Ärger im Paradies?
"Garten der irdischen Freuden" im Gropius Bau

31. Juli 2019 • Text von

Warum verbinden wir mit dem Paradiesgarten stets einen utopischen Sehnsuchtsort? In der Gruppenausstellung „Garten der irdischen Freuden“ im Gropius Bau reflektieren mehrere Künstler*innen das Motiv des Gartens. Dabei kreieren sie ein vielschichtiges Abbild des aktuellen Zustands unserer Welt. (Text: Julia Meyer-Brehm)

Nach Hieronymus Bosch, „Garten der Lüste (Mitteltafel)“, 1535–1550, Öl auf Holz, auf Leinwand übertragen, 182 x 168 cm, Privatsammlung.

Seit Jahrhunderten stellen sich Menschen das Paradies als utopischen Garten vor. Doch schon der ursprünglich persische Begriff „pairidaeza“ (pairi = um, daeza = Wand) weist auf die Abschottung eines Lebensraumes hin. Neben seiner Symbolik als Ort der Fruchtbarkeit und des Gedeihens ist auch der Garten stets ein künstlich geschaffener, abgeschlossener Ort. Auf der einen Seite geht das mit Schutz und Sicherheit einher, auf der anderen Seite bedeutet es Aus- und Abgrenzung. Im Berliner Gropius Bau widmen sich nun 22 internationale Künstlerinnen*innen auf unterschiedliche Art dem Sujet des Gartens, sei es aus politischer, ästhetischer oder kultureller Perspektive.

Inspirationsquelle für die von Stephanie Rosenthal und Clara Meister konzipierte Ausstellung lieferte Hieronymus Boschs bekanntes Triptychon „Der Garten der Lüste“, in dem Leid und Euphorie, Himmel und Hölle bereits eng miteinander verwoben sind. Ein persischer Gartenteppich aus dem 18. Jahrhundert eröffnet neben der zwischen 1535 und 1550 entstandenen Adaption von Boschs Werk eine weitere historische Perspektive auf die Vorstellung eines Paradiesgartens.

Rashid Johnson, „Antoine’s Organ“ (Detail), 2016, Copyright: Foto: Martin Parsekian Rashid Johnson, Courtesy: der Künstler und Hauser & Wirth.

Im Lichthof des Gebäudes bildet die Installation von Rashid Johnson das Herzstück der Ausstellung und wirkt dabei durch ihre gitterartige Struktur und die darin angeordneten Objekte und Pflanzen wie ein eigenes, atmendes Ökosystem. Tatsächlich gewinnt man das Gefühl, der ganze monumentale Bau beginne aus der Mitte heraus zu leben und jedes Kunstwerk werde auf seine Weise Teil eines großen Organismus.

Der Garten als sinnliche Erfahrung wird spürbar, wenn man das Halbdunkel des von Hicham Berradas konzipierten Raumes betritt. Fast betäubend strömt einem der intensive Duft von Nachtjasmin in die Nase, den die Pflanze nur bei Nacht produziert. Es ist ein eindrucksvolles erstes Beispiel für die menschengemachte Manipulation der Natur.

Hicham Berrada, „Mesk-ellil“, 2015, Copyright: Hicham Berrada, Foto: Archive kamel mennour, Courtesy: der Künstler & kamel mennour, Paris / London.

Einen Raum weiter stolpert man direkt in die nächste Sinnesreizüberflutung: Yayoi Kusama hat den wohl instagramtauglichsten Ausstellungsraum entwickelt, der, wie für die Künstlerin typisch, mit bunten Punkten übersät ist. Mit den dafür bereitgestellten Pantoffeln stiefelt man zwischen überlebensgroßen Blumen umher und entwickelt bei diesem Gartenerleben eine fast kindliche Freude. Hier wird sichtbar, dass neben all den großartigen Ideen, die die Ausstellung liefert, die dagegen geradezu schlicht wirkende Arbeit Kusamas die Besucher*innen am meisten überzeugt: Der Raum quillt beinahe über vor Menschen. 

Yayoi Kusama, „With All My Love for the Tulips, I Pray Forever“, 2013–2014, Copyright: Yayoi Kusama, Courtesy: Ota Fine Arts, Tokyo / Singapore / Shanghai.

Absolut großartig ist Pipilotti Rists Videoarbeit, die die Betrachtenden Zeit und Raum vergessen und vollends in die utopische Vision eines Paradiesgartens eintauchen lässt. Auf organischen Sitzkissen liegend, kann man den ausschließlich weiblichen Paradiesbewohnerinnen beim spielerischen Zerdrücken von Pfirsichen und tranceartigen Streicheln von Hautpartien zusehen. Nach wenigen Minuten meint man, die Früchte riechen, die Berührungen am eigenen Leib spüren zu können.

Homo sapiens sapiens, 2005, audio-video installation (video still), © Pipilotti Rist, Courtesy the artist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine.

Unwillkürlich wähnt man sich im Urlaub, während man barfuß über die von Renato Leotta angeordneten, warmen Terrakottafliesen spaziert, die Abdrücke von herabgefallenen Zitronen zeigen. Leotta thematisiert auf diese Weise die Beziehung zwischen Mensch und Natur, künstlichen Gartenszenarien und unserer Umwelt. Auch Lungiswa Gquntas macht deutlich, dass Gärten von Menschen gemachte, abgegrenzte Bereiche darstellen. In einem großen Feld, das an einen Rasen erinnert, drappiert sie zerschlagene Coca Cola Flaschen so, dass sie spitz in die Höhe ragen. Dadurch verdeutlicht sie das Spannungsverhältnis zwischen Grünflächen als Erholungsort und den mit Glasscherben versehenen Mauern der Gärten Südafrikas, die unerwünschte Eindringlinge fernhalten sollen.

Jumana Manna, Still from Wild Relatives, 2018, 64 min., HD video, Director of photography: Marte Vold.

Jumana Manna beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf unser Verständnis von Natur. Ihr Film zeigt die Konservierung von Samen in Hinblick auf eine Zukunft, in der für einige Pflanzen keine natürlichen Lebensräume mehr vorhanden sein werden. Schauplatz der Handlung ist der norwegische Saatgut-Tresor „Svalbard Global Seed Vault“. Im größten Samenspeicher der Welt werden wichtige Saatkörner langfristig gelagert. Manna dokumentiert das wirtschaftliche Interesse an Pflanzen und rückt die Diskrepanz zwischen natürlicher Biodiversität und künstlich angelegtem Ökosystem in den Vordergrund.

Außerhalb des Gebäudes hat Maria Theresa Alves einen Garten aus Samen angelegt, die zur Kultivierung exotischer Pflanzen oder als koloniales Raubgut ihren Weg nach Europa fanden. Die bei archäologischen Grabungen nahe der Spree gefundenen Saatkörner stellen einen historischen Blick auf das Verhältnis zwischen Botanik und Politik her. Im Laufe der Ausstellung wird sich die Installation aus Keimlingen und Schutt stetig verändern. Auch Uriel Orlow verfolgt die Spuren der Migration von Pflanzen nach Europa. Um die kolonialen Zusammenhänge zu verdeutlichen, macht Orlow unter anderem auf die ungewohnten Gefahren in der neuen Heimat aufmerksam: Um dem europäischen Fressfeind Eichhörnchen zu entgehen, müssen die importierten Pflanzen in den Botanischen Gärten beispielsweise in Maschendraht gewickelt werden.

Uriel Orlow, „The Squirrel’s Revenge“, 2017 Copyright: Pipilotti Rist, Courtesy: die Künstlerin, Hauser & Wirth und Luhring Augustine.

„Der Garten der irdischen Freuden“ entwickelt ein Eigenleben: Maschinen beginnen zu atmen, überall duftet und sprießt es, die Räume sind in bunte Lichter getaucht. Die Ausstellung selbst wird zum großen Garten, den es mit allen Sinnen zu entdecken gilt. Dabei bleibt es nicht bei einer utopischen Paradiesvorstellung: Die beiden Kuratorinnen haben einen Ort geschaffen, an dem kritische Reflexion und Thematisierung von politischen, ökologischen und postkolonialen Missständen möglich gemacht werden.

WANN: Die Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“ läuft bis zum 1. Dezember 2019.
WO: Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin.

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