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Tomás Saraceno bei Esther Schipper

28. November 2019 • Text von

„Algo-r(h)i(y)thms“ nennt sich die dritte Einzelausstellung von Tomás Saraceno in der Berliner Galerie Esther Schipper. Eine gigantische Rekonstruktion arachnoider Lebensräume lädt dazu ein, filigrane Netzstrukturen multisensorisch zu erfahren und beschwingt miteinander zu kommunizieren. (Text: Julia Meyer-Brehm)

Exhibition view: Tomás Saraceno, Algo-r(h)i(y)thms, Esther Schipper, Berlin, 2019. Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin. Photo © Andrea Rossetti

Da Spinnen eine stark eingeschränkte Seh- und Hörfähigkeit haben, orientieren sie sich in ihrer Umwelt durch das Senden und Empfangen von Netzschwingungen. Durch Vibrationen ihres Webwerkes können die achtbeinigen Tiere verschiedenste Signale übermitteln und ihre grazilen Behausungen zum Beispiel dem Flug von Insekten anpassen.

Dass Tomás Saraceno sich seit vielen Jahren mit Spinnen und ihren Lebensräumen beschäftigt, dürfte vielen nicht neu sein. Neben dem Erforschen und Ausstellen der Netze dienen die Konstruktionen der tierischen Baumeister ihm auch als Vorbild für seine raumfüllenden Installationen. Eine davon ist nun in der Galerie Esther Schipper physisch erfahrbar: Ausgerüstet mit Filzschlappen und Lektüre über achtbeinige Kommunikationsformen sind die Galeriebesucher*innen dazu eingeladen, das kolossale Netzwerk zu erkunden, das in zahllosen Strängen vom Boden bis zur Decke, von links nach rechts durch 300 Quadratmeter Galeriefläche gewebt wurde. Große und kleine Polyeder dienen als Verbindungsinseln von über drei Kilometern schwarzem Kabel.

Exhibition view: Tomás Saraceno, Algo-r(h)i(y)thms, Esther Schipper, Berlin, 2019. Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin. Photo © Andrea Rossetti.

Durch zarte Berührungen der gespannten Schnüre ergeben sich Töne, die mit vierzig Mikrofonen verstärkt und von Lautsprechern wiedergegeben werden. Einzelne Knotenpunkte des Netzgeflechts beziehen sich auf unterschiedliche Frequenzen aus unserer Umwelt. So reproduziert zum Beispiel eines der Netze bei Kontakt die Balzsignale einer Kugelwebespinne. Neben Frequenzen von Achtbeinern klingen jedoch auch die Schwingungen von Galaxien und Ozeanen durch die Galerie.

Mit derlei physikalischen Phänomenen dürfen, müssen die Besucher*innen sich jedoch nicht befassen. Das Erlebnis, sich mutig in das beeindruckende Fadengewirr zu stürzen, ist an sich schon aufregend genug. Beim andachtsvollen Schreiten durch die schwarz-weiße Landschaft kommt instinktiv der Wunsch nach mindestens vier weiteren Gliedmaßen zum Zupfen, Streichen und Ziehen auf. Mit „Algo-r(h)i(y)thms“ soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie und mit wem wir zusammenleben, welche Rhythmen und Algorithmen unser Leben bestimmen. Gleichzeitig soll das harmonische Zusammenspiel verschiedener Personen und Schwingungen unsere soziale Rolle in einem großen Gefüge verdeutlichen und die Sensibilität für dieses schulen. Und das funktioniert.

Exhibition view: Tomás Saraceno, Algo-r(h)i(y)thms, Esther Schipper, Berlin, 2019. Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin. Photo © Andrea Rossetti

Kinder und Erwachsene winden sich behutsam durch das Fadenlabyrinth, stets darauf bedacht, die klingenden Saiten nicht zur Stolperfalle werden zu lassen. Je mehr Menschen sich gleichzeitig im Netzwerk tummeln, desto eindrücklicher wird die soziale Interaktion. Fast scheint es, als gäbe es eine stille Vereinbarung, fremde Schwingungen abzuwarten, bevor eigenhändig gezupft werden darf. Auf diese Weise entsteht ein kommunikatives und achtsames Miteinander.

Apropos Achtsamkeit: Nach einer halben Stunde „Algo-r(h)i(y)thms“ wähnt man sich auf einem meditativen Entspannungslevel fernab der befahren Potsdamer Straße. Tomás Saraceno schafft zumindest kurzzeitig eine Sensibilisierung für feine Nuancen und die taktvolle Interaktion mit dem sozialen Umfeld.

WANN: „Algo-r(h)i(y)thms“ ist bis Samstag, den 21. Dezember, zu sehen.
WO: Galerie Esther Schipper, Potsdamer Straße 81e, 10785 Berlin.

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