Gemütliche Homebase

9. Januar 2016 • Text von

Ein bisschen politisch und auf jeden Fall ästhetisch und künstlerisch anspruchsvoll. Doch leider lässt „Homebase – Das Interieur in der Gegenwartskunst“ weder Lösungsansätze  für den veränderten Wohnalltag der Gegenwart noch Antworten auf dringliche soziokulturelle Fragen wie den Wohnungsbau erkennen. Irgendwie hatten wir uns bei dem Titel und Thema doch ein wenig mehr erhofft.

Gleich zu Anfang wird es politisch. Hier begrüßt uns ein künstlich heruntergekommener Korridor mit halb fertig gestrichenen, aber dafür bekritzelten Wänden. Die installierten Türen erscheinen wie Tore zur imaginären Privatsphäre. Am liebsten würde man die Klinke runterdrücken und entdecken, was sich hinter ihnen verbirgt. Doch eigentlich fragt man sich: Ist das hier eine Baustelle oder schon die Kunst? Unweigerlich denkt man an architektonisch nicht gerade willkommenheißende Flüchtlingsunterkünfte, während man durch Franz Burkhardts Installation „3 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ schreitet. Weiter geht es dann mit einem geflickten Schlauchboot, Zeltlager, Schlafsäcken und einer halb versteckten Rolle Toillettenpapier. In und vor der Szenerie hat der Künstler Erik Steinbrecher eine Batterie Konservendosen gestapelt, deren Gerichte wir typischerweise mit Nachkriegsdeutschland verbinden: Dosenravioli, Kartoffel- und Linseneintopf und Maggi, Maggi, Maggi. Die Not der Flüchtlinge lässt auch hier den Besucher nicht los.

Und schon erhofft man sich von der Kunst Antworten auf so viele Fragen. Singlehaushalte, Großfamilienersatz, Energieoptimierung, Vernetzung und Wohnungsmangel sind da nur einige Stichpunkte, die bei dem hochaktuellen Thema Wohnraum sofort in den Gedanken auftauchen. So scheint auch die Künstlerin Marjetica Potrc über Urbanisierung und deren Antibewegungen nachzudenken. Sie konfrontiert den Besucher in ihrer Aquarellreihe im ersten Raum mit Statements wie „ My house is a growing house, in a growing city, made of villages – A house of dignity -“.

Doch nach Flüchtlingsproblematik und Zentralisierungsanalyse verlassen wir das politische und soziokulturelle Terrain der Ausstellung. Was folgt sind Rauminstallationen, Videos und Fotografien, die sich mit der Ästhetik des Raumes auseinandersetzen. Von der Kunsthalle Nürnberg sind wir Werkschauen von hoher Qualität gewohnt. Ellen Seifermann und ihr Team versorgen uns zuverlässig und in stetiger Manier mit Künstlern, die kurze Zeit später zu Shootingstars der Kunstszene aufsteigen, seien es nur Silvia Bächli, Tatjana Trouvé oder zuletzt Alicia Kwade, die nach ihrem Besuch in Nürnberg auf vielen einschlägigen Messen und mit mehreren Großausstellungen vertreten war. In die Reihe dieser Frauen könnte sich nun Susa Templin einfügen, die in ihren verstörend schönen Fotografien Räume ihres realistischen Erscheinungsbildes enthebt. Die von ihr verwendete Technik der Doppelbelichtung erlaubt es ihr Schatten, Lichteinfälle und Fenster- wie Türenelemente übereinander zu lagern. Dadurch entstehen entrückte Aufnahmen, in denen die Ästhetik des Raumes aufgeht.

Marcus Schwier: Kicker (Serie Intérieurs), 2011, Chromogendruck auf Diasec, Aludibond/ chromogenic print mounted on Diasec, Aludibond, 120 x 90 cm, © VG Bild-Kunst Bonn, 2015

So zeigen auch Jörg Jasse sowie Laurenz Berges und Marcus Schwier in ihrer fotografischen Praxis einzelne Aspekte des Lebens. Letzterer dokumentiert die Veränderungen von bewohntem Raum durch den sich ständig wandelnden Wohnungsalltag des modernen Menschen. Beispielsweise zeigt er in „Barcelona Chair, 2011“ wie eine Altbauwohnung allein durch neue Steckdosen und Designmöbel den Lebensstil des Bildungsbürgertums adaptiert.

Claudia Wieser, All That Is, 2015, Installationsansicht Kunsthalle Nürnberg, Bedruckte Tapeten, Sitzbänke mit glasierten Keramikfliesen, Courtesy Claudia Wieser und Sies+Höke, Foto: Annette Kradisch

Claudia Wieser, All That Is, 2015, Installationsansicht Kunsthalle Nürnberg, Bedruckte Tapeten, Sitzbänke mit glasierten Keramikfliesen, Courtesy Claudia Wieser und Sies+Höke, Foto: Annette Kradisch

Die ausgestellte Kunst ist politisch aufgeladen und im selben Moment ästhetisch eindrucksvoll, skulptural und installativ. Still und heimlich hatten wir uns von der so vielversprechenden Ausstellung mit dem klangvollen Titel „Homebase“ aber mehr erhofft als die bloße Darstellung bemerkenswerter Positionen. Leider erschöpft sich das kuratorische Konzept von Ludwig Seyfarth und Harriet Zilch in seinem Anspruch „Interieur in der Gegenwartskunst“ zu zeigen. Die Ausstellung wollte sich fairerweise nur der Abbildung von Wohnsituationen und dem Umgang mit dieser ganz eigenständigen und sich wandelnden Bildgattung widmen. Schade aber, dass  sie keinen Blick über den Tellerrand wagt. Die ausgewählten Werke befassen sich kaum mit neuen Wohnrealitäten und das obwohl es auch die Aufgabe der Kunst sein muss, neue Impulse in diesem Bereich zu setzen. Künstler wie Andreas Schulze oder Claudia Wieser arbeiten zwar Ansätze kreativer Raumkonzepte heraus. Diese erschaffen aber nur eine entfremdete Struktur und lassen verblüffende Interieurs entstehen. Jedoch sind sie nicht dazu geeignet einen Diskurs über Wohnen anzuregen. Wo bleibt der visionäre Blick auf veränderte Wohnbedürfnisse und Lebensentwürfe?

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. Februar 2016.
WO: Kunsthalle Nürnberg, Laurence Straße 32, 90402 Nürnberg

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