Vergangenheit und Aufbruch
Luigi Presicce über "Nostalgia del Futuro"

12. Mai 2017 • Text von

Christliche Symbolik und starke Farben charakterisieren die Malereien und Skulpturen von Luigi Presicce. Der gebürtige Süditaliener mit seiner bedeutungsvollen Erscheinung führt uns durch seine erste Einzelausstellung in Berlin und erzählt von seiner Sehnsucht nach der Vergangenheit.

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Luigi Presicce: Installationsansicht „Nostalgia del Futuro“. Photo: m plus projekt.

gallerytalk.net: „Nostalgia del futuro – Sculpture & Painting“ im Projektraum m plus projekt in der Schlüterstraße ist deine erste Ausstellung in Berlin. Wie erlebst du die Stadt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Gallery Weekend, das zeitgleich mit der Eröffnung deiner Ausstellung stattgefunden hat?
Luigi Presicce: Meine Arbeiten wurden bereits von einer italienischen Galerie auf einer Kunstmesse in Berlin ausgestellt, aber das ist tatsächlich meine erste Einzelausstellung hier. Ich war schon öfters in Berlin und finde hier immer wieder neue Inspirationen. Die Atmosphäre ist auch über das Gallery Weekends hinaus sehr offen, es gibt viele internationale Künstler. Persönlich ziehe ich es vor, etwas Abstand zum Geschehen zu halten. Wenn ich Ausstellungen besuche, dann meistens nach der Eröffnung, wenn nicht allzu viele Menschen da sind.

Du bist Italiener und sprichst ausschließlich Italienisch. Würdest du sagen, dass du dadurch gewissermaßen eine Distanz zu einer internationalisierten Kunstwelt hast, deren Amtssprache Englisch ist?
Für mich ist es ehrlich gesagt egal, weil die Sprache der Kunst international ist. Der entscheidende Punkt ist, dass ein Kunstwerk – und nicht der Künstler – mit dem Betrachter kommuniziert. Wenn ich selbst eine Ausstellung besuche, geht es mir um den Dialog zwischen dem Kunstwerk und mir und nicht darum was andere Leute über die Arbeit, die Ausstellung oder den Künstler denken. Ein Bild kommuniziert nicht in einer bestimmten Sprache an den Betrachter, sondern durch die künstlerische Ausdrucksform.

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Luigi Presicce: Installationsansicht „Nostalgia del Futuro“. Photo: m plus projekt.

Sowohl in deinem malerischen, als auch in deinem bildhauerischen Oeuvre finden sich eine Vielzahl von kunsthistorischen Bezügen und ikonographischen Symbolen. Warum lässt du die Vergangenheit in zeitgenössischer Kunst wiederaufleben?
Für mich ist es wichtig zu wissen, was vor meiner Zeit passiert ist. Jeder Künstler würde gerne etwas zur Weiterentwicklung der Kunst beitragen, das ist Teil des Künstler-Seins. Aber um etwas neues zu schaffen, lohnt es sich darauf zurückzublicken, was schon gemacht wurde. Diejenigen Kunstwerke, die wir heute in Museen finden, verstehen wir ohne Begleittexte. Meiner Meinung nach kann gute Kunst ohne Worte kommunizieren. Ich wähle die Sprache der Vergangenheit, um in der heutigen Zeit eine Aussage zu treffen. Dabei spielt die Kunstgeschichte Italiens eine wichtige Rolle für mich: Ich wurde in Süditalien geboren, wo Religion und religiöse Ikonografie eine wichtige Rolle spielt: Man geht in die Kirche, betrachtet Fresken und Gemälde. Kommunikation durch Ikonografie ist ein Teil meiner Praxis und meines Lebens.

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Luigi Presicce: Monsieur Matisse 5, 2017 (links) und Monsieur Matisse 1, 2016 (rechts), Bronze mit weißer Ummantelung. Photo: m plus projekt.

Gibt es ein Werk in deiner Ausstellung bei m plus projekt, das dir besonders wichtig ist und über das du mehr erzählen möchtest?
Mein liebstes Werk ist immer das Letzte. In diesem Fall ist es eine Bronzefigur mit weißem Anstrich. Ich nenne sie den Gehstock. Das Denkmal in Florenz, auf das sich das Werk bezieht, ist einem indischen Prinz gewidmet. Im 19. Jahrhundert reiste er von Indien nach England, um die Queen zu besuchen. Auf dem Rückweg machte er einen Halt in Florenz, wo er tragischerweise im Alter von 28 Jahren verstarb. Nach indischem Brauch wurde er im Fluss Arno bestattet – das ist in einer konservativen italienischen Stadt wie Florenz vollkommen unüblich. Heute erinnert das Monument im Parco delle Cascine unweit des Flusses Arno an den Prinzen. Die Florentiner nennen es „l‘indiano“, aber kaum jemand kennt die Geschichte dahinter. Ich war fasziniert von der Geschichte des Prinzen und seines frühen Todes. Die Skulptur verbindet die Form des Gehstocks, welche auf das Reisen verweist, mit einer inhaltlichen Doppeldeutigkeit, die sich auf den Tod als letzte Reise und den Übertritt in eine andere Welt bezieht.
Die narrative Funktion von Kunst ist mir sehr wichtig, obwohl es gewissermaßen ein Tabu war, als ich damit anfing. Für mich geht es darum, ein zeitgenössisches Narrativ mit Bezug zur Vergangenheit zu schaffen. In diesem Zusammenhang steht der Gehstock exemplarisch für mein Oeuvre.

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Luigi Presicce: Installationsansicht „Nostalgia del Futuro“. Photo: m plus projekt.

Die Ausstellung umfasst neben Malereien und Skulpturen auch eine kleine Sammlung von Objekten, die du zwar nicht selbst geschaffen hast, dich aber bei deiner Arbeit inspiriert haben. Machen diese gefundenen Gegenstände deinen Arbeits- oder Gedankenprozess sichtbar? Begreifst du sie als eine enzyklopädische Sammlung oder eher als eine visuelle Erklärung deiner Malerei?
Ich begreife die ganze Ausstellung als einen Satz, als eine Aussage. Um einen Satz zu bilden, kann man unterschiedlich viele Wörter verwenden. Gewissermaßen sind die kleinen Gegenstände aus meiner Sammlung Adjektive und meine eigenen Malereien Nomen, oder andersrum. Für mich ist es nicht wichtig, ob ich etwas selbst hergestellt habe oder es nur aus meinem Besitz stammt. Alles ist gleich wichtig und gleich nützlich, um mit dem Betrachter zu kommunizieren. Als Teil meiner Sammlung – und ich sammle gerne – sind diese Fundstücke nicht dazu da, ein Kunstwerk zu erklären, sondern vielmehr dessen Entstehung zu illustrieren. Gewissermaßen sind die Objekte wichtiger für mich als Künstler, denn für meine Kunstwerke.

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Porträt Luigi Presicce. Photo: Luigi Accera.

Also ist die Beziehung zwischen den gesammelten und geschaffenen Bildern nicht-hierarchisch. Gibt es eine Parallele zwischen diesem Konzept, das sich auf die Ausstellung als Ganzes bezieht, und der Präsenz von kunsthistorischen, und damit fremden, Symbolen und Bezüge innerhalb deiner Bilder?
Wenn ich arbeite, verbinde ich immer verschiedene Inspirationen, die alle gleichermaßen bedeutsam für mich sind. Es gibt keine zeitliche Beschränkung oder Richtung: Ich kann mich für ein Gemälde aus dem 15. Jahrhundert interessieren und für die Bewegungen einer Raupe auf der Straße. Meine Sicht und damit meine Kunst ist eine Verbindung und Verknüpfung von disparaten Elementen. In den letzten 100 Jahren haben Künstler gegen die Geschichte rebelliert, viele Werke entstanden als Reaktion auf das, was zuvor passierte. Ich will in die entgegengesetzte Richtung gehen und wieder eine Beziehung zu klassischer Kunst aufbauen. Nicht in Abgrenzung von der Geschichte, sondern in Auseinandersetzung mit ihr.

WANN: Die Ausstellung „Nostalgia del Futuro – Sculpture & Painting“ ist noch bis zum 23. Mai zu sehen. Am Donnerstag und Freitag ist der Projektraum von 15 -20 Uhr, am Samstag von 12 bis 18 Uhr, geöffnet, sowie jederzeit nach Vereinbarung.
WO: m plus projekt Berlin, Schlüterstrasse 40, 10707 Berlin.

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