Art Berlin Special

28. September 2018 • Text von

120 Galerien aus 21 Ländern, zeitgenössisch bis modern, Special Projects, ein kuratierter Salon, Außenskulpturen. Das Ganze verteilt auf zwei Hangars des stillgelegten Flughafens Tempelhof. Wo soll man da nur anfangen? Wir haben die Highlights für Euch zusammengestellt.

Der umfangreiche Übersichtsplan der Art Berlin 2018.

Es ist 12 Uhr mittags. Ich kralle mich an meinen Übersichtsplan und das andere Infomaterial, von dem mir dunkel dämmert, dass ich es am zweiten Stand liegen lassen werde. Ich stehe in der Mitte von Hangar 6 und mir ist warm. Orientierung und Kaffee werden kurzerhand zur Priorität erklärt. Wie sich herausstellt, eine sehr weise Eingebung, die mich zuerst an die Nordseite von Hangar 5, nach draußen zu den Außenskulpturen führt. Angesichts der Weite des Flugfeldes etwas verloren liegt dort das gekenterte Boot von Cosima von Bonin. Das macht aber nichts, der Ausblick ist schön, die Sonne scheint und ich wollte mich ja orientieren. 

Installationsansicht, Art Berlin 2018, Conradi, Artists: Thomas Jeppe, Andrzej Steinbach, courtesy Conradi.

Drinnen schaffe ich es es gerade mal bis zum ersten Eckstand. Mit ihrem gut durchdachten Querschnitt des Galerieprogramms hat die Hamburger Galerie Conradi (mit Zweitsitz in Brüssel) einen der interessantesten Stände auf der Messe. Zwischen den Arbeiten bestehen inhaltliche Bezüge und doch sind sie medienübergreifend. Die schwarz-weiß Portraits des noch sehr jungen Andrzej Steinbach sind einfach und dabei entwaffnend direkt. Woran denken wir beim Anblick einer vermummten Person? Die Posen und Blicke der Models, ebenso wie die inszenierten Kleidungsstücke fordern uns zur sofortigen Assoziation heraus. Das medial geübte Auge kann schwer widerstehen. Es sind die kleinen Veränderungen, die vermeintliche Verhüllung, der Tausch der Springerstiefel gegen bloße Füße, Härte gegen Zerbrechlichkeit, die uns das vor Augen führen. Unbedingt einen Blick in die vielen Künstlerbücher und Kataloge werfen!
WO: Hangar 5, Stand 1.C.10

Installationsansicht, Galerie Conrads, Artists: Hirosuke Yabe, Anna Vogel (Hintergrund), courtesy Conrads.

Nur ein paar Schritte weiter, zeigt die Düsseldorfer Galerie Conrads eine Neuentdeckung. Die Holzfiguren des japanischen Künstlers Hirosuke Yabe lassen zu gleichen Teilen an japanische Mono-ha-Künstler und afrikanische Masken wie an die Monster aus „Wo die Wilden Kerle wohnen“ oder Mangas denken. Der Künstler bearbeitet seine Figuren ausschließlich mit einem traditionellen japanischen Messer, genannt Nata, und einer Bohrmaschine. Der bewusste Fertigungsprozess, mit dem sich der Künstler gegen die zunehmende Technologisierung, die Abgabe von Kontrolle und das vermeintliche Ausmerzen von Fehlern wendet, verleihen den Figuren ihre Eigenwilligkeit. Ihre stoische Haltung macht sie besonders.
WO: Hangar 5, Stand 1.B.11

Art Berlin 2018, Installationsansicht Galerie Bene Taschen, Artist: Jamal Shabazz, courtesy the artist and Bene Taschen.

Ein paar der Galerien bleiben der Tradition des ehemaligen Messeformats „abc“ treu und zeigen Soloshows. Bei Bene Taschen gibt es Fotografien von Jamel Shabazz aus den 1980er Jahren zu sehen. Als Teenager begann er sein Umfeld – Familie, Freunde, und vor allem das Leben im New Yorker Stadtteil Brooklyn sowie die sozialen Zustände und die Jugendkultur von Afroamerikanern und Latinos – zu dokumentieren. Er selbst wurde 1960 dort geboren. Die Fotos sind mittlerweile zu Ikonen einer Ära geworden. Und dennoch bleibt die Arbeit schwarzer Fotograf*innen, ihr Beitrag und Blick auf Leben und Kultur in den USA wenig beachtet. Auf einer sonst sehr weißen Messe ist das zwar kein Gamechanger, aber eine willkommene Abwechslung. 
WO: Hangar 5, Stand 1.A.7

SOL CALERO, Tente en el aire, 2018, Installationsansicht Kunsthalle Lissabon Foto: Bruno Lopes, Courtesy: Sol Calero & Barbara Gross Galerie.

Bei Barbara Gross aus München stehen sich die venezolanische Künstlerin Sol Calero und der chinesische Künstler Ji Dachun gegenüber. Malerei ist dieses Jahr überall ein Thema: bunt, eng und grell hängt sie an vielen Ständen. Nicht so hier. Die Bildsprache von Ji Dachun ist minimalistisch. Unaufgeregt verwebt er die fernöstliche Tradition der Shan-Shui-Malerei, die das Sujet dem Entstehungsprozess unterstellt, mit Zitaten der westlichen Kunstgeschichte. Seine abstrakt-figürlichen Bilder laden den Betrachter zum Verweilen und Wandern ein. Ein kurzer Moment Stille. Auch bei Sol Calero steht die Malerei im Mittelpunkt. Immer ist sie integraler Bestandteil ihrer bunten Environments, in denen sie soziale Räume und kulturelle Stereotypen anhand von klischeebesetzten Elementen thematisiert. Die hier ausgestellten Arbeiten sind subtiler. Fast scheint es als würden sie, leicht spöttisch, den Hut vor Marc Chamille Chaimowicz ziehen, der schräg gegenüber mit einer standfüllenden Rauminstallation bei der Galerie neu zu sehen ist. Traditionell bunt bemalte Rahmen aus der peruanischen Region Cusco offenbaren den Blick auf undefinierte Formen in einem bisher für Calero unerforschten Farbspektrum aus Erdtönen.“Tente en el aire“, der Titel der Werkserie, bedeutet übersetzt in etwa „in der Luft hängend“, also keiner Identität zugehörig. Der Ausdruck ist den „castas“, dem lateinamerikanische Kastensystem, entlehnt, welches während der Kolonialzeit und bis ins 20. Jahrhundert die Gesellschaften Lateinamerikas strukturierte. Calero formuliert beides, sowohl die soziale Abstufung wie auch die Identitätssuche, in ihrer eigenen Bildsprache und aktualisiert sie somit in unserer Gegenwart.
WO: Hangar 5, Stand 1.E.2

Art Berlin 2018, Installationsansicht Tanja Wagner, Artists: Kapwani Kiwanga, Anna Witt und Šejla Kamerić, courtesy the artists and Tanja Wagner.

Um Identität geht es auch bei der Berliner Galerie Tanja Wagner. In ihren Videos und Performances oder Aktionen thematisiert Anna Witt die Rolle des Individuums in unserer Gesellschaft. Kapwani Kiwanga hinterfragt historische Narrative und ihren Einfluss auf die soziale und politische Dimension unserer Gesellschaft. In ihrer Serie „Subduction Studies“ faltet sie Fotografien von nordafrikanischen und spanischen Gesteinen ineinander. Die ästhetisch sehr ansprechenden Collagen werden zu vielschichtigen Erzählungen von Superkontinenten und zukünftigen Formen von Migration. Šejla Kamerićs konzeptueller Fokus liegt bei aktuellen Themen wie Arbeitsbedingungen, Plastik- und Textilverschmutzung. Drei starke Statements dreier junger Künstlerinnen!
WO: Hangar 6, Stand 2.E.2

Art Berlin 2018, Installationsansicht DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Asger Carlsen, courtesy the artists and DITTRICH & SCHLECHTRIEM.

Die Arbeiten von Asger Carlsen haben eine verstörende Anziehungskraft. Abstoßend und fesselnd zugleich. Eine sexy Version von Berlinde de Bruyckere. Dank digitaler Manipulation verwandeln sich in der Aktserie „Hester“ nackte Körper zu ungeheuren Metamorphosen aus Körper und Skulptur. „Blistercard“, Carlsens neueste Serie, präsentiert bei Dittrich & Schlechtriem, treibt den Prozess der Verfremdung bis hin zur Unkenntlichkeit. Das ursprüngliche Material, häufig seine eigenen Fotografien, wird so geradezu malerisch, erst beim genauen Hinsehen erkennt man den Druck. Ein wabernder Pool aus digitaler Technik und Körperlichkeit, Traum und Realität.
WO: Hangar 6, Stand 2.B.11

WANN: Die art berlin findet vom 27. bis 30. September 2018 statt. Tickets gibt es hier.
WO: Flughafen Tempelhof, Hangar 5 und 6, Tempelhofer Damm 45, 12101 Berlin, U6 Paradestraße.

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