Selbstbestimmt(e) Arbeiten
GOMO über das Neue

27. März 2019 • Text von

Vor zwei Wochen traf gallerytalk.net die Initatorinnen des Projektraums GOMO, Nicoleta Auersperg, Mara Novak und Dorothea Trappel, um über die freie Szene Wiens und deren Repräsentation im 21er Haus zu sprechen.

Laura Hinrichsmeyer will be part of the upcoming exhibition by GOMO at Belvedere 21. Courtesy of the artist.

Über dem Schaufenster, das einen direkten Blick in die noch leeren Ausstellungsräume ermöglicht, steht immer noch „ARAM SHO“ – ein Relikt des Vormieters. Die Renovierungsarbeiten sind fast abgeschlossen, pünktlich für die Eröffnung der ersten Ausstellung in den neuen Räumlichkeiten. „Hydrobutter“ ist eine Reflexion über Wasser als Gebrauchsgegenstand: Auf begrenztem Raum hat die Kuratorin Nika Kupyrova mit Anna Paul, Radek Brousil und Daniela Grabosch drei künstlerische Positionen versammelt, die unterschiedliche Raumstrategien mit einem ähnlich sinnlichen Blick für Materialästhetik umsetzen. Ab Mitte April ist GOMO dann auch in der Ausstellung „Über das Neue. Junge Szenen in Wien“ im 21er Haus vertreten. Nicoleta Auersperg, Mara Novak und Dorothea Trappel haben uns von ihrem Ausstellungskonzept, der institutionellen Zusammenarbeit  und der Wiener Off-Space Szene erzählt.

gallerytalk.net: Da das Belvedere 21 auch Projekträume eingeladen hat an der Ausstellung „Über das Neue. Junge Szenen in Wien“ teilzunehmen, habt ihr als Raumbetreiberinnen jetzt Zugang zu einem Ort, an dem ihr eigentlich nicht agiert. Was bedeutet das für euch? Welche Überlegungen und Strategien sind für euch wichtig, um sich den Raum anzueignen?
Mara: Uns geht es ganz grundsätzlich um Selbstbestimmung. Als Raumbetreiberinnen haben wir die Möglichkeit mitzugestalten, was die Wiener Kunstszene ist. Gleichzeitig sind wir dadurch als Künstlerinnen unabhängiger von Bewerbungen und Einreichungen. Diese Thematik ist auch wichtig für unseren Beitrag im 21er Haus.

Wie kam die Auswahl der Künstler*innen für eure Ausstellung im Belvedere 21 zustande?
Nicoleta: Wir werden ausschließlich weibliche Künstler*innen zeigen, was an sich ein Statement ist. Bei allen Werken spielt Empowerment und die Situation als Künstlerin innerhalb des Kunstsystems eine wesentliche Rolle. Außerdem werden wir eine Arbeit von Lore Heuermann, die inzwischen über achtzig ist und seit den 1950er Jahren auch unter schwierigen Bedingungen als Künstlerin in Wien lebt, zeigen. Ihre Werke sind immer noch wenig präsent, obwohl sie ein wichtiger Anknüpfungspunkt für junge Künstler*innen sind. 
Mara: Es wird eine Herausforderung sein all diese Positionen auf begrenztem Raum auszustellen. In einer solchen Situation steht jede Künstler*in vor demselben Problem: Wie weit muss die eigene Arbeit im Fokus stehen und wie kann eine räumliche und thematische Kommunikation zwischen den einzelne Positionen gelingen.

Lore Heuermann will be part of the upcoming exhibition by GOMO at Belvedere 21. Courtesy of the artist.

Habt ihr von Seiten des Belvedere 21 bestimmte Vorgaben bekommen, wie ihr euren Beitrag gestalten sollt?
Mara: Am Anfang wurden schon gewissen Richtlinien kommuniziert. Im Ende haben sich trotzdem einige Projekträume darüber weggesetzt und das wurde auch akzeptiert. Severin Dünser und Luisa Ziaja, die Kurator*innen der Ausstellung, haben selbst nur Künstler*innen ausgewählt, die nicht älter als 35 Jahre sind und in Wien leben und arbeiten, und uns nahe gelegt auch nach diesen Richtlinien zu verfahren.
Dorothea: Manche Off-Spaces haben aber auch internationale Künstler*innen eingeladen. Das Regionale lässt sich genauso wenig eingrenzen wie das Junge. Meiner Meinung nach haben viele Spaces die Vorgaben ganz bewusst durchbrochen.

Wie war die Erfahrung für euch als Raumbetreiber*innen auf die Maschinerie einer Institution wie dem Belvedere zu treffen, die auf einer Produktionsebene wahnsinnig rigide ist?
Nicoleta: Es ist natürlich erschreckend zu sehen, wie lange einzelne Arbeitsschritte dauern. Es ist zum Beispiel schon ein Problem, wenn jemand eine Projektion mit Beamer möchte. Da kann man nicht einfach eine Konstruktion aus Holzlatten und Molton zusammenschrauben, wie wir es bei uns im Projektraum machen würden. Das muss technisch geprüft werden, das kostet Geld. Aber uns wurde auch wieder klar, wie viel unserer eigenen Arbeitszeit wir unentgeltlich in Projekte stecken – manchmal ohne es zu merken.

Gabriele Edlbauer will be part of the upcoming exhibition by GOMO at Belvedere 21. Courtesy of the artist.

Solange die unterschiedlichen Akteure der Kunstszene, in den ihnen zugeteilten Bereichen bleiben, kommt es nicht zu  Situationen, in denen unterschiedliche Arbeits- und Verwertungssysteme aufeinandertreffen und Reibung entsteht. Sowohl für die Mitarbeiter*innen des 21er Haus, als auch für euch als Raumbetreiber*innen, genauso wie für das Publikum setzt dadurch ein ganz anderer Reflexionsprozess ein.
Dorothea: Wir haben uns natürlich auch die Frage gestellt, was es bedeutet, dass wir eingeladen wurden und als Off-Space, der mit ganz anderen Problemen konfrontiert ist, in einer Institution ausstellen? Im Ende ist es dann doch komplizierter, als nur zu sagen, das Belvedere 21 lädt sich die Szene ein, die es wiederum dankend annimmt.
Nicoleta: In den sozialen Medien gab es einen wahnsinnigen Shitstorm. Luisa Ziaja hat aber auch gesagt, dass der Titel in Verbindung mit dem Bild eines Sonnenuntergangs ein Versuch ist eine ironische Distanz zu dessen Programmatik aufzubauen.
Mara: Bei dem Jour Fix der Wiener Off-Spaces, zu dem wir uns einmal im Monat treffen, wurde auch viel diskutiert. Natürlich gibt es viel Angriffsfläche, wenn eine Szene in ihrer Gesamtheit repräsentiert werden soll. Dabei ist das Konzept der Ausstellung nicht neu: In der Sezession gab es ein ähnliches Format und in der Kunsthalle die Reihe „Lebt und Arbeitet in Wien“. Das Belvedere 21 hat sich sozusagen lediglich der Lücke angenommen.

Gibt es Unterschiede wie das 21 Haus mit euch als Künstler*innen umgeht im Vergleich dazu wie ihr als GOMO Art Space mit Künstler*innen umgeht?
Dorothea: Wir freuen uns, dass wir von Stadt Wien und Bundeskanzleramt gefördert werden. Dadurch haben wir die Möglichkeit den Künstler*innen ein kleines Honorar auszahlen zu können. Für uns ist dieser Beitrag zu einer gerechten Umverteilung sehr wichtig. Momentan ist junge zeitgenössische Kunst in fast allen Museen so präsent wie noch nie, und gleichzeitig haben Künstler*innen noch nie so schlecht verdient wie heute. Wenn man bedenkt, dass z.B. in der Albertina, laut Falter, eine Million Euro pro Jahr allein für Ausstellungsplakate ausgegeben wird, während Künstler*innen in vielen Kulturinstitutionen noch immer viel zu niedrige oder sehr oft gar keine Honorare für ihre künstlerische Arbeit bekommen, läuft etwas grundlegend falsch.
Nicoleta: Auch bei Festivals gibt es immer wieder Kontroversen, weil den Künstler*innen kein Honorar gezahlt werde sollte. Aufgrund der Tatsache, dass die Wiener Projekträume sich zusammengetan und organisiert haben, können wir solche Angelegenheiten jetzt gemeinsam diskutieren. Wollen wir bei diesem Festival überhaupt mitmachen? Was bringt uns das eigentlich?
Mara: Natürlich kann jeder Off-Space für sich selbst entscheiden. Aber wenn intern offen über finanzielle, strukturelle und organisatorische Fragen gesprochen wird, haben alle mehr Informationen und damit jeder für sich einen ganz anderen Handlungsspielraum.

Anna Paul: „douche“ shower object – ready for use (part of the series „on bathing culture“), 2017. © Anna Paul, Foto Zara Pfeifer. Anna Paul is part of the current exhibition „Hydrobutter“ at GOMO.

Seit Ende letzten Jahres gibt es den Independent Index, der alle Wiener Projekträume auflistet. Wann und wie hat sich dieser Zusammenschluss formiert?
Mara: Nach dem Regierungswechsel, Sommer 2017, haben sich die Off Spaces zusammengeschlossen. Ungefähr zeitgleich haben wir GOMO in den alten Räumlichkeiten im 4. Bezirk gegründet. Während wir die ersten Ausstellungen eröffnet haben, war die Zukunft der freien Szene auf einmal äußert ungewiss.
Nicoleta: Im Vierten haben wir in einer ehemaligen Autowerkstatt Ausstellungen gemacht, die wir ein bisschen renoviert hatten. Der Raum hatte wesentlich mehr Off-Space Charakter als die Räume hier. Aber wenn man auf Fördermittel angewiesen ist, geht es nicht anders als sich ein Stück weit zu professionalisieren. Einige Off-Spaces sind schon fast zu kleinen Institutionen geworden, nur mit unverputzten Wänden.
Mara: In diesen Räumen haben wir unsere erste Eröffnung am 22. März – drei Wochen vor der Eröffnung im Belvedere. Ich bin gespannt, wie es in den neuen Räumen seien wird. Sowohl für das Publikum, als auch für uns verspricht es komfortabler zu werden, weil wir unsere Ateliers direkt nebenan haben und deshalb auch bessere Öffnungszeiten.

WANN:  Die Ausstellung „Hydrobutter“ läuft noch bis zum 12. April und ist immer von Mittwoch bis Freitag von 14 – 19 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.
WO: GOMO, Volkertplatz 8, 1020 Wien. Mehr online

WANN: Das Opening von „ the boy tumbled of a chair, he did not hurt himself“ im Belvedere 21 findet am 12. April, um 19 Uhr, statt.
WO: Belvedere21, Arsenalstraße 1, 1030 Wien. Details hier

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