Ein Plädoyer für Genuss
Die Genießer, Marie und Feline Grub

23. Juni 2020 • Text von

Mit ihren „die Genießer“-Figuren zelebrieren die Künstlerinnen Marie und Feline Grub die kleinen Freuden des Lebens, denen wir im Alltag mehr Bedeutung beimessen sollten. Seit Sonntag sind „die Genießer“ im Rahmen des „XCHANGE – a female art project“ von Adidas Originals in einer Gruppenausstellung zu sehen. Mit gallerytalk.net sprachen die Zwillingsschwestern über Erwartungsdruck, Kunst als Teamsport und die Bedeutung von Genießer-Momenten im Alltag.

Die Genießer Figuren hängen an Stangen

Marie und Feline Grub, 187, Flaggen, 2020.

gallerytalk.net: Ihr seid Teil des „XCHANGE – a female art project“, eine Initiative, die von Adidas Originals ins Leben gerufen wurde. Ziel dieses Projekts ist es, jungen Künstlerinnen eine Bühne zu bieten, sie zu unterstützen. Frauen sind in der Kunstwelt immer noch in der Minderheit und in der Rezeption weniger sichtbar. Was muss sich eurer Meinung noch ändern in den Strukturen?
Marie und Feline Grub:
Es ist sehr wichtig heutzutage, dass Künstlerinnen mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Es braucht einflussreiche Personen in der Kunstwelt, wie in diesem Fall Karen Boros, Maike Kruse und Marie Mayer, die diese Sichtbarkeit unterstützen. Nur so können die bestehenden Strukturen aufgeweicht werden.

Gemeinsam mit sechs weiteren jungen Künstlerinnen wie Hannah Sophie Dunkelberg oder Johanna Dumet wurdet ihr von Adidas Originals ausgewählt, um gemeinsam in einem Atelier in Berlin-Kreuzberg während mehrerer Monate eine Ausstellung vorzubereiten. Diese wurde am Sonntag eröffnet. Welche Erwartungen hattet ihr an das Projekt? Haben sich diese erfüllt?
Absolut. Wir wollten neue Dinge auszuprobieren, größer arbeiten, mit neuen Ansätzen und Materialien experimentieren. Für uns haben sich die Erwartungen erfüllt. Außerdem war es interessant, zu sehen, wie andere Künstlerinnen arbeiten, die zum Teil ganz unterschiedliche Materialien benutzen. Das hat uns auch auf neue Ideen gebracht. Bedauerlich ist natürlich, dass durch den sehr kurzfristig mittgeteilten Termin für die Ausstellung nicht alle Künstlerinnen teilnehmen konnten. 

Porträt der Zwillinge Marie und Feline Grub vor roter Wand.

Porträt Marie und Feline Grub, Foto: Elena Peters. © Marie und Feline Grub.

„XCHANGE“ ist es wichtig die Sichtbarkeit von Frauen in der Kunstwelt zu betonen. Auf der Internet-Seite steht: „Ganz im Sinne von ,Change is a Team Sport‘ verstehen wir Veränderung nicht als eine Einzeldisziplin, sondern als gemeinsamen Erfolg.“ Eigentlich war geplant, dass ihr vom 13. Februar bis zum 1. Mai gemeinsam in dem zur Verfügung gestellten Atelier an euren Projekten arbeitet. Habt ihr die gemeinsame Zeit als Inspiration empfunden? Ist Kunst denn ein „Team Sport“?
Natürlich ist es inspirierend zu sehen, wie die anderen Künstlerinnen arbeiten, welche Ansätze und Gedanken sie haben. Leider waren wir nur selten alle gleichzeitig vor Ort. Hannahs Werke beispielsweise sind sehr raumfüllend, was mit unseren Aluminiumplatten nicht gut in einem Raum vereinbar ist. Auch Sina war als Fotografin nur selten im Atelier. Ein gemeinsame Ziel spornt jedoch an und kann in schwierigen Zeiten Kraft geben. Kunst ist insofern ein Teamsport, als man mit der Unterstützung eines Teams mehr auf die Beine stellen kann. Aber insgesamt arbeitet doch jede Künstlerin für sich.

Ursprünglich war geplant, dass ihr während des Kampagnenzeitraums den Adidas Originals Flagship Store in Berlin-Mitte als Präsentationsfläche nutzen könnt. Im Mai sollten abschließend alle Werke auf dem Gallery Weekend gezeigt werden. Aufgrund der Pandemie wurde eure gemeinsame Zeit im Atelier abrupt beendet. Wie habt ihr stattdessen das Projekt fortgeführt?
Wir haben viel an Konzepten gearbeitet, um sie dann kurz vor der Ausstellung hier in Berlin umzusetzen. Da wir räumlich getrennt waren, haben wir viel geskypet und die Entwürfe digital hin- und hergeschickt.

Die Genießer Figuren auf einer grauen Wand

Marie und Feline Grub, Berlin Underground, Aluminiumplatten, 2020.

Am Sonntag hat die Ausstellung nun endlich eröffnen können. Im Mittelpunkt eurer Präsentation stehen eure beiden „Genießer-Figuren“, die ihr seit einigen Jahren regelmäßig in einer Kolumne im „Tagesspiegel am Sonntag“ das Leben in seinen Einzelheiten genießen lasst. In welcher Form des Genusses findet man die beiden Figuren in der Ausstellung wieder?
In unseren Ausstellungsarbeiten beschäftigen wir uns weiter mit dem Genießen, betrachten aber zunehmend den Raum um „die Genießer“. Dabei gehen wir Fragen nach, wie „die Genießer“ mit der Welt um sie herum interagieren. Was bedeutet es zu genießen?

Die Genießer umrundet von Figuren als überdimensionale Figur aus Pappe

Marie und Feline Grub, Stadion, Aluminiumplatten, 2020.

Für die Ausstellung habt ihr eine Skulptur geschaffen, die „die Genießer“ in einem Stadion, zeigt, umgeben von allerhand kuriosen Gestalten, die allesamt vertieft auf ihre Handybildschirme blicken. Konzentrieren wir uns heutzutage nicht mehr aufs Wesentliche? Zieht das Hier und Jetzt in unserer digitalisierten Welt an uns vorbei?
Das Hier und Jetzt zieht nicht vorbei. Nur die Angst etwas zu verpassen, macht es uns oft schwer, einen Moment zu verweilen, wenn man doch gleichzeitig überall sein könnte. Wir haben das Gefühl, dass gerade durch die aktuelle Krise für viele Leute ein enormer sozialer Druck abgefallen ist und dadurch die Chance entsteht, wieder mehr im hier und jetzt zu sein und Genießer-Momente zu erleben.

Eine der ausgestellten Arbeiten zeigt einen neuen Ansatz. „Die Genießer“ sollen nun auch den urbanen Lebensraum erobern. Angelehnt ist eure Präsentation an ein Projekt, das gerade mit der Stadt München in Planung ist. Die Idee ist es, Passanten im Vorbeigehen überraschende Genießer-Momente zu schenken. Welche Momente versucht ihr zu „schenken“?
„Die Genießer“ nutzen die Stadt als Spielwiese. Sie balancieren auf Hausgiebeln, sie heben Häuserwände an, um darunter durchzusehen oder schwingen auf Schaukeln über Fassaden. Es geht darum dem Betrachter einen neuen Blickwinkel auf die Stadt zu geben und mit der kindlichen Neugierde und Freiheit der Genießer zu inspirieren.

Die Genießer-Figuren und ein Foto eines Hochhauses in ihrer Mitte

Marie und Feline Grub, Urban I, Fotografie und Wallpiece, 2020.

In unserem gehetzten Alltag habe ich das Gefühl, dass uns oftmals die Fähigkeit fehlt, einen Moment des Innehaltens, des Genusses in den Tag einzubauen. Warum fällt uns das so schwer?
Das fällt uns so schwer, weil eine riesen Erwartungshaltung auf uns lastet – nicht nur im beruflichen Sinne, sondern auch im Privatleben. Diese Erwartung will erfüllt werden. Gleichzeitig vergleichen wir uns immer mehr und immer öfter miteinander. Da kann sich schnell ein Gefühl von „Bin-ich-Genug“ einstellen. Das ist natürlich das Gegenteil von Genuss.

Fehlt gerade unserer Gesellschaft die Kunst zu genießen?
Die deutsche Gesellschaft ist besonders auf Leistung gepolt. Deswegen ist es so wichtig, sich diese Momente bewusst zu machen und sich zu fragen, ob einen das Erreichen bestimmter Ziele auch wirklich glücklich macht.

„Die Genießer“ scheinen ein gemütliches Dasein zu leben. Sieht man sich durch die einzelnen Szenen, die ihr im „Tagesspiegel“ veröffentlicht, „genießen es die Genießer, wenn sie die Masken wieder ablegen können“, sie „genießen es, kleine Nachrichten zu hinterlassen“, „ein bisschen länger im Bett bleiben zu können“, „die Sonne“ – schlicht es geht darum, den kleinen Dingen im Leben Wert zu schenken. Würdet ihr sagen, dass ihr das in eurer Leben integrieren könnt?
Natürlich leben „die Genießer“ in einer Welt ohne Probleme und ohne stressige Termine. Aber wir versuchen auf jeden Fall, möglichst viele Genießer-Momente in unseren Alltag einzubauen. Oft gelingt das am besten, wenn man sich im Klaren ist, was für einen persönlich ein solcher Genießer-Moment ist. Das kann auch einfach eine überraschend freundliche Begegnung sein.

Porträt der Künstlerinnen Feline und Marie Grub

Feline und Marie Grub, Porträt, Foto Johanna Ghebray.

Eure Ausstellung habt ihr nun erfolgreich beendet. Auf welchen Genuss freut ihr euch jetzt am meisten?
Der größte Genuss ist gerade, alles geschafft zu haben, was wir uns für die Ausstellung vorgenommen hat. Es ist das Gefühl, alles gegeben zu haben. Das fühlt sich gut an.

WANN: Die Ausstellung des „XCHANGE – a female art project“ ist noch bis Samstag, den 27. Juni zu sehen.
WO: Adidas Originals, Münzstraße 14–16, 10178 Berlin-Mitte.

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