„Da wird das Atelier zum Labor“
Alex Kiessling in der Hollerei Galerie

21. Februar 2017 • Text von

Wer denkt, dass man junge Kunst nur in den inneren Bezirken Wiens finden kann, der irrt sich. Die Hollerei Galerie im 15. Bezirk zeigt in volatile Malereien des aufstrebenden Künstlers Alex Kiessling, die mit unserem Sehsinn und der Wahrnehmung spielen.

Die Augen werden unruhig und flimmern, dennoch kann man den Blick nicht abwenden. Der Versuch, sich auf einen Punkt im Gesicht zu fokussieren scheitert. Man verliert sich in dem Zusammenspiel der bunten Farben, der Überlagerungen und der Gesichter. Die Portraits von Alex Kiessling faszinieren durch eine Dynamik, die das Motiv lebendig machen. Anstatt einen Moment für die Ewigkeit festzuhalten, schafft er es, Flüchtigkeit darzustellen und mischt Op-Art und Realismus. In der Hollerei Galerie spricht er über seine aktuelle Ausstellung volatile, die Lust am Experimentieren und über Hürden als Künstler.

Alex Kiessling, s1, 2017, © Alex Kiessling

Alex Kiessling: s1, 2017, © Alex Kiessling

gallerytalk.net: Das Portrait fungiert genau genommen als Festhalten einer Person in einem bestimmten Moment. Du schaffst es aber, die Portraits durch deine Malerei lebendig zu machen, ihnen Leben einzuhauchen. Ein dynamisches Bild wird angedeutet. Was macht ein Portrait für dich aus?  
Alex Kiessling: Ich starte mal am Beginn. Bei vielen Bildern weiß ich selber nicht, was dabei am Ende des Tages herauskommt, bei anderen sind bereits konkrete Vorstellungen vorhanden. Im Arbeitsprozess einiger Werke dieser jetzigen Ausstellung volatile, bei denen sich verschiedene Bildebenen ja ineinander und übereinander schieben, habe ich überhaupt nicht im Vorhinein geplant, was das Endresultat sein soll. Vor allem bei der Serie „s“, ist es so, dass man beginnt, die Menschen nicht mehr zu erkennen, aber trotzdem erkennt. Durch diese Diffusität beginnen die Bilder zu verschwimmen. Die Persönlichkeit und das optische Erscheinungsbild des Menschen wird zwar verfremdet dargestellt, aber man würde die dazugehörigen Modelle sofort erkennen. Ich arbeite figurativ, meine Modelle sind real. Die einzelnen Bilder jedoch sind nicht unbedingt in dem Sinn entstanden, die Personen tatsächlich zu portraitieren, sondern können vielmehr als Platzhalter gesehen werden. Das kann man mit einem Theater vergleichen, wo der Theaterregisseur die einzelnen Schauspieler auf einem szenischen Bühnenbild zusammen stellt. Es geht nicht darum, eine Person zu portraitieren, sondern es soll eine Figur gezeigt werden. Hier sind meine Figuren sehr portraithaft, in früheren Bildserien agieren diese miteinander und es passiert auch im Hintergrund etwas. Ich finde ein gutes Bild, nicht speziell ein gutes Portrait, macht aus, wenn eine Lebendigkeit da ist, wenn das Bild auch sozusagen etwas „kann“. Malerei ist ein total altes und statisches Medium, und wir leben in einer genau konträren Zeit. Es geht mir nicht ums mithalten, ich versuche viel eher eine gewisse Antwort darauf zu finden.

Wie kam es zu den Werken der jetzigen Ausstellung? Hast du dich vorab für Portraits entschieden?
Ziel war, dass das Motiv zu vibrieren beginnt und die Idee dahinter, dass Op-Art-Elemente mit den Stilmitteln des Realismus verschwimmen. Damit bin ich auch nicht fertig, das dauert bestimmt noch lange bis ich das durchgearbeitet habe. Portraits gehören ja zum klassischen Genre der Malerei und sind innerhalb ihrer sozusagen Ankerpukte. Bei meinem Arbeitsweg ist das immer ein Anhaltspunkt gewesen, mich nicht nur der Figur zu nähern, sondern auch von einem technischen Aspekt an die Arbeiten heranzugehen. In den fünf Bildern der „s-Serie“ stecken so viele kleine Experimente, die ich besser bei so einem simplen Thema wie dem Portrait mache und dann auch noch technisch die Freiheit habe, mich schrittweise nach vorne zu bewegen. Da wird das Atelier zum Labor. Es geht darum, thematisch runter zu brechen auf etwas Simples, aber da die Freiheit zu haben, zu experimentieren. Ich arbeite seit zehn Jahren oder länger schon mit Portraits und probiere mich ständig dabei aus. 

Ausstellungsansicht volatile, Hollerei Galerie, 2017, © Christian Bazant-Hegemark

Ausstellungsansicht volatile, Alex Kiessling, Hollerei Galerie, 2017, © Christian Bazant-Hegemark

Wie lange hast du für deine Werke gebraucht? 
Ich arbeite an einem Großformat manchmal ein bis eineinhalb Monate. Da ist es schon ganz gut, dass man weiß, was man macht. Zu viel sollte man zwar im vorhinein auch nicht wissen, aber ein paar Dinge sind hilfreich, wenn sie geklärt sind. Es macht schon Unterschiede, welches Abbild man zeigt, ob zum Beispiel der Schwerpunkt nach hinten klappt oder nach vorne. Da erst mal herauszufinden, wie viele Lagen es sein sollen oder wie weit diese zueinander stehen sollen sind immer Überlegungen, die zu machen sind. Das hat ein bisschen mit einem Algorithmus zu tun, wo man merkt das funktioniert auf diese Art gut, das hingegen auf eine andere. 

Und für die Kleineren? 
Kurz, ganz kurz. Den genauen Zeitraum zu sagen traue ich mich gar nicht. Über die Jahre habe ich einfach eine gewisse Übung und daher bei kleinen Arbeiten eine, sogar für mich selbst überraschend hohe Geschwindigkeit entwickelt. Das funktioniert aber nur wenn man von dem was man macht überzeugt ist und daher die Dinge leicht von der Hand gehen.

Wer sind die Menschen auf den Bildern? 
Die abgebildeten sind Leute aus meinem Umfeld, die ich irgendwie sehr interessant finde, und auch für ein ganz bestimmtes Bild interessant fand. Es gibt Leute, die eignen sich mehr dafür, und andere, die sich eigentlich weniger eignen. Wie genau ich die Personen auswähle, kann ich nicht sagen. Aber das geschieht aus einem Bauchgefühl heraus. Vielleicht ist es auch einfach nur pure Willkür. Ich denke, die Menschen haben etwas sehr präsentes an sich. Damit meine ich nicht, dass sie den Raum total einnehmen oder laut sind, aber es sind sehr starke Persönlichkeiten. Ich habe viel darüber nachgedacht, aber ich kann es auch nicht rational erklären. Natürlich ist es subjektiv, aber wenn das Gefühl stimmt, dann hat man auch den Spaß beim Arbeiten.

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Alex Kiessling: Shift KoneaRa 2, 2016, © Alex Kiessling

Nachdem du die Modelle gewählt hast, wie ist dein weiteres Vorgehen? 
Ich verwandle mein Atelier im nächsten Schritt zum Foto-Studio und erarbeite aus den Fotos dann die Malereien. Ich arbeite hierbei aber stets sehr experimental. Das heißt, mein Prozess ist nicht fixiert, sondern oft ein Wagnis. Das Ganze hat etwas sehr Labor-haftes. Vor allem die fünf Werke der „s-shift-Serie“ waren ein Experiment, gingen aber sehr schnell von der Hand. Im Arbeitsprozess war es so, dass aus der Serie mit der ich begonnen habe, die nächste entstanden ist. Das war noch ein recht langsamer Prozess. Dann kam aber eine gewisse Geschwindigkeits-Zunahme, die ich richtig angenehm finde. Es gibt ja Maler, die lieben die Langsamkeit. Ich mag es eigentlich recht gerne, wenn es rasch dahin geht. Das zeigt mir auch, dass es funktioniert.

Ein Teil der Werke deiner letzten Serie haben etwas Collage-artiges und unterscheiden sich von der Technik ein wenig von den anderen. Wie kam es zu diesen?
Hier ist das Tolle, dass ich für diese Serie mit den Resten der Bilder der „s-Serie“ gearbeitet habe. Die Arbeiten auf Papier sind eigentlich noch eine Stufe experimenteller. Es hängen auch nur zwei in der Ausstellung, weil ich die anderen beim Arbeitsprozess ruiniert habe. Da bin ich mir noch nicht sicher ob die gut oder schlecht sind. Christian Bazant-Hegemark, der künstlerische Leiter der Galerie, und ich haben diskutiert, ob wir diese überhaupt aufhängen sollen. Aber jetzt in der fertigen Ausstellung finde ich das sehr spannend. Das darf man schon machen.

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Ausstellungsansicht volatile, Alex Kiessling, Hollerei Galerie, 2017, © Christian Bazant-Hegemark

Wann hast du dich für die Laufbahn als Künstler entschieden?
Ich habe bereits mit zehn Jahren für mich selber gewusst, dass es in diese Richtung gehen wird, dass ich Künstler werden möchte. Das hat sich dadurch geäußert, dass ich irgendwie angefangen habe, meine Zeichnungen, Skizzen und Malereien nicht mehr herzuschenken, sondern mir selber zu behalten. Die Werke habe ich in einer Mappe aufbewahrt. Beim Durchblättern war es anschließend möglich zu sehen, dass man da in einen Prozess eingestiegen ist. Das war damals ähnlich reflektorisch wie das, was ich jetzt mache. Dieses Weiterarbeiten und auch zurück blättern und den eigenen Progress anzuschauen zeigt dir, welchen Kurs du einschlägst und hilft dir sehr. 

An welche Höhepunkte erinnerst du dich in deiner bisherigen Laufbahn als Künstler gerne zurück?
Wenn ich ehrlich bin ist diese Ausstellung einer davon. Ich bin jetzt seit zehn Jahren selbständiger Künstler und habe schon einiges erlebt, aber hier ist es so, dass eine sehr gute Atmosphäre herrscht. Auch wenn es ein bisschen ab vom Schuss ist, kann das hier total mithalten. Oder eben genau deshalb. Ansonsten war auch für mich ein ganz persönliches Highlight ein dreimonatiger Aufenthalt in Miami 2011 mit einem Maler-Kollegen, Stylianos Schicho. Das war eine sehr angenehme Arbeitssituation, wir haben auch Bilder verkauft und dadurch das Projekt finanziert. Da hat das alles recht gut geklappt. Sehr entscheidend war natürlich auch meine erste Ausstellung. Die hat sozusagen als Türöffner fungiert, ab da konnte ich von meiner Kunst leben. Sie war jetzt vielleicht nicht grandios, aber sie war wichtig für den Einstieg und für das Bewusst werden, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Alex Kiessling, s3, 2017, © Alex Kiessling

Alex Kiessling: s3, 2017, © Alex Kiessling

Und Tiefpunkte? Gab es Momente, wo du das Kunstschaffen sein lassen und alles hinschmeißen wolltest?
Oh ja, da gab es viele. Es ist so, dass man sich natürlich mit anderen Menschen vergleicht. Nicht unbedingt mit Künstlern, aber ich sehe natürlich Leute, die andere Lebenswege eingeschlagen haben. Als Künstler hat man viele Freiheiten, aber auch sehr viele Unsicherheiten. Manchmal schätzt man die Freiheiten über alles, und manchmal geht einem die Unsicherheit so an die Substanz, dass es mühsam ist. Das sehe ich manchmal bei anderen Leuten nicht, die haben weniger Freiheit, wofür ich sie nicht beneide, dafür haben sie mehr Sicherheit. Die Situation für Künstler ist nicht gut in Österreich, und vor allem, wenn man selbständig ist. Das kann schon auch existenzraubend sein. Es gäbe viele Gründe, damit auch wieder aufzuhören bzw. Hürden, die einem in den Weg gelegt werden. Vor allem für sogenannte emerging artist ist es schwierig, überhaupt mal eine Käuferschaft zu kreieren. Man erschafft ein Luxusgut, hat aber nichts von diesem Luxus. Das ist auch eigentlich eine Diskrepanz weltweit in der Kunstszene. Als Künstler ist man in einer Lebenssituation auf einem ganz anderen Level als jene, mit denen man letztendlich zu tun hat und hat vielleicht auch in vielen anderen Bereichen einer komplett anderen Ansicht, in der Lebensgestaltung oder in Lebensprozessen. Ich persönlich bin jemand, der eher weniger Berührungsängste hat, weil ich das recht spannend finde, auch unterschiedliche Gesellschaftsschichten, Ansichten und Lebenskonzepte kennen zu lernen – das geht aber sicher nicht jeder/jedem so.

Hast du Vorbilder, zu denen du aufschaust?
Aber klar habe ich Vorbilder bzw. Künstler, die ich sehr schätze. Mein absoluter Lieblings-Künstler, man sollte ja nicht Genie sagen, aber in dem Falle sage ich es trotzdem, ist Neo Rauch. Seine Produktion ist beeindruckend. Keine Ahnung wie er das macht, aber so eine dauerhafte Qualität beizubehalten zeigt, dass er sehr stark ist. Auch bin ich ein großer Caravaggio-Fan, der war ein ganz großartiger Maler – da gibt es nicht viel dazu zu sagen. Und dann ist da noch Francis Bacon, der mich sehr fasziniert hat. Und dann gibt es noch ganz viele andere… Ausserdem stößt man heute ja auch über Instagram und Co auf viele tolle Künstler, die in verschiedenen Bereichen arbeiten. Künstler, die man eventuell nicht persönlich entdecken würde. Jeremy Geddes ist einer, der mich mit seiner Arbeit sehr beeindruckt.

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Team der Hollerei Galerie (von links nach rechts: Christian Bazant-Hegemark, Margit Stolzlechner, André Stolzlechner), © Christian Bazant-Hegemark

Hollergasse, 1150 Wien. Eine Tankstelle, ein Wirtshaus und gegenüber eine Galerie. Die Hollerei Galerie zeigt, dass man auch abseits der etablierten Galerien  einen niveauvollen Ort für junge Kunst schaffen kann. Mit Fokus auf Emerging Art und einer Vorliebe für figurative Malerei haben sich die Galeristen Margit und André Stolzlechner mit Christian Bazant-Hegemark als künstlerischem Leiter zum Ziel gesetzt, Kunstschaffende langfristig zu begleiten. Bazant-Hegemark hat zuvor den Kunstverein mo.ë geleitet und ist selbst als Künstler tätig. Mit sechs Ausstellungen pro Jahr im großen Ausstellungsraum und einem kurzfristiger kuratierten Salon im hinteren Bereich der Galerie, zeigt das Team einerseits größere Projekte, bietet auf der anderen Seite jedoch auch die Möglichkeit, einen dynamischeren Kuratierungszugang zu ermöglichen wie er eher von jungen Kunstvereinen bekannt ist. Dadurch kann nach Bazant-Hegemark, agiler auf  momentane Tendenzen eingegangen werden, als es die fixere Jahresplanung erlauben würde. Gegenüber von der Galerie ist auch das, ebenfalls von Margit und Andrè Stolzlechner betriebene Restaurant Hollerei, welches mit zeitgenössischer veganer und vegetarischer Küche auf gehobenem Niveau lockt. Das Zusammenspiel aus Kunst und Kulinarik ermöglicht es, Kunst vielschichtig erlebbar und zugänglich zu machen. Außerhalb der Innenstadt, und doch direkt an der U4 superleicht zu finden.

WANN: Noch bis zum 24. März 2017 kann man sich von Alex Kiesslings‘ Werken faszinieren lassen. Die Öffnungszeiten sind flexibel, die Besitzer machen gerne eine Ausnahme –sie sind ja im Restaurant gegenüber zu finden. Einfach nachfragen!
WO: Hollerei Galerie, Hollergasse 12, 1150 Wien

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