Die Augen der Anderen
Eine umfangreiche Ausstellung zur zeitgenössischen Porträtfotografie

19. Dezember 2016 • Text von

Der süßliche Duft von Lebkuchen und Glühwein weht durch die Gassen der Altstadt, doch Nürnberg schließt das Kunstjahr frei von Adventsglitter mit einer umfangreichen und sehenswerten Ausstellung zur zeitgenössischen Fotografie rund um das Thema des Porträts. Das war uns ein willkommenes Kontrastprogramm zum Weihnachtswahnsinn.

Thomas Ruff: Porträt (T. Ruff) 1991, C-Print, 190 x190 cm, © VG Bild-Kunst Bonn, 2016

Thomas Ruff: Porträt (T. Ruff) 1991, C-Print, 190 x190 cm, © VG Bild-Kunst Bonn, 2016

Gemeinsam ist es der Kunsthalle und dem Kunsthaus gelungen das Ausstellungsprojekt „Mit anderen Augen – Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie“ nach Mittelfranken zu holen. Es handelt sich um eine Zusammenstellung künstlerisch-fotografischer Positionen, die ursprünglich vom Kunstmuseum Bonn und der Photographischen Sammlung/SK-Stiftung Kultur in Köln gezeigt wurde. Verbunden damit ist die Präsentation vieler großer Namen der zeitgenössischen Fotografie wie Thomas Ruff, Thomas Struth, Tim Rautert, Beat Streuli, Annette Kelm, Wolfgang Tillmans oder Jitka Hanzlovà, um nur einige zu nennen. Die Allgegenwärtigkeit und mediale Dominanz der Fotografie, und deren daraus resultierende gesellschaftliche Relevanz, nicht nur innerhalb der Kunst, zeigt sich vielleicht an keinem anderen Genre so deutlich wie an dem des Porträts. Eine Gattung, die wesentlich älter ist als das Lichtbild an sich und immer schon wichtig innerhalb der Kunstgeschichte war, von der Fotografie aber nahezu vollständig angeeignet wurde. Ausgangspunkt des in der Kunsthalle gezeigten Ausstellungsteils ist die monumentale Bildenzyklopädie August Sanders „Menschen des 20. Jahrhunderts“, in der dieser die Gesellschafts- und Berufsgruppen seiner Zeit exemplarisch porträtieren wollte.

Joerg Lipskoch: Maria Ehrich, 2016, aus aus der Serie "Menschen des 21. Jahrhunderts", seit 2013, Monitorpräsentation digitaler Fotografien, Courtesy der Künstler

Joerg Lipskoch: Maria Ehrich, 2016, aus aus der Serie „Menschen des 21. Jahrhunderts“, seit 2013, Monitorpräsentation digitaler Fotografien, Courtesy der Künstler

Gleich im ersten Raum der Ausstellung werden beispielhaft Positionen vorgeführt, die sich mehr oder weniger direkt auf diese Sander’sche Tradition dokumentarisch-sachlicher Darstellung von Menschen beziehen. Leider hat diese Zusammenführung formal sehr ähnlicher Ausdrucksweisen zur Folge, so dass der Einstieg in die Ausstellung etwas redundant und gleichförmig ausfällt. Die direkte und vor allem oft ungebrochene Überführung der Bildästhetik August Sanders in die Gegenwart, wie sie etwa Joerg Lipskoch in seiner Bildschirmpräsentation unternimmt, erscheint ein wenig anachronistisch und der Versuch die „Menschen des 21. Jahrhunderts“ auf diese Weise abzubilden ist wohl zum Scheitern verurteilt, da sich mit der Veränderung der beruflichen und gesellschaftlichen Strukturen auch die Mittel ihrer Darstellung anpassen müssten. Doch vielleicht ist dies eine Strategie der Ausstellungsmacher uns ein Dilemma fotografischer Methodik ins Bewusstsein zu rufen.

Wolfgang Tillmans: Simon, Sebastian Street, 2013 / Michael, Sebastian Street, 2014, Inkjet Prints, je 206 x 138 cm, ungerahmt Courtesy Galerie Buchholz Köln/Berlin, Maureen Paley, London & David Zwirner, New York, © Wolfgang Tillmans, Foto: Annette Kradisch

Wolfgang Tillmans: Simon, Sebastian Street, 2013 / Michael, Sebastian Street, 2014, Inkjet Prints, je 206 x 138 cm, ungerahmt Courtesy Galerie Buchholz Köln/Berlin, Maureen Paley, London & David Zwirner, New York, © Wolfgang Tillmans, Foto: Annette Kradisch

Nachdenklich begeben wir uns in die nächsten Räume. Die sehr klassisch wirkende Auswahl von Porträtfotografien setzt sich hier fort und wir beginnen uns zu fragen, wo denn das Gegenwärtige, Virulente, das Ephemere, die Direktheit der Generation Selfie in der zeitgenössischen Fotografie zu finden seien. Vielleicht ist es Ungeduld, die uns angesichts des Vorgeführten zu schnell etwas vermissen lässt. Doch wird dieses Gefühl von der Qualität vieler Arbeiten aufgefangen, wie der komplexen und hintergründigen Familienporträts Thomas Struths oder der großartigen, rhythmischen Raumkonzeption Wolfgang Tillmans. Hier klingt zum ersten Mal das an, was anfangs etwas zu fehlen schien: Eine fragile, bruchstückhafte, aber dennoch authentische Sichtweise auf Identität und Existenz jenseits klischeehafter Rollenzuschreibungen, die nicht das verifizieren, was wir sowieso zu wissen glauben, wie es beispielsweise in der Tradition adliger Herrscherporträt vergangener Jahrhunderte üblich war. Tillmans sensibles und gekonntes Bildensemble, in dem er einmal mehr vorführt wie meisterhaft er imstande ist mit Formatgrößen und Präsentationsweisen umzugehen, erschöpft sich nicht im Wiederholen überkommener Bildformeln, sondern eröffnet einen wirklich subjektiven Blick auf das fotografierte Subjekt – das dekonstruierte Gegenteil Sander’scher Tradition.

Oliver Sieber: 84 Arbeiten aus der Serie "Imaginary Club", 2005–2012, Installationsansicht (Ausschnitt) Kunsthalle Nürnberg 2016, Foto: Annette Kradisch

Oliver Sieber: 84 Arbeiten aus der Serie „Imaginary Club“, 2005–2012, Installationsansicht (Ausschnitt) Kunsthalle Nürnberg 2016, Foto: Annette Kradisch

Ein weiteres Highlight ist die zunächst irritierende, aber dennoch gelungene Gegenüberstellung der der Werkgruppe „Imaginary Club“ von Oliver Sieber und der Serie entschleunigter, anrührender Porträts von Tempelbesuchern, die Hiroh Kikai in seinem Projekt „Asakusa“ seit mehr als 40 Jahren anfertigt. Beide Arbeiten erzählen eindrücklich von der Selbstinszenierung der Menschen, deren gesellschaftlichen Kontext und ihrer Zugehörigkeit zu einer größeren Gruppe. Die einen wirken im Angesicht spiritueller Andacht selbst fast wie Heiligenfiguren, die anderen tänzeln selbstversunken tief getaucht in das Nachtleben irgendwo zwischen Cosplay und Rockabilly durch die Clubs. August Sander ist hier sehr wohl ebenso spürbar, aber auf kluge und tiefe Weise.

Daniela Risch: Zwei Fotos aus der 9-teiligen Serie "Helga", 2007, C-Prints, analoge Handabzüge, je 49 x 34 cm, Leihgabe der Künstlerin, Foto: Annette Kradisch

Daniela Risch: Zwei Fotos aus der 9-teiligen Serie „Helga“, 2007, C-Prints, analoge Handabzüge, je 49 x 34 cm, Leihgabe der Künstlerin, Foto: Annette Kradisch

Überhaupt nimmt die Dichte an Arbeiten, an denen wir hängenbleiben, im Verlauf der Ausstellung zu. Im nächsten Raum begegnen wir einigen Arbeiten, deren konzeptuelle Reinszenierungen dem Überthema Porträt einen ungeahnten Aspekt abgewinnt. Etwa besticht uns hier das seltsam einfühlsame Rollenspiel von Daniela Risch, die sich selbst in der Kleidung ihrer Mutter als brave Hausfrau inszeniert und dabei gleichermaßen den Betrachter – und vermutlich sich selbst – in die psychologisch herausfordernden Gefilde von Geschlechterrolle und familiärer Zugehörigkeit führt. Ausserdem fallen uns die fotografischen Aneignungen Jan Paul Evers auf, dessen Bilder die Funktion und Ikonographie von Porträts auf eine übergeordnete Ebene heben.

Mark Neville, Videostill, aus der Serie „The Helmand Work“, 2010–2011, © Mark Neville

Von dort gelangen wir schließlich über die architektonisch-sachlichen Menschendarstellungen Thomas Ruffs in den letzten Raum der Kunsthalle, in dem wir uns mit Bildern von Mark Neville konfrontiert sehen, der als „embedded artist“ Gelegenheit hatte eine britische Einheit im umkämpften Afghanistan zu begleiten. Mehr noch als seine großformatigen Fotografien von Soldaten und einheimischen Jugendlichen zieht uns ein ebenfalls gezeigtes Schwarz-weiß-Video in den Bann. Zu sehen ist die Fahrt durch ein afghanisches Dorf mit einem Militärfahrzeug, was unschwer am Schatten der Kanone zu erkennen ist. Man sieht Häuser, Läden und Gruppen von Einheimischen an sich vorbeiziehen, Szenen des täglichen Lebens, wie aus der Zeit gefallen. Es entstehen kleine Momente und immer wieder für sich emblematische Kompositionen des Alltags der Menschen in einem vom Krieg zerrütteten Land, genauso wie andererseits die latente Bedrohung für die Insassen des Fahrzeuges, von dem aus gefilmt wurde, immer wieder aufblitzt. Manche Passanten, auch Kinder, reagieren auf die vorbeifahrenden Soldaten und deuten mit ihrer Hand etwa das Abfeuern einer Kanone in deren Richtung an. Das Ausmaß des Scheiterns westlicher Mächte, die dieses Land militärisch befrieden und zähmen wollten, findet hier im Kleinen, alltäglichen Neben- und Gegeneinander seinen Wiederhall.

Erik Kessels: Einwanderer, ohne Jahr, Installation aus gefundenen Fotografien, Courtesy der Künstler, Foto: Annette Kradisch

Erik Kessels: Einwanderer, ohne Jahr, Installation aus gefundenen Fotografien, Courtesy der Künstler, Foto: Annette Kradisch

Nun begeben wir uns neugierig zum zweiten Teil der Ausstellung, der nur einen Steinwurf entfernt im Kunsthaus zu sehen ist. Schnell wird klar, dass sich hier künstlerische Herangehensweisen versammelt finden, die den Pfad Sander’schser Mittel endgültig verlassen und die Fotografie und das Porträt zunehmend als Rohstoff übergeordneter Rauminszenierungen betrachten, bzw. dessen Mittel und Möglichkeiten medienanalytisch genauer beleuchten: Erik Kessels tapezierter Raumentwurf etwa, in dem wir mit Hunderten von Passfotos konfrontiert werden von Menschen, deren Namen und Aussehen nicht dem eines Biodeutschen entsprechen. Beobachtet von so vielen Augenpaaren macht sich eine eher bedrückende Stimmung breit. Im Raum verteilte Fußmatten sollen wohl zum Verweilen einladen, komplettieren aber eher das Empfinden des Fremdseins und das Bild einer Klagemauer, die uns die Biografien und Schicksale von Migranten vorführt, die wir nicht kennen und deren Lebensgeschichte sich vermutlich stark von unserer eigenen unterscheidet. Man wird hier auf unangenehme Weise der Differenz zwischen dem eigenen Ich und der Identität der anderen gewahr, die nicht zuletzt im diesen Jahr für so viele politische Verwerfungen gesorgt hat.

Im gleichen Raum finden sich noch weitere interessante Arbeiten, die über die Strategie der Aneignung von vorhandenem Bildmaterial zu sehr unterschiedlichen und überraschenden Ergebnissen gelangen, etwa die unfreiwilligen Porträts von Scheckkartenbetrügern, die Peter Piller aus Filmstills von Überwachungskameras zusammenträgt, oder die Social-Media-Selbstbespielung von Uschi Huber, die in ihrer Sammlung von Facebook-Profil-Bildern ihrer Namensvetterinnen eine erstaunliche Bandbreite von Frauenbildern vorführt – ein humorvoller Querschnitt durch den weiblichen Teil der Gesellschaft.

Jitka Hanzlová: "Ohne Titel (Francesca), 2007 " aus der Serie "There is Something I Don’t Know", 2000–2013, Archiv Pigmentdruck auf OBA-& säurefreiem 100% Baumwollpapier, 63 x 45 cm, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst Bonn, 2016

Jitka Hanzlová: „Ohne Titel (Francesca), 2007 “ aus der Serie „There is Something I Don’t Know“, 2000–2013, Archiv Pigmentdruck auf OBA-& säurefreiem 100% Baumwollpapier, 63 x 45 cm, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst Bonn, 2016

Doch auch die anderen Räume im Kunsthaus warten mit Attraktionen auf, so dass wir uns trotz der Fülle der gezeigten Positionen noch einmal mit Schwung und Motivation ans Betrachten machen. Die Menschen in Jitka Hanzlovàs Bildern vollziehen in ihrer renaissancehaften Anmutung eine frappierende Metamorphose: Getaucht in sanftes Seitenlicht, auf das selbst Vermeer neidisch wäre, manifestiert sich das Antlitz von Passanten innerhalb der Fotografie auf eine Weise, die sie völlig aus der Zeit fallen lässt. Die Feststellung, jemand hätte ein „Renaissance-Gesicht“, verdichtet sich bei Hanzlová in bestechend schönen Bildern. Doch auch in diesem Teil der Ausstellung begegnen wir noch einmal Sander, dessen Epigonen uns anfangs so ins Zweifeln brachten. In den anrührenden und gelungenen Bewegtporträts Pieter Hugos allerdings, der uns in einem Bild mehr über den Alltag ghanaischer Müllsammler erzählt, als es manche Filmdokumentation in zwei Stunden schaffen würde – ein Tableau Vivant, das den Wegwerfirrsinn der Industrienationen gleichermaßen auf den Punkt bringt wie die katastrophalen Arbeitsbedingungen derer, die eben von diesem Industriemüll leben müssen.

Pepa Hristova: "Qamile #1, Albania", 2008, aus der Serie "Sworn Virgins", 2008/2010, Archiv Pigmentdruck, 123 x 90 cm, © Pepa Hristova

Pepa Hristova: „Qamile #1, Albania“, 2008, aus der Serie „Sworn Virgins“, 2008/2010, Archiv Pigmentdruck, 123 x 90 cm, © Pepa Hristova

Ganz zum Schluss, im letzten Raum der großen Ausstellung, ist in archaischen Ansichten noch einmal zu sehen, was das Sujet des „Porträts“ zu leisten vermag: Pepa Hristova dokumentiert in ihrem Arrangement das Leben der „sworn virgins“, albanischer Mannsfrauen, die in einer streng patriachischen Gesellschaft die Funktion fehlender männlicher Familienoberhäupter übernehmen, vorausgesetzt sie geloben lebenslange Enthaltsamkeit. Hristova kombiniert alte, gesammelte Aufnahmen mit ihren eigenen, in den albanischen Bergen angefertigten Fotografien. Der schroffe Fels der Landschaft und die faltigen, androgynen Gesichtszüge ihrer beeindruckenden Protagonistinnen scheinen ineinander überzugehen. Hier wird das Porträt als überlieferte Ausdrucksform noch einmal auf eine zeitgemäße und kluge Weise genutzt. Der Mensch ist immer verwoben mit seiner Umgebung, und seine Erscheinung, sein Selbst wird psychisch, aber auch physisch geformt durch die Summe seiner Erfahrungen und Handlungen, woraus sich eine große Faszination für den Betrachter ergibt und eine große Verantwortung für den Fotografen.

WANN: Noch bis zum 15. Januar 2017 ist die große Schau zu sehen und ist geöffnet jeden Dienstag und Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr; mittwochs von 10 bis 20 Uhr.
WO: Kunsthalle und Kunsthaus sind in Laufweite und beide Teil des KunstKulturQuartiers: In der Lorenzer Straße 32 findet sich die Kunsthalle; vorbei am Kultur-Garten geht’s zum Eingang des Kunsthauses in der Königstraße 93.

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