Ausstellung als Exponat
Kuratorin Marie-France Rafael im Gespräch

4. Mai 2018 • Text von

Offene Prozesse, narrative Momente und eine Ausstellung, die selbst zum Exponat wird. Unter dem Titel „Imaginary Display(s)“ wird diese Woche im BNKR eine Ausstellungsreihe unter dem Motto „Ausstellung als Film / Film als Ausstellung“ präsentiert. Täglich können die Besucher gleichzeitg den Entstehungsprozess einer Ausstellung und die Produktion eines Films erleben. Wir sprachen mit der Kuratorin Marie-France Rafael.

Filmstill “EXHIBITION AS FILM / FILM AS EXHIBITION, III. INT. BNKR – EVENING: Buffering Before the Future“ by Marie-France Rafael and An Laphan.

gallerytalk.net: Euer Projekt ist keine klassische Ausstellung. Könnte man es als Spiegelung einer Ausstellung bezeichnen?
Marie-France Rafael: Ich würde sagen, dass es ein Projekt ist, die spielerisch mit dem Format einer Ausstellung umgeht und dieses auch bewusst ausstellt. Das Ausstellungsmachen wird zugleich als solches präsentiert, wird selbst zum Exponat. Wir zeigen alles, was man normalerweise nicht zu sehen bekommt: Wie eine Ausstellung in Raum und Zeit entsteht.

Für Euch steht der Prozess des Ausstellungsmachens im Zentrum. Aber auch das Produkt. Es entstehen ja sogar zwei Produkte: Auf der einen Seite die Ausstellung selbst, aber auch der Film über die Ausstellung.
Ich würde es nicht Produkt nennen. Es geht zentral um den Entstehungsprozess, um die Prozesse der Entstehung einer Ausstellung, aber auch des Drehs eines Films. Ich würde daher nicht von Produkt sprechen. Alles was wir machen wird jeden Tag aufs Neue transformiert. Wir schaffen quasi eine Reihe von Situationen, die das Projekt immer wieder zu einer anderen werden lassen. Der Raum verändert sich konstant, dadurch natürlich auch die Ausstellung.

Filmstill: „EXHIBITION AS FILM / FILM AS EXHIBITION, VII. INT. BNKR – EVENING: Technologies of Tenderness“ von Marie-France Rafael und An Laphan. Produktion: Kalas Liebfried.

Ihr habt Künstler aus unterschiedlichen Generationen und aus unterschiedlichen Bereichen eingeladen. Worauf habt Ihr bei dieser Auswahl Wert gelegt?
Das Verbindungselement, wenn es denn eines gibt, ist, dass die Künstler selbst performativ arbeiten oder ein performatives Verständnis von Kunst haben. Das heißt nicht, dass alle Performancekünstler sind, aber die Art und Weise, wie sie dies in ihrer künstlerischen Praxis reflektieren, hängt sehr oft auch mit Fragen zu Entstehungsprozessen zusammen. Ob das jetzt Klaus von Bruch ist, der das in seinen filmischen Arbeiten schon immer gemacht hat oder zum Beispiel Kalas Liebfried, der viel mit Sound und Musik operiert. Der französische Künstler Romain Gandolphe wiederum überführt die Praxis des Storytellings in die Kunst und schafft wirklich performativ narrative Arbeiten. Natürlich sind Richard John Jones und Camilla Wills, Philipp Gufler oder An Laphan alles Künstler, die Fragen der Zeit, des Raumes und der Veränderlichkeiten in ihren Arbeiten als Motive haben.

Kann man die einzelnen Abende, weil Du von Narrativen sprachst, als Kapitel sehen, oder als Einstellungen eines Filmes?
Ich würde sagen, dass die einzelnen Abende Facetten der Ausstellung und des Filmes sind. Ich würde sie auch als ein (Vor-) und (Nach-) Denken über fiktionale, narrative Situationen beschreiben. Es geht nicht darum, ein gesamtes Narrativ zu konstruieren. Die Frage war eher, was braucht man, was hat man normalerweise, wenn man einen Film dreht und was führt zu einer Ausstellung. Das sind die Eckpfeiler der Abende. Der Abend mit Kalas Liebfried wird eine Sound-Performance sein, die wir dann später für den Soundtrack des Filmes verwenden werden. Andererseits ist der Abend mit Klaus von Bruch überhaupt erst die Setzung, die es ermöglicht, im Raum wie in einem Filmset zu operieren. So kann der Film und der Dreh selbst wiederum zum Exponat werden. Es sind rekursive Gesten, die andersartig durchexerziert werden.

An Laphan, Photo: Marie-France Rafael.

Haben sich die Künstler im Vorfeld abgesprochen, beeinflussen sie sich gegenseitig? Gibt es da eine Offenheit oder wurden Sie mit konkreten Projekten angefragt? Existieren Feedbackschleifen?
Sowohl als auch. Jeder Künstler macht natürlich seine individuelle Intervention, aber es gibt durchaus solche Feedbackschleifen. Am letzten Abend zum Beispiel werden auch einige der Künstler präsent sein und sie werden dabei helfen, den Raum umzugestalten für die Abendperformance und dort ad-hoc in Interaktion treten. Mir ging es auch darum, eine Situation zu schaffen, die Raum für Möglichkeiten und Potentialitäten offenlässt, die Interaktion begünstigt, ohne dass sie im Vorhinein intendiert sind. Ich würde sagen, es geht eher darum, Offenheit in diesem Raum als Situation produktiv zu machen.

Stop making sense, it’s as good as it gets. “Film as Exhibition – Exhibition as Film” by Marie-France Rafael and An Laphan. Photography: Edward Beierle.

Wie siehst Du dich in das kuratorische Programm des BNKR eingebettet? Ludwig Engel und Joanna Kamm reflektieren in ihrem Rückgriff auf den Roman „Satin Island“ von Tom McCarthy ja auch narrative Strukturen und deren Entfaltung im Raum.
Ich begleite das Projekt von Ludwig Engel und Joanna Kamm, in dem diese Ausstellung nun stattfindet, ja schon von Anfang an. An Laphan und ich haben regelmäßig Videos produziert, die versucht haben, die unterschiedlichen Veranstaltungen und Events, die stattgefunden haben, mit filmischen Mitteln festzuhalten. Jedoch ohne in einen dokumentarischen Gestus zu verfallen. Die Idee sowohl des Programms als auch der Ausstellung war nun, über verschiedene Raum-Zeit-Beschreibungen nachzudenken. Im Roman „Satin Island“ geht es ja stark um Fragen der Zeitlichkeit aber auch um die Frage, was ist Gegenwart und wie kann man diese Gegenwart beschreiben. Ich würde sagen, dass diese Ausstellung auch ein Versuch ist, Fragen der Zeit zu untersuchen. Wir leben in einem Zeitkomplex, in dem die Linearität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als solche gar nicht mehr gegeben ist. Wir sollten eine gewisse Offenheit gegenüber anderen, neuen Zeittheorien haben. „Imaginary Display(s)“ ist ein Versuch, sich den Fragen des „Davor“ oder „Danach“ zu widmen, auch hinsichtlich eines Narratives außerhalb des linearen Gestus.

„Imaginary Display(s) – Ausstellung als Film / Film als Ausstellung” mit Klaus vom Bruch, Philipp Gufler, An Laphan, Jeanne-Marie Varain, Kalas Liebfried, Romain Gandolphe, Richard John Jones und Camilla Wills, kuratiert von Marie-France Rafael.

Die Veranstaltung ist Teil des Programms „Stop making sense, it’s as good as it gets.“ kuratiert von Ludwig Engel und Joanna Kamm (bis Juli 2018).

WANN: Täglich, Mittwoch 02. Mai 2018 bis Mittwoch, 09. Mai 2018.
WO: BNKR, Ungererstraße 158, 80805 München, www.bnkr.space.

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