Berlin Art Week - Was bleibt?
Diese Ausstellungen lohnen sich

30. September 2019 • Text von

Kunst ist prima. Aber wisst ihr, was auch gut ist? Pizza im Bett! Nach einer Woche Rummel kann so eine White-Cube-Pause schon mal ganz gut tun. Aber irgendwann sind die Energiereserven wieder voll. Und wer jetzt ins Museum will, horche auf: Diese Ausstellungen lohnen sich auch nach Ende der Berlin Art Week.

WangShui, Gardens of Perfect Exposure, 2018, verschiedene verchromte Badarmaturen, lebende Seidenwürmer, Audio-Loop, Dachreparaturgewebe, laminiertes Haar, Glastropfen, Fernseher, Selfie-Ringlichter, Plexiglas, Ohrringe, HD-Camcorder, rehydrierte Maulbeerblätter, Seide, Magnete. Installationsansicht (Detail), SculptureCenter, New York. Courtesy of the artist.

Stellt euch vor, ihr geht in einen Spa, nur ist der für Seidenraupen. Und um das mal vorwegzunehmen: Die Tierchen haben es wirklich verdient. Die Live-Videoinstallation „Gardens of Perfect Exposure“ lässt in der Julia Stoschek Collection dem Tod Geweihte auf spektakuläre Weise wachsen.  Kaum werden Falter aus den verpuppten Dingern, sind sie auch schon wieder tot. Die Transformation wird bei badezimmergleichen Temperaturen von drei Kameras erfasst und auf die Wände des Raums übertragen. Auf das sie fröhlich kriechen, solang sie denn können. Die Arbeit kommt vom Künstlerstudio WangShui aus New York. Dessen erste Einzelausstellung in Europa kann sich sehen lassen. Jede einzelne Arbeit überzeugt.

WANN: Die Ausstellung „Horizontal Vertigo: Wangshui“ läuft bis zum 15. Dezember 2019.
WO: Julia Stoschek Collection, Leipziger Str. 60, 10117 Berlin.

Christopher Kulendran Thomas in collaboration with Annika Kuhlmann: „Being Human“ (2019); Installation view: „Ground Zero“ at Schinkel Pavillon. Image: Andrea Rossetti.

Taylor Swift setzt sich seit Kurzem für die LGBTIQ-Community ein. Und damit ist sie so etwas wie woke. Spät dran, aber woke. Im Schinkel Pavillon allerdings begegnen wir einer Version der Sängerin, die ist noch wesentlich woker. Christopher Kulendran Thomas hat sich ihr Bild für seine Doku-Fiktion „Being Human“ geliehen. Er ist zu den Wurzeln seiner Familie nach Sri Lanka gereist und durch die Straßen von Colombo gefahren. Er hat Webcam-Tanzvideos collagiert, er hat Kunst der ersten sri-lankischen White Cube Shows nach dem Ende des Bürgerkriegs nach Deutschland geholt und Kant zitiert. Und er hat Taylor Swifts Avatar rekrutiert. All das, um über Menschenrechte und das authentische Selbst zu reflektieren. Seine Ausstellung „Ground Zero“, die in Kollaboration mit Annika Kuhlmann entstanden ist, kann man im Loop genießen. Sie besteht aus nicht viel mehr als der zentralen Videoarbeit, dabei bleibt alles andere karg. Sie ist Geschichtsstunde und Lehrmärchen mit sehr, sehr gutem Soundtrack.

WANN: „Ground Zero“ läuft bis zum 15. Dezember 2019.
WO: Schinkel Pavillon, Oberwallstraße 1, 10117 Berlin.

Anna Virnich: „Hyperdrüse“, Installationsansicht, Schering Stiftung. Foto: Timo Ohler.

Es riecht in der Schering Stiftung. Das soll so. Anna Virnich hat dort ihre „Hyperdrüse“ installiert. So heißt die Ausstellung, die den Besucher*innen beim Betreten gleich so dominant entgegen duftet.  Virnich hat den Boden mit rosafarbenem und gelbem Wachs ausgegossen, Struktur gibt den glatten Flächen eine graue Plane. Die trennt das Wachs vom Boden, vor allem aber bricht ihr Faltenwurf die zarte Ästhetik des Pastellbelags. Und zwischen Plastikwülsten können sich wie in den kleinen Keramikgefäßen, die hier und da verteilt sind, aromatische Öle sammeln. Die sind es, die dem Raum ihren Geruch geben – auf einer Seite diesen, auf der anderen jenen. Feine Nasen können das möglicherweise auseinanderhalten. In der Theorie ergänzen sich bei „Hyperdrüse“ zwei komplementäre Duftkompositionen, überlagern sich und verschmelzen schließlich. Muss man nachriechen, um zu verstehen, was gemeint ist.

WANN: Die Ausstellung „Hyperdrüse“ läuft bis zum 25. November 2019.
WO: Schering Stiftung, Unter den Linden 32, 10117 Berlin.

1km² Berlin – Die Sprache der Spekulation, 2019 (Filmstill), Guerilla Architects in Kooperation mit Philine Schneider und Shahrzad Rahmani, Performerin: Alicia Agustin, Produktion: offscreen

Den Fernsehturm im Rücken, die Zuschauer*innen im Blick. So erklären die Guerilla Architects den Gentrifizierungsjargon oder wie sie das nennen: die „Sprache der Spekulation.“ Asset Deal? Boarding House? Die freundliche Dame von der Leinwand erklärt’s wie Flugbegleiterin*innen den Anschnallgurt oder Motivationscoaches den korrekten Morgenrhythmus. „1989–2019: Politics of Space in the New Berlin“ im Neuen Berliner Kunstverein thematisiert mit ganz unterschiedlichen künstlerischen Positionen den Stück-für-Stück Verkauf der Hauptstadt durch die Politik und das sei mal vorweggenommen: Sieht alles gar nicht mal so rosig aus. Wenn es in der Kunst um Politiken des Raums geht, wird Genuss beim Ausstellungsbesuch gern mal klitze-klitze-klein geschrieben. Hier ist dieses Mal alles anderes. Die Show ist zugänglich, ohne oberflächlich zu bleiben. Sie macht Spaß, obwohl es um Ernstes geht. Klar, man fühlt sich beim Verlassen ein bisschen wie Weltuntergang. Aber anders kommt ja schließlich nichts ins Rollen, oder?

WANN: Die Ausstellung „1989–2019: Politics of Space in the New Berlin“ läuft bis zum 13. Oktober 2019.
WO: Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128-129, 10115 Berlin.

Christina Ramberg: „Tight Hipped“, 1974, Copyright the Estate of Christina Ramberg, Courtesy Sammlung Madison Museum of Contemporary Art, The Bill McClain Collection of Chicago Imagism.

Frauen, die sich ausziehen, interessieren viele. Aber nur wenige fangen den Moment mit einem ganz besonderen Blick ein. Christina Ramberg kann das. Rotlackierte Fingernägel fahren langsam zwischen Frau und Corsage. Das Entkleiden ist angedeutet. Erwartet wird der Moment, der die Frau freigibt. Sie steht da – angezogen – und man denkt sie bereits ohne die Form, in die ihre Kleidung sie zwängt. Die Ausstellung „The Making of Husbands: Christina Ramberg in Dialogue“ liefert interessante Perspektiven auf Weiblichkeit. Rambergs Arbeiten werden dabei denen anderer Künstler*innen gegenüber gestellt. Da ist die Motorradrüstung von Alexandra Birken, mit der die Frau … ja wozu würde man so ein Ding denn eigentlich tragen? Und da ist der riesige Ring, den Ana Pellicer für die Freiheitsstatue gedacht hat. Man weiß ja nie, was die noch so vorhat. Den Bogen zur omnipräsenten Pilzbodenbeleuchtung bekommen die Besucher*innen vielleicht nicht geschlagen. Aber erstens ist es doch super, wenn man selbst noch was rausfinden kann und zweitens sieht es eben einfach herrlich aus.

WANN: Die Ausstellung „The Making of Husbands: Christina Ramberg in Dialogue“ läuft bis zum 5. Januar 2020.
WO: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin.

Weitere Artikel aus Berlin