Lass die Fenster auf!
Einsichten und Aussichten bei Sexauer

3. November 2016 • Text von

In der Sexauer Gallery gibt es knalliges Pink, es glitzert und glänzt und der obligatorische Neon-Schriftzug ist auch schnell gesichtet. Wüsste man nicht bereits, worum es geht, würde wahrscheinlich nichts fernerliegen, als die Assemblage der ausgestellten Werke mit Joseph Beuys in Verbindung zu bringen.

Die von Philipp Bollmann kuratierte Ausstellung „Open Windows – Reflections on Beuys“ fragt nach der Präsenz von einem der bedeutendsten Nachkriegskünstlers überhaupt in der Gegenwartskunst. Welche seiner Positionen, Ideen oder Errungenschaften werden von der zeitgenössischen Kunst aufgegriffen und wie werden diese umgesetzt oder weitergesponnen? Bei der genaueren Betrachtung der Einzelwerke zeichnet sich deutlich heraus: Die Rezeption von Beuys – ob explizit oder implizit – findet seinem eigenen Schaffen gleich auf unterschiedlichsten Ebenen statt. Sein mannigfaltiges Lebenswerk hat der Nachwelt nicht nur eine Tür geöffnet, sondern viele Fenster auf mehreren Stockwerken – manche weit aufgerissen, andere nur einen Spaltbreit gekippt.

"Open Windows - Reflections on Beuys", Ausstellungsansicht, Courtesy Sexualer Gallery, Foto: Marcus Schneider.

„Open Windows – Reflections on Beuys“, Ausstellungsansicht, Courtesy Sexauer Gallery, Foto: Marcus Schneider.

Im Fall von Christoph Schlingensief kann man den Einfluss von Beuys – wenn wir schon bei der Metapher sind – mit einer regelrechten Flügeltür vergleichen, seine intensive Bezugnahme auf Beuys ist augenscheinlich und viel diskutiert. So überrascht es nicht, ein bemerkenswertes Exponat von ihm gleich neben dem Eingang der Galerie anzutreffen: Es handelt sich hierbei kurioserweise um ein Stück angerissenen Kartons, das die Galerie von seiner Familie ausborgen und erstmals öffentlich ausstellen durfte. Diesen Karton hat der junge Schlingensief in unbekanntem Alter mit einem erzählerischen Satz beschriftet, der für den distanzierten Betrachter zwar wenig Sinn bietet, doch in seiner scheinbaren Endlosigkeit den assoziativen und kreativen Geist des Verfassers widerspiegelt. Mit Beuys teilte er bekanntermaßen Visionen und Kunstvorstellungen, die hier auf sehr persönlicher Ebene zum Ausdruck kommen.

Alfredo Jaar, "Cultura = Capital", Courtesy Sexauer Gallery.

Alfredo Jaar, „Cultura = Capital“, Courtesy Sexauer Gallery.

Weniger persönlich, aber dafür umso offensichtlicher spielt der gebürtige Chilene Alfredo Jaar in besagtem Neon-Schriftzug mit einem beuysschen Leitgedanken: Er erweitert die Gleichung „Kunst = Kapital“ zu der Proklamation „Cultura = Capital“. Die Überzeugung des Vorbilds, dass Kreativität das Kapital des einzelnen Menschen und somit eine gesellschaftliche Kraft bildet, dehnt Jaar gleich auf den ganzen Komplex Kultur aus, die als das wahre Kapital der Gesellschaft gelten soll. Glatt könnte man meinen, dass die inhärente Systemkritik durch diesen Bezug legitimiert werden soll. Eine ähnliche Fortführung einer signifikanten Beuys-These ist auch bei Erwin Wurm zu beobachten: Seine „One Minute Scultpures“ fordern von dem Betrachter eine aktive Teilnahme am Kunstwerk. Niedergekritzelte Anweisungen treiben diesen auf einen Sockel hinauf, auf dem zwei gewöhnliche Plastikeimer stehen. Indem der Laie für eine Minute in einen der Eimer steigt und sich den anderen auf den Kopf setzt, ist das Werk komplett. Beuys’ Überzeugung, dass jeder Mensch ein Künstler sei, wird hier ausgeweitet zu einem Beweis, dass jeder Mensch auch Kunstwerk sein kann.

"Open Windows - Reflections on Beuys", Ausstellungsansicht, Courtesy Sexualer Gallery, Foto: Marcus Schneider.

„Open Windows – Reflections on Beuys“, Ausstellungsansicht, Courtesy Sexauer Gallery, Foto: Marcus Schneider.

Es scheint fast, als würde früher oder später jeder Künstler auf die ein oder andere Art mit diesen schlagkräftigen Thesen konfrontiert. So auch Alexander Iskin, dessen interrealistische Malerei grundsätzlich wenig bis nichts mit Beuys zu tun hat. Das ändert sich bei „Baby Beuys“: Der gebürtige Russe hat hierfür ein Triptychon in typisch farbenprächtiger und unruhiger Manier geschaffen und dieses zu einer Art Flügelaltar auf einem quietschpinken Stahlgerüst inszeniert, das wiederum an eine Schultafel erinnert. Das Werk bildet das Zentrum einer Aktion, in der Iskin am Eröffnungsabend vier junge Frauen vor das Werk setzte und dazu aufforderte, ihre Gedanken und Assoziationen zu dem Dreiteiler zu visualisieren. Das Bild selbst wurde anschließend zugeklappt, zu sehen sind heute nur noch die Aufzeichnungen der Mädchen. Seiner eigenen ästhetischen Handschrift folgend vereint der Künstler hier verschiedene Grundvorstellungen von Beuys: Von der gesellschaftlichen Macht des Christentums, von der sozialen Plastik als neuer Lebensform, von dem Menschen als ewigen Student, und auch von dem Künstler als Pädagoge.

"Open Windows - Reflections on Beuys", Ausstellungsansicht, Courtesy Sexualer Gallery, Foto: Marcus Schneider.

„Open Windows – Reflections on Beuys“, Ausstellungsansicht, Courtesy Sexauer Gallery, Foto: Marcus Schneider.

Spätestens hier wird bewusst, wie brandaktuell das Gedankengut von Beuys noch immer ist. Philipp Bollmann zeigt dies auf undogmatische, sehr subtile Art und Weise auf und stellt exemplarisch verschiedene Umgangsformen mit dessen heutiger Rezeption vor. Gleichzeitig bietet die Ausstellung einen Ausblick aus unterschiedlichen Fenstern, sowie auch einen kleinen Einblick in das Innere des großen, geheimnisvollen Hauses. Ein Thema, das selbst museale Kräfte sprengen könnte, wird hier in kleinem Rahmen auf anspruchsvoller Ebene umgesetzt.

WANN: Die Gruppenausstellung „Open Windows – Reflections on Beuys“ läuft bis zum 10. Dezember.
WO: Sexauer Gallery, Streustraße 90, 13086 Berlin.

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