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Ai Weiwei im 21er Haus

27. August 2016 • Text von

Die Ausstellung „translocation – transformation“ vom chinesischen Ausnahmekünstler Ai Weiwei im 21er Haus schaffte es alle bisherigen Rekorde zu brechen. Noch nie zuvor zog es so viele Besucher in die Hallen des Museums – ein absolutes Ausstellungs-Highlight. Zu sehen gibt es eine Menge, viel mehr als je zu vor im gesamten Belvedere!

Ai Weiwei, Lu 鯥, 2015 © Belvedere, Wien 470 x 250 x 195 cm Bambus und Seide

Ai Weiwei, Lu 鯥, 2015 © Belvedere, Wien 470 x 250 x 195 cm Bambus und Seide.

Doch was ist es, das die Besucher so sehr an den Arbeiten von Ai Weiwei fasziniert? Keine Frage, der Künstler greift Themen, wie etwa die Flüchtlingskrise auf, die höchst aktuell und von großer Bedeutung für uns sind. Dennoch ist es auch die Art und Weise mit der Ai Weiwei eben diese Themen bearbeitet, die ihn zu solch einem populären Künstler machen. Seien es 1005 Schwimmwesten, die im Teich des oberen Belvederes herumschwimmen oder über 100.000 antike Teekannenschnäbel aus Keramik, die im 21er Haus verstreut sind, an Material spart der Künstler keineswegs. Je plakativer und großflächiger, desto besser wird Ai Weiweis Massage untermalt. 

© Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien 100.000 antike Teekannenschnäbel aus Keramik von den Song bis Qing Dynastien; Installationsmaße: 1400 x 400 cm

© Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien 100.000 antike Teekannenschnäbel aus Keramik von den Song bis Qing Dynastien; Installationsmaße: 1400 x 400 cm.

Im Zentrum der Ausstellung „translocation – transformation“ steht der Gedanke der Veränderung. Wann immer Menschen oder Objekte aus ihrer natürlichen Umgebung aufbrechen, sei es durch Ortswechsel oder Vertreibung, folgt ein Prozess der Neuverortung. Dieser ist geprägt von innerer Migration und kann die eigene Identität verändern. Schön aufgegriffen wird dieser Gedanke in der Arbeit „Wang Family Ancestral Hall“. Die Familie Wang wurde einst während der Chinesischen Kulturrevolution aus ihrem Haus vertrieben. Ai Weiwei kaufte das Anwesen und brachte es in Einzelteilen von China nach Österreich. Elegant nimmt die knapp 14 Meter hohe Installation die Eingangshalle des 21er Haus ein. Der Betrachter kann sich unter den Holzbalken aufhalten oder in den ersten Stock des Museums spazieren, um sich das Dach dieser Ahnenhalle aus der Ming-Dynastie genauer anzusehen. An ihrem neuen Ort Mitten in Wien bekommt sie eine völlig neue Identität, ihre Bedeutung ist eine ganz andere, Translokation par excellence! 

Ai Weiwei, Wang Family Ancestral Hall, 2015 © Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien.

Ai Weiwei, Wang Family Ancestral Hall, 2015 © Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien.

Hat man sich erstmal an die Größe der Ahnenhalle gewöhnt, steigt einem ein besonderer Geruch in die Nase. Schweift der Blick durch den Raum, sind zwei kleine Häuschen zu erkennen, die sich zierlich neben den massiven Stämmen erheben. Der Ausstellungskatalog verrät, dass es sich hier nicht, wie zunächst angenommen, um Erde handelt sondern um fein aneinander gepressten Pu-Erh-Tee, der auf konzeptioneller Ebene Bezug zur Wang Familie aufnimmt. 

© Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien Gepresster Pu-Erh-Tee; Installationsmaße: 800 x 400 cm; 180 x 120 x 180 cm jeweils.

© Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien, Gepresster Pu-Erh-Tee; Installationsmaße: 800 x 400 cm; 180 x 120 x 180 cm jeweils.

Neben der tollen Planung und Umsetzung, fasziniert die Ausstellung ebenso durch die Auswahl ihrer vielfältigen Standorte. Vom 21er Haus kann der Besucher gemütlich zum Oberen Belvedere spazieren und dabei nur schwer die zwölf Tiere aus dem chinesischen Horoskop übersehen, die den Bassin umzingeln. Mächtig erheben sie sich und scheinen diesen Ort zu bewachen. 

Ai Weiwei, Circle of Animals/Zodiac Heads, 2010, Private Sammlung, Foto: © Belvedere, Wien.

Ai Weiwei, Circle of Animals/Zodiac Heads, 2010, Private Sammlung, Foto: © Belvedere, Wien.

Im Teich befindet sich eine weitere Arbeit Ai Weiweis „F Lotus“, in der sich der Künstler der Flüchtlingsthematik annimmt. Wir alle erinnern uns noch an Ai Weiweis Fotografie, in der sich der Künstler selbst als gestrandetes, syrisches Flüchtlingskind inszeniert. In „F Louts“ wird das Thema etwas weniger subtil dargestellt, aber mit nicht geringerer Wirkung. Insgesamt 1.005 gebrauchte Schwimmwesten platzierte Ai Weiwei am Wasser wie Lotusblüten. 

© Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien 1005 Schwimmwesten, PVC, Polyethylenschaum 4876,5 x 4700 x 7,5 cm.

© Ai Weiwei Studio, Foto: © Belvedere, Wien, 1005 Schwimmwesten, PVC, Polyethylenschaum 4876,5 x 4700 x 7,5 cm.

Mit „translocation – transformation“ ist dem 21er Haus eine Ausstellung gelungen, die durch ein spannendes Konzept sowie eine tolle Umsetzung überzeugt. Es werden Arbeiten präsentiert, die sich kritisch mit der Geschichte und Kultur Ai Weiweis Heimat auseinandersetzen und ebenso gesellschaftspolitische Realitäten aufzeigen. In den Worten des Künstlers „Alles ist Kunst – alles ist Politik“. 

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis 20.November. 
WO: 21er Haus, Arsenalstraße 1, 1030 Wien.

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