Subversive Duplikate

12. Februar 2016 • Text von

Roee Rosens Oeuvre ist ein verwirrendes Spiegelkabinett aus fiktiven Identitäten. Auf dem diesjährigen Transmediale Festival war der israelische Künstler nun mit zwei seiner Videoarbeiten, „Two Woman and a Man“ (2005) sowie „ The Confessions of Roee Rosen“ (2008) vertreten.

Justine Frank ist eine bemerkenswerte Frau. Die jüdische Malerin und Surrealistin, die 1990 in Antwerpen zur Welt kam, lebte zeitweilig in Paris, verkehrte dort mit den Anhängern der europäischen Avantgarde, stürzte sich in eine turbulente Affaire mit Georges Bataille, bevor sie schließlich nach Palästina emigrierte und spurlos verschwand. In ihren Malereien amalgamiert sie auf verstörende und zugleich faszinierende Art und Weise erotisch-obzöne Motive mit jüdischem Symbolismus. 1931 veröffentlichte sie ihre pornografische Novelle „Sweet Sweat“, in der es unter anderem heißt: „His erect organ bobbed up and down like a praying jew.“ Ihre radikale und für damalige Verhältnisse äußerst provokante Kunst hätte sie im heutigen Zeitalter wohl zu einer Ikone des Feminismus aufsteigen lassen, wenn nicht …Moment mal. Wer jetzt eilig das iPhone gezückt und den exzentrischen Charakter gegoogelt hat, der wird feststellen: Da stimmt so einiges nicht. Und es dauert nicht lange, bis der Verwirrung Einsicht weicht: Justine Frank ist ein identitäres Konstrukt, das der Imagination eines Mannes, dem israelischen Künstler Roee Rosen, entspringt.

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Roee Rosen. Courtesy Artist.

Roee Rosen ist ein Meister des Spieles mit unterschiedlichen Identitäten. Über fünf Jahre hinweg kreierte er das aus Gemälden, Fotografien, Essays und filmischen Arbeiten bestehende Oeuvre seines Alter Egos Justine Frank, bis irgendwann Fiktion nicht mehr von Realität, Lüge nicht mehr von Wahrheit zu unterscheiden war. In seinem Kurzfilm „Two Woman and a Man“, der am vergangenen Wochenende im Rahmen der diesjährigen Transmediale erstmals in Berlin präsentiert wurde, erzählt die Übersetzerin von Franks Novelle „Sweet Sweat“, Joanna Fuhrer-Ha’sfari, nun über das Leben der kontroversen Künstlerin. Man muss Roee Rosens Gesicht kennen, um festzustellen, dass er es ist, der spricht: Subtil maskiert als Frau mit Perücke und Make-up.

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Roee Rosen: „Two Woman and a Man“, 2005. Courtesy: Artist.

In dem Film ist der Künstler gleich in dreifacher Ausführung anwesend: Als sein Alter Ego Justine Frank, als deren Übersetzerin Joanna und als Roee Rosen selbst, Herausgeber von Franks Essays und Verfasser von Texten über ihr Oeuvre. Es ist ein zwielichtes Rollenspiel, in das der Künstler den Zuschauer seiner Arbeit verwickelt und mithilfe dessen er Kritik an der patriarchalen Ordnung zweier Systeme übt, die einer weiblichen Vordenkerin wie Justine Frank keinen Platz zum Atmen ließen: die europäische Avantgarde vor dem Zweiten Weltkrieg und die zionistischen Gesellschaft Palästinas. „Ich habe mich selbst in die Vergangenheit verpflanzt, um eine Figur zu kreieren, die es meiner Meinung nach gegeben haben sollte“, so der Künstler selbst. „Auf diese Weise lässt sich Geschichte aus einer kritischen Perspektive heraus betrachten.“.

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Roee Rosen: Justine Frank. Courtesy: Artist.

In „The Confessions of Roee Rosen“, dem zweiten Film, der an diesem Abend gezeigt wird, dreht der Künstler den Spieß dann um und lässt drei Gastarbeiterinnen in seine eigene identitäre Hülle schlüpfen. In einem schmucklosen Raum lesen diese hintereinander fiktive Geständnisse der Figur Roee Rosen auf Hebräisch vom Teleprompter ab. Da keine der Frauen der Sprache tatsächlich mächtig ist, wirkt das ganze auf verstörende Art und Weise mechanisch bis grotesk. Die Mimik der drei Frauen osszilliert hierbei ständig zwischen Unsicherheit, Demut und Unverständnis. Als Zuschauer fühlt man sich mal seltsam befangen, wird mal aufgrund der teils absurden Formulierungen zum Schmunzeln verführt. Dass der echte Roee Rosen tatsächlich in dem Raum anwesend war, wird erst klar, als die Frauen auf Anweisung des Künstlers hin unterschiedliche Bewegungen artikulieren. So imitiert eine von ihnen mit über dem Kopf gefalteten Händen einen Baum, eine andere erhebt mit gequältem Gesicht die Hand zum Hitlergruß.

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Roee Rosen: „The Confessions of Roee Rosen“, 2008. Courtesy: Artist.

Worauf sowohl „Two Woman and one Man“ als auch „The Confessions of Roee Rosen“ Anspielung nehmen, ist der performative Akt des Rollenzuschreibens und Rollenausführens, der der Konstruktion von Identität – sei es sexueller, religiöser oder nationaler Art – zugrunde liegt. „Du bist, was dir gesagt wird, das du bist“, scheint Rosen den Rezipienten seiner Filme ins Ohr zu flüstern, wobei er jene Trennung zwischen Anderem und Selbst, Alter und Ego zugleich kollabieren lässt. Deutlich wird hierbei vor allem, dass zu dem Prozess der Identitätskonstruktion immer zwei Seiten gehören: zum einen diejenigen, die die Rolle zuschreiben und zum anderen diejenigen, die sie ausführen. Roee Rosens Arbeiten sind dabei ebenso durchlässig wie die von ihm erschaffenen Charaktere: Vielmehr als dem Rezipienten eine bestimmte Sichtweise aufzuzwingen, kreiert der Künstler eine Art gedankliches Vakuum, das offen ist für unterschiedliche Reflexionen. Nach dem Abspann ist der Theatersaal des HKW am Samstag jedenfalls noch eine Weile in nachdenkliches Schweigen gehüllt. Und das ist im Hinblick auf solcherart Filme ja bekanntermaßen ein gutes Zeichen.

WANN: Wer Roee Rosen auf der Transmediale verpasst haben sollte, hat noch bis zum 10. April 2016 die Chance sich die Soloausstellung des Künstlers in Oldenburg anzuschauen. „Two Woman and a Man“ kann außerdem hier online geschaut werden.

WO: Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Katharinenstr. 23, 26121 Oldenburg.

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