Als die Deutschen Kunst klauten
Die Restitution der "Justitia" von Carl Spitzweg

27. April 2020 • Text von

Im Mai wird die „Justitia“ von Carl Spitzweg versteigert – ein Bild reich an Geschichten von Nazis, deutschen Bundespräsidenten und (Un)Gerechtigkeit. Als Raubkunst par excellence eröffnet es den weit überfälligen Diskurs zu Restitutionspolitik und Provenienzforschung. 

Carl Spitzweg, Justitia, 1857, Oil on canvas © NEUMEISTER_Christian Mitko

Vor vielen Jahren kam ein Mann namens Leo Bendel durch seine Arbeit in der Tabakbranche zu Wohlstand und legte sich eine Kunstsammlung an. Er lebte um 1915 in Berlin und eins seiner Werke war die „Justitia“ von Carl Spitzweg, gemalt um 1857. Der Kunstsammler hatte eine Frau namens Else Bendel. Sie war evangelisch und er jüdisch. Im Jahr 1935 verlor Leo Bendel erst seine Arbeit und bereitete dann gemeinsam mit seiner Ehefrau die Ausreise nach Wien vor. 1935 war das Jahr, in dem das NS-Regime begann, den Friedensvertrag von Versailles zu unterhöhlen, das Jahr, in welchem Hermann Göring die Gründung der Luftwaffe bekanntgab, das Jahr, in dem die Reichswehr zu Wehrmacht umgewandelt wurde, Reichsmarine wurde zur Kriegsmarine, die Rassenideologie des NS-Regimes in den Nürnberger Gesetzen festgeschrieben wurde, wodurch der Begriff Jude gesetzlich definiert und zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, die Eheschließung und Sexualkontakte zwischen Juden und Nicht-Juden unter Strafe gestellt war. 

Leo und Else Bendel und ihre Schwester Gretchen (c) Neumeister Kunstauktionen

Als Leo und Else Bendel also nach Wien flüchten wollten, entschieden sie sich, die gesamte Kunstsammlung zu verkaufen. Glücklicher Schnäppchenjäger der „Justitia“ war die Galerie Heinemann – für 16 000 Reichsmark war der Deal geschlossen. Umso größer wahrscheinlich die Freude der Galerist*innen, als kurze Zeit später Maria Almas-Dietrich, die Kunsthändlerin Hitlers, an sie heran trat, um das Bild für 25 000 Reichsmark einzukaufen. Hitler, bekanntermaßen Kunstliebhaber und Spitzweg-Fan, sah es bereits im Linzer Führermuseum hängen, welches jedoch nicht bis Kriegsende fertig gestellt wurde. Nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1940 wurde Leo Bendel verhaftet und im Konzentrationslager Buchenwald umgebracht. Seine Frau lebte unter ärmlichen Bedingungen weiter in Wien, da ihre Entschädigungsansprüche, aufgrund mangelnder Nachweise über den früheren Besitz, nach Kriegsende abgelehnt wurden.

Carl Spitzweg, Justitia, 1857, Oil on canvas © NEUMEISTER_Christian Mitko

Die „Justitia“ landete im Central Collecting Point der Amerikaner und aufgrund eines vermeintlich fehlenden Eigentümers, in Bundesbesitz. Von dort aus ging die Göttin der Gerechtigkeit dann 1961 an das Bundespräsidialamt und diente als Schutzpatronin aller Bundespräsidenten bis Horst Köhler in der Villa Hammerschmidt. Erst durch öffentlichen Druck wurde das Bild 2006 restituiert und der Besitz der Familie öffentlich anerkannt. „Die Erben boten die „Justitia“ daraufhin dem Bund zum Kauf an – Dieser sagte, geschenkt würde es das Bild gern nehmen, kaufen wolle man es aber nicht“. In ihrem Buch „Nazi looted art“ forschte die Kunsthistorikerin Monika Tatzkow zu Raubkunst und nahm sich auch dem Fall der „Justitia“ an. Das Gemälde wurde nun 2019 endgültig an die Erb*innen zurückgegeben und geplant ist, es im Mai durch das Auktionshaus Neumeister versteigern zu lassen. Der Schätzwert ist noch unklar, da die Preise für die Arbeiten von Carl Spitzweg stark schwanken. Bei der „Justitia“ kann, ein wenig zynisch, von einem Happy End gesprochen werden, aber es stellt sich die Frage nach dem Umgang mit Beutekunst im Allgemeinen. Beutekunst umfasst alle Kulturgüter, die sich jemand im Krieg oder kriegsähnlichen Zustand widerrechtlich aneignet. Der Begriff Raubkunst bezieht sich speziell auf Kulturverluste, die während des NS-Regimes entstanden sind.

Carl Spitzweg, Justitia, 1857, Oil on canvas © NEUMEISTER_Christian Mitko

Nach Angabe der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wurden seit 1998 etwa 5700 Raubkunstobjekte an die ursprünglichen Besitzer*innen zurückgegeben, aber allein in Deutschland wurden während des Zweiten Weltkriegs etwa fünf Millionen Kunstwerke den Besitzer*innen entrissen, wovon sich noch etwa 2500 in Bundesbesitz befinden. Eine Einleitung für Restitutionspolitik wurde durch die deutsche Regierung im Jahr 2017 gemacht, als sie sich auf einer internationalen Konferenz erstmals der rückhaltlosen Aufklärung des NS-Kunstraubs verpflichtete und zum“ Washingtoner Abkommen“ bekannte. Bei diesem hatten sich 1998 40 Staaten verpflichtet, die Verbrechen der Nazis gegenüber Kunstbesitzer*innen aufzuklären und eine Einigung mit den Nachfahren der Opfer zu suchen. Inzwischen gehört Provenienzforschung, also die Erforschung der Geschichte von Kulturgütern, zum guten Ton der meisten Museen und die Debatte um den Umgang mit gestohlener Kunst, findet immer mehr Öffentlichkeit – somit lässt sich mit der Hoffnung verbleiben: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Die „Justitia“ von Carl Spitzweg wird am 6. Mai bei Neumeister Kunstauktionen versteigert. Vorbesichtigungen können individuell vereinbart werden.

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