Am Anfang ist immer das Risiko
Der Maler Bernd Koberling über die Kunst, Bilder zu machen

30. November 2018 • Text von

Anlässlich seines 80. Geburtstages zeigt die Galerie Kewenig späte Arbeiten des deutschen Malers, der mit den „Neuen Wilden“ Kunstgeschichte geschrieben hat. Wir treffen Bernd Koberling und sprechen über den Kampf mit dem Pinsel, was es bedeutet, Künstler zu sein und über das Wagnis neuer Ausdrucksformen.

Bernd Koberling, Eyrarrós – Klang No. 5, 2016, © Bernd Koberling, courtesy KEWENIG and the artist, Foto: Eric Tschernow.

Farbintensiv. Fließend. Mitreißend. Die Werke von Bernd Koberling, die die Galerie Kewenig in ihren prächtigen Räumen anlässlich des 80. Geburtstags des Künstlers ausstellt, sind ausschließlich späte Arbeiten. Bunt und vielfältig erscheinen die Aquarelle, die Serien der „Plattenbilder“ (bis 2011) und „Ölbilder“ (seit 2012) – Werkgruppen, die die Auseinandersetzung des Künstlers mit Landschaft verdeutlichen. Mehrere Monate im Jahr verbringt Koberling auf Island, um dort unberührte Weiten der Natur in sein Werk aufzunehmen. Natur als Quelle seiner Inspiration? Nicht ganz. „Nicht wie angenommen, fahre ich nach Island, um mir dort Inspiration aus der Natur zu holen, ich bringe sie bereits dorthin. Ich sehe die Malerei nicht als das Abbild der Natur. Eindrücke, die ich mir vorstelle, erscheinen in der Landschaft.“ Landschaft und Natur – ohnehin die Themen im Werk Koberlings. „Während sich andere an ihrer Biographie abarbeiteten, arbeitete ich an der Utopie der Landschaft.“

Galerie KEWENIG, Installationsansicht, © Bernd Koberling, courtesy KEWENIG and the artist, Foto: Stefan Müller.

Die Landschaft war schon immer existenziell für den Berliner Maler. Obgleich eng verbunden mit der Stadt Berlin, wo er 1938 geboren wurde, – „ich habe noch das Metall vom Himmel fliegen sehen“ – und wo er heute noch sein Atelier hält, bestimmt sich sein Oeuvre durch impulsive, an die Grenze zur Abstraktion reichende Darstellungen der Natur. Schon früh wusste er, dass er Künstler werden will – „anpassen konnte ich mich nicht.“ Mit einem Pelikanmalkasten malte er erste Bilder auf Schuhkartons. Die Schule brach er ab, es folgte eine Tätigkeit als Koch. Währenddessen begann er ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin; es war allerdings eher der rege Austausch mit befreundeten Künstlern seiner Generation wie Karl Horst Hödicke oder Georg Baselitz, der ihn anregte, als die Lehre in der Institution. Zudem änderten sich in der Bildenden Kunst die traditionellen Formen des künstlerischen Ausdrucks: Alles „Schöne“ schien man negieren zu wollen. Fortschritt hieß, grundlegend neue Ausdrucksformen zu erproben, in der Malerei neue Formenexperimente zu wagen. In Amerika war das die Geburtsstunde des Abstrakten Expressionismus, der auch Koberling bewegte: „Pollock, de Kooning – das war wie eine amerikanische Revolution. Das hat uns Junge in den Fünfzigern begeistert.“

Bernd Koberling, 12 Jahreszeiten, 2018, © Bernd Koberling, courtesy KEWENIG and the artist, Foto: Jörg von Bruchhausen.

„Als ich die Werke von de Kooning gesehen habe, dachte ich, das ist es. Abstrakten Expressionismus gibt es. Das hat uns stark gemacht. Die Arbeiten von Pollock sind zwar unglaublich naturalistisch – nah an der Landschaft, doch ein de Kooning ist koloristisch viel interessanter.“ Auch Koberlings Werke zeichnen sich durch explosive Farbigkeit und durch einen wild geführten Pinselstrich aus. Wild? Als Gründervater der Jungen Wilden wird er heute bezüglich seines Sujets der Landschaftsromantik oft eher als Junger Milder abgetan: „Als Landschaftslieblingsmaler wurde ich bezeichnet. Aber ich habe fordernder gedacht. Mit meiner Malerei reibe ich mich an der visuellen Welt, wenn das nicht wäre, wäre es Design oder Illustration. Aber der Gegenstand muss sich reiben an der Malerei. Es ist ein existenzieller Kampf. Am Anfang ist immer das Risiko – aber es ist auch der Beginn des Schöpferischen.“

Galerie KEWENIG, Installationsansicht, © Bernd Koberling, courtesy KEWENIG and the artist, Foto: Stefan Müller.

Trotzdem bleibt dann immer noch der Kampf mit dem Auftrag, den Farben. Seine imposanten „Plattenbilder“, die unter anderem bei Kewenig zu sehen sind, wirken wie monumentale Aquarelle. Ein sehr liquider Auftrag von Acrylfarbe auf umsichtig aufbereitetem Kreidegrund lässt beinahe jede Form zerfließen und bewegt sich entlang der Grenze zur Abstraktion. Ob er seine Malerei als abstrakt ansieht? „Bei dem Begriff ‚abstrakt’, weiß ich heute schon gar nicht mehr, was Menschen damit meinen. Ein Cézanne versuchte ja auch nicht abstrakt zu sein, sondern Form in den impressionistischen Ausdruck zu bringen.“ Koberling betrachte die Malerei eher als einen Transporteur von Diskrepanzen: „Eine Einheit dieser Widersprüche herstellen – das ist am Ende die Malerei.“ Gegenpole und Widersinn im künstlerischen Ausdruck kamen bereits in den 1960er und 1970er Jahren auf. Da rebellierte eine Generation junger Maler der Avantgarde wie Koberling und ließ sich auf das Abenteuer einer neuartigen Malerei ein. Extreme Materialexperimente und expressive Formensprache: „Die Glätte von heute gab es damals nicht. Was heute konsumiert werden soll, ist ein großes Fragezeichen.“

WANN: Die Ausstellung „Malerei 2003-2018“ mit Werken von Bernd Koberling läuft bis zum 26. Januar 2019. Zeitgleich sind bei der Galerie Klaus Gerrit Friese bis 19. Januar 2019 mit Papierarbeiten und den „Überspannungen“ ausnahmslos frühe Arbeiten aus den Sechzigern zu sehen. 
WO: Galerie KEWENIG, Brüderstraße 10, 10178 Berlin.

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