"Amour" am Pool
Das Tropez bringt Liebe ins Schwimmbad

2. September 2019 • Text von

Schöne Erinnerungen an besonderen Sommertagen schaffen: Das ist eines der Anliegen von Nele Heinevetter. Bereits seit drei Jahren gelingt ihr dies mit dem Kunstraum Tropez im Sommerbad Humboldthain. (Text: Anne Harting)

„Amour“ ist Nele Heinevetters Liebeserklärung an die Poolbesucher des Sommerbades Humboldthain in Moabit. Mit dem diesjährigen Sommerprogramm betreibt sie das Tropez, ihren Kunstraum mit Kiosk, bereits in der dritten Saison. Heinevetter, bereits vielen mit ihrem ehemaligen Projektraum am Soldiner Kiez oder ihrer Zusammenarbeit mit Nina Pohl im Schinkel Pavillon bekannt, mag ungewöhnliche Konzepte. Dies beweist sie auch im Tropez.

Dass Kunst und Schwimmbad eine wunderbare Symbiose eingehen können, wird dem Besucher schnell bewusst. „Kunst soll etwas Alltägliches sein“, sagt Heinevetter. „Wir versuchen, Momente zu schaffen, die etwas mit den Leuten im Schwimmbad machen können, aber auch mit den Künstlern, wenn sie hierherkommen und auf die Menschen treffen.“

„AMOUR“ Installationssicht: Michael Sports. Courtesy: Tropez.

Doch zunächst zu diesem wunderbaren Freibad, dass Heinevetter bereits seit vielen Jahren persönlich so liebt: Es ist nicht eines der typischen lauten und überfüllten Freibäder, wie man sie kennt. Wer einmal hier war, wird wiederkommen. Es ist eine grüne Oase mitten im Humboldthain und schon beim Betreten überkommt einen dieses angenehme Urlaubsgefühl. Schnell kann man nachfühlen, warum Heinevetter genau an diesem Ort mit dem Kiosk einen Kunstraum geschaffen hat.

Menschen unterschiedlichster Couleur treffen hier freundlich aufeinander: Mütter mit Kindern in Schwimmflügeln, Großfamilien und balzende Jugendliche, die sich zeigen möchten. Selbst wenn hier an heißen Tagen fast 3000 Menschen aufeinandertreffen, wird die Stimmung von einem positiven Miteinander getragen. Inmitten des Trubels finden sich dann die Kunstobjekte. Auf den ersten Blick nicht für jedermann zu erkennen, können aufmerksame Besucher des Pools Installationen, Fotografien, Filme und digitale Werke entdecken.

„AMOUR“ Installationsansicht: Hayal Pozanti. Courtesy: Tropez.

Nach „Pool“ und „Voyage“ befasst sich der Projektraum in und um das Tropez herum in diesem Jahr mit dem Thema „Amour“, der Liebe und dem Miteinander. Was macht das Bad mit den Menschen, wenn sie halb nackt aufeinandertreffen? Wie verändern sich kulturelle Identitäten, wie erlebt sich der Mensch selbst? Die Künstler thematisieren mit ihren Arbeiten im Kontext des Schwimmbads auf unterschiedlichste Weise den nackten Körper als begehrtes und begehrendes Objekt. Die Badenden sind eingeladen, sich an dem Diskurs zu beteiligen.

Seitlich neben den Badenden am Hauptweg findet der Besucher den eigentlichen Kunstraum „Tropez“. Sofort fallen einem die fünf bunten Flaggen von Hayal Pozanti ins Auge, die farbenfroh die Terrasse säumen. Ihre abstrakten Gestaltungen basieren auf einem persönlichen Code, der aus 31 Formen besteht und den Zahlen und Buchstaben des englischen Alphabets entspricht. Mit dieser codierten Sprache übersetzt Pozanti Statistiken und Ereignisse in ein skulpturales Gemälde. So trägt die erste Flagge den Titel 10 für die Anzahl der in Wedding gesprochenen Sprachen oder die gelbe Flagge den Titel 1861, das Jahr, in welchem Wedding zu einem Stadtteil Berlins erklärt wurde. So wird Kunst zum verbindenden Element von Kunstraum und Umgebung.

„AMOUR“ Installationsansicht: Constant Dullaart. Courtesy: Tropez.

Gleich gegenüber findet man versteckt neben einem blauen Sonnenschirm die Fotowand von Constant Dullaart. Es macht Spaß, seinen Kopf für ein Selfie hindurchzustecken, und auch die Kinder sind begeistert. Allerdings ist der Aufsteller als Kritik Dullaarts an der Selbstdarstellung in den sozialen Medien zu begreifen. Wer sein Bild auf Instagram mit dem Hashtag #MyBodyMonAmour postet, erhält innerhalb von 48 Stunden 32 Kommentare von Bots. Diese ergeben zusammen ein Gedicht. Fühlt der Benutzer zunächst die Freude an einer ungewöhnlich hohen Anzahl an Kommentaren, muss er es doch schnell als befremdlich empfinden, ein Liebesgedicht von Bots erhalten zu haben.

Schon diese beiden Kunstobjekte vermitteln, wie Kunst im Tropez funktioniert. Viele Besucher kommen wegen der leckeren Pommes oder einem Eis. Schließlich ist das Tropez zunächst für viele „nur“ der Kiosk des Freibades. Doch es ist mehr als das. Da sind Objekte oder Installationen, wie die von Michael Sports, die besonders die Kinder neugierig machen. Blicken die Badenden durch die beiden Virtual-Reality-Brillen, sehen sie nicht mehr nur die Fenster und Tische des Raumes, sondern stehen auf einmal gefühlt neben der Wasserrutsche. Einzig die grüne Fläche, die sich ungefähr dort befindet, wo sie eigentlich ihre Füße wahrnehmen müssten, erlaubt ihnen, ihren Standpunkt noch im Tropez zu verorten.

„AMOUR“ Installationsansicht: Julie Favreau. Courtesy: Tropez.

Überhaupt sind die Kinder oft die ersten, die mit den Werken unvermittelt und neugierig in Kontakt treten und so auch den Zugang für Erwachsene herstellen. Manches Mal trifft man dabei auch auf zunächst Unerwartetes, dass den Betrachter vielleicht auch kulturell etwas herausfordern kann. So wie bei der Installation „Deeps“ von Julie Favreau. Ihre Installation wird von farbigen Plastikstreifen an einem Gerüst eingerahmt. Sie schafft einen Rückzugsraum innerhalb des Tropez, in dem sich der Betrachter der Arbeit nähern kann. Über ein direktes Erleben kommt es zu Kommunikation, Erkenntnis und einem Miteinander von Betrachtenden und Kunstwerk.

Miteinander ist auch ein Aspekt der Arbeit von Kirsten Bunse, die zu Beginn der Saison auf dem Gelände junge Männer porträtierte. In deren Augen schimmert das unverschämte Bewusstsein der Jugend, das zeitgleich etwas Kindliches sowie etwas Erwachsenes hat. Aktion und Interaktion wie in Bunses Arbeiten finden sich in anderer Form auch im Rahmen der jeweils an den Wochenenden im Tropez stattfindenden wechselnden Performances und Aktionen statt.

„AMOUR“ Installationsansicht: Kira Bunse. Courtesy: Tropez.

Dabei hat der Besucher oder Badegast immer die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen, zu beobachten oder sich einfach nur über das Publikum zu wundern, dass dazu im Tropez auftaucht, wie Heinevetter berichtet. Ebenso ergeht es übrigens auch den Künstlern, die eine direkte Reaktion auf Ihr Werk erhalten und deshalb gerne im Tropez ausstellen.

Derweil kann sich, wer etwas Ruhe sucht, in die fast parkähnliche Grünanlage im hinteren Teil des Bades zurückziehen. Hier findet man auch die raumgreifende Installation „Seven Suns“ von Gili Avissar. Die Arbeit besteht aus Stoffen, genau genommen aus 100 imaginären Flaggen, die Avissar vor zwei Jahren in Jerusalem präsentiert hat. Für das Tropez hat er sie nun zerschnitten und per Hand zu neuen, abstrakten Flaggen in Form von Sonnensegeln zusammengenäht. Die Installation „Red is for love, blue is for longing, yellow is for rage“, die der Künstler Bertrand Flanet für „Amour“ realisiert hat, befindet sich ebenfalls tief in der Parkanlage.

„AMOUR“ Installationsansicht: Gili Avissar. Courtesy: Tropez.

Im Tropez kann Kunsterleben direkt neben der Wasserrutsche oder beim Sonnenbaden stattfinden – je nachdem wie weit die Besucher des Schwimmbads das zulassen. Und genauso möchte es auch Heinevetter. Und weil der Sommer herrlich schön ist und hoffentlich auch herrlich lang sein wird, bleibt das Sommerbad Humboldthain und somit auch das Tropez länger geöffnet als ursprünglich geplant. Bis Ende September geht das Treiben weiter. Es ist also genug Zeit für einen Besuch!

WANN: Das Tropez ist noch bis Montag, den 30. September, geöffnet – täglich von 10 bis 18 Uhr.
WO: Tropez im Sommerbad Humboldthain, Wiesenstraße 1, 133157 Berlin

Aktuelle Informationen zum Programm des Tropez gibt es online.

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