Gruppenausstellung der Klasse Brenner, Kunstakademie Stuttgart, bezieht sich auf eine Zeile aus Sophokles Antigone: „Der Wunder sind viele, der Wunder größtes aber ist der Mensch.“ Streitbar ist die Übersetzung von „Wunder“: Heidegger wählte „unheimlich“, englisch „uncanny“. Antonia Christl, Laura Fröhlich, Suah Im und Jakob Tyroller präsentieren unter diesem Titel Werke, die auf der Abstraktion und Neu-Verortung von alltäglichen Situationen und Gegenständen beruhen und demonstrieren wie trügerisch Vertrautheit sein kann, unheimlich zu weil. Und wir freuen uns, dass es abseits der ausgeschilderten Routen dieses Wochenende noch junge, aufstrebende Kunstschaffende zu entdecken gibt!

WANN: Eröffnung wie überall sonst auch am Freitag, 27. April, zwischen 18 und 21 Uhr.
WO: Eigen + Art Lab, Torstraße 220, 10115 Berlin.

AA Bronson, Hotel Photos, 1995-2000 Series of 5 coloor C-prints 27,9 x 35,6 cm each, Courtesy Esther Schipper, Berlin

Esther Schipper zelebriert derweil den 50. Jahrestag von General Idea mit einer umfangreichen Ausstellung. Die konzeptuelle, medienspezifische Sprache des Kollektivs, deren Mitglieder Felix Partz und Jorge Zontal 1994 an AIDS verstarben, wird heute durch die Kunst von AA Bronson weitergeführt, dessen Schaffen nachhaltig von seiner Zusammenarbeit im Rahmen von General Idea geprägt wurde. Die Ausstellung legt einen Fokus auf die Themen des Auftauchens und Verschwindens, deren Ambiguität in den gezeigten Werken immer wieder durch Motive von Körperlichkeit und Spiegelung einen Ausdruck findet. Parallel hierzu werden die KW durch eine hybride Installation von AA Bronson kurzzeitig in einen „Garten der Lüste“ verwandelt – in eine queere Adaption von Hieronymus Boschs wahnwitzigem Triptychon.

WANN: Eröffnet wird in den KW bereits am Mittwoch, den 25 April, und bei Esther Schipper am Freitag, den 27. April, zwischen 18 und 21 Uhr.
WO: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin.
Esther Schipper, Potsdamer Straße 81E, 10785 Berlin.

Ngorongoro II, Courtesy of Artist Weekend Berlin. Photo: Maxime Ballesteros

Ngorongoro ist ein kollabierter Vulkankratzer in Zentralafrika mit der höchsten Raubtierdichte des Kontinents. Bezeichnenderweise ist Ngorongoro zugleich der Titel der riesigen Multiausstellung, die dieses Jahr zum zweiten Mal auf 6.000 Quadratmetern altem Fabrikgelände in Weissensee abgehalten wird. Hier ballen sich die Energien von über 150 Künstlerpersönlichkeiten, deren Werke unhierarchisch und intuitiv miteinander in Konfrontation treten. Kuratorische Parameter werden in diesem Urwald zugunsten der freien Assoziation verworfen um den Blick auf einen weitgehend unterbeleuchteten Zustand zu lenken: Die kreative Kraft, die im persönlichen Austausch miteinander jenseits von Markt und Institution freigesetzt wird.

WANN: Die Vernissage von „Nnorongoro II“ zieht sich über den gesamten Donnerstag, den 26. April von 10 Uhr morgens bis Mitternacht. Während des Gallery Weekends gelten diese Öffnungszeiten. Mehr Infos hier.
WO: Lehderstraße 34, 13086 Berlin.

Liu Bolin x Ruinart, Hiding in the gyropalettes with Pablo, Courtesy of Ruinart

Das Champagnerhaus Ruinart pflegt eine langjährige Beziehung zur schönen Kunst. Bereits 1896 beauftragte es den Jugendstilrepräsentanten Alphonse Mucha für ein Werbeplakat, das helles Aufsehen erregte. Heute unterstützt das Traditionshaus diverse internationale Kunstmessen und engagiert jährlich einen zeitgenössischen Künstler dafür, sich mit dem Erbe und der Expertise des ältesten Champagnerherstellers der Welt auseinanderzusetzen und dieses visuell nach Außen zu vermitteln. Im letzten Jahr fiel die Wahl auf den Chinesen Liu Bolin, der sich mit dem historischen Herstellungsort in Reims so vertraut machte, dass er sich regelrecht darin auflöste. Seine Fotoserie zeigt ihn selbst und die Mitarbeiter der Hauses verschmolzen mit ihrer Umgebung. Dank Camouflage-Technik sind die Menschen in den Bildern nur noch umrissartig zu erkennen und lenken den Blick auf den ausgefeilten Herstellungsprozess der edlen Tropfen. Die Werke sind nun in Berlin bei Deschler zu sehen und treten dort in einen Dialog mit den Künstlern Holger Bär und Deborah Sengl, die ihrerseits mit Tarnung- und Verschlüsselungstechniken arbeiten. Das Produkt einer Unternehmenskooperation wird hier um einen diskursiven Aspekt erweitert und zeigt auf, dass „corporate“ nicht grundsätzlich „sell-out“ bedeutet.

WANN: Die Ausstellung ist nur von Donnerstag, den 26. April, bis Sonntag, den 29. zu sehen. Dafür gelten Sonderöffnungszeiten, die hier abzurufen sind. Mehr Infos zur Kooperation zwischen Liu Bolin und Ruinart gibt es hier.
WO: Galerie Deschler Berlin, Auguststraße 61, 10117 Berlin.

Marwan, Der Freund, 2000-2001, Öl auf, Leinwand, Courtesy Galerie Michael Haas

Mit MARWAN (1934-2016) zeigt die Galerie Michael Haas eine durchaus etablierte Position. Der in Syrien geborene Künstler kam bereits 1957 nach Berlin, wo er bist zu seinem Tod arbeitete und lebte. Seine Gesichtsdarstellungen, auf die er sich ab den 1970er Jahren spezialisierte, sind ausdrucksstarke, intensive Studien der menschlichen Seele. Als habe er versucht anhand seiner Pinselstriche, Schicht um Schicht, in den Gesichtszügen das zu lesen, was sonst im Inneren des Menschen verborgen bleibt.

WANN: Die Eröffnung findet am Freitag, 27. April, von 18 bis 21 Uhr statt. Die Ausstellung läuft bis 16. Juni. 
WO: Galerie Michael Haas, Niebuhrstraße 5, 10629 Berlin und Kunst Lager Haas, Lise-Meitner-Straße 7-9, 10589 Berlin-Charlottenburg.

Louise Bourgeois, Peaux de Lapins, Chiffons Ferrailles à Vendre, 2006, Steel, stainless steel, marble, wood, fabric and plexiglass, 251.5 x 304.8 x 403.9 cm., Collection The Easton Foundation © The Easton Foundation/VG-Bild-Kunst. Photo: Andrea Rossetti

Mit „The Empty House“ würdigt der Schinkel Pavillon das außergewöhnliche Werk von Louise Bourgeois (1911-2010). In bisher noch nie bespielten Räumlichkeiten werden so noch nie kombinierte Arbeiten gezeigt. Das Resultat ist eine berührend schöne Ausstellung zum Spätwerk der französisch-amerikanischen Künstlerin. Ausgehend von den „sack forms“, die ab den 1990er Jahren in ihren Schriften und ab den 2000er Jahren auch in ihren Installationen präsent sind, findet das Denken der Künstlerin hier neue Formen. Für Bourgeois bedeutete Kunst „zu machen denken“, und umgekehrt. Die Dringlichkeit und Intensität ihrer Arbeiten hat in keinster Weise abgenommen.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis 29. Juli.  Zum Gallery Weekend gelten verlängerte Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 12-21 Uhr, Samstag und Sonntag, 12-19 Uhr.
WO: Schinkel Pavillon, Oberwallstraße 1, 10117 Berlin.

Kelley Walker, „Stacked Pioneer PL-518_1“, 2018, acrylic ink on silkscreen on aluminum frame, 208.3 x 142.2 x 3.8 cm © the artist, Courtesy Capitain Petzel, Berlin. Photo: Steven Probert

Die Image Culture des Werbens inspirierte den New Yorker Künstler Kelley Walker zu Drucken im Großformat für seine dritte Soloausstellung. Orientiert am Pioneer PL-518 Turntable stellt er so die Verbindung zur New Yorker Disco Szene der 70er Jahre her oder spielt mit Calvin Klein Werbungen der 80er. Walker begibt sich auf Erkundungsreise durch den privaten und öffentlichen Konsum von Medienbildern und Kunst und der Ikonographie.

WANN: Die Eröffnung ist am Freitag, den 27. April. Die Ausstellung kann bis zum 9. Juni besichtigt werden.
WO: Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee 45, 10178 Berlin.

stanley brouwn selbst wollte zeitlebens unsichtbar bleiben. Wollte, dass seine Kunst für sich spricht. Keine erklärenden Texte. Keine Abbildungen. Verhüllt und spannend. Deshalb nun hier nur diese Einladung und die Empfehlung, ihr zu folgen.

WANN: Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, den 27. April und kann bis zum 16. Juni besucht werden.
WO: Konrad Fischer Galerie Berlin, Lindenstraße 35, 10969 Berlin.

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