Apokalypse an der Autokarosse
Michael Sailstorfer über Antrieb und Stillstand

27. Februar 2017 • Text von

Die König Galerie brennt! Michael Sailstorfer, bekannt und beliebt für seine raumgreifenden Großinstallationen und waghalsigen Videoarbeiten, hat die ehemalige Kirche St. Agnes in eine Autofabrik verwandelt. Er hat hier ein Bild geschaffen, das gegenüber dem Bau nicht an Erhabenheit einbüßt.

Michael Sailstorfer vor seiner Installation "Brenner", König Galerie, Berlin, Foto: Elena Peters.

Michael Sailstorfer vor seiner Installation „Brenner“, König Galerie, Berlin, Foto: Elena Peters.

Michael Sailstorfer vertritt eine Form der zeitgenössischen Bildhauerei, die alle Sinne berührt. Die Arbeiten des gebürtigen Niederbayern riechen, knistern, brennen, wärmen und beanspruchen somit eine beispiellose räumliche Präsenz. Besonders deutlich wird dies derzeit in dem monumentalen Kirchenschiff der König Galerie, das Sailstorfer mit nur einem Werk bespielt und doch gänzlich ausfüllt. Der Künstler bemüht sich nicht um komplexe Theoretik, die Metaphorik seiner Werke entsteht von selbst. 

gallerytalk.net: An „Brenner“ kommt in Berlin im Moment kein Kunstinteressierter vorbei.  Kannst du uns ein bisschen was über das Werk erzählen?
Michael Sailstorfer: Die Arbeit besteht aus sechs mattschwarz bestrichenen Autokarosserien, die den Raum einheizen. Ich habe sie anstelle von Motoren mit Brennholzöfen ausgestattet. Der Rauch der Feuer steigt durch Schornsteinrohre nach außen, die wir senkrecht durch die Oberfenster der Decke verlegt haben. Neben dem skulpturalen, visuellen Eindruck hat „Brenner“ ein fast apokalyptisches und surreales Moment inne.

Michael Sailstorfer, „Brenner“, König Galerie, Berlin, Foto: Elena Peters.

Worin siehst du dieses Moment?
Autos stehen sonst für Bewegung und Fortschritt. Hier sind sie als Skelette auf Produktionsschienen zu sehen; als Überbleibsel eines Arbeitsprozesses, dessen Serialität und Industrialität durch ihre Anordnung betont wird. Einerseits sieht man hier also ein Fließband. Andererseits ist das wichtigste Bild, das das Werk trägt, auch das der Stausituation, in der kinetische Energie und Fortschritt keine Rolle mehr spielen. Der Moment, in dem sich diese Energie in Form von Wärme ausdehnt und den Raum somit in Beschlag nimmt. Auch kann man das als persönlichen Stau verstehen, als eigenen Stillstand.

Nicht zu vergessen die Brenner Autobahn, die von Innsbruck aus über den Brennerpass ins norditalienisch Modena führt …
Genau, diesen Aspekt fand ich auch lustig. Da standen wir früher schon mit den Eltern bei 35 Grad im Stau – mit Schnorchel und Schwimmflossen im Gepäck.   

Hast du die Arbeit explizit für die König Galerie entworfen?
Ja, ich hatte tatsächlich drei oder vier Ausstellungsvarianten für diesen Raum in petto. Lange habe ich damit jongliert und mit einer Entscheidung gerungen, die letztendlich ziemlich kurzfristig gefallen ist. Mir ist es besonders wichtig, die richtige Arbeit für den richtigen Ort zu machen. Ich muss mich in der jeweiligen Situation immer auch selbst testen. An dem Punkt, an dem ich in meiner Tätigkeit gerade stehe, empfinde ich „Hitzefrei“ als bestmögliche Ausstellung für diese Räumlichkeit.

Michael Sailstorfer, "Brenner", Detail, König Galerie, Berlin, Foto: Elena Peters.

Michael Sailstorfer, „Brenner“, Detail, König Galerie, Berlin, Foto: Elena Peters.

Spielte beim Entwurf der Ausstellung dann auch eine Rolle, dass die Galerie in einer ehemaligen Kirche ansässig ist?
Für mich ist die Architektur grundsätzlich interessanter als die Funktion des Gebäudes. Mit der brutalistischen Beschaffenheit des Baus konnte ich gut arbeiten. Sie trägt wirksam zu der Atmosphäre einer Produktionsstätte bei, gleichzeitig korrespondiert die Schwere des Baumaterials aber auch mit dem vermittelten Stillstand im Werk. Eine Kirche in eine Fabrik zu verwandeln und das durch den Rauch der Schornsteine bis nach außen zu tragen, hat mich allerdings auch gereizt.

Die Schornsteine verwandeln die Galerie also in einen Ort der Produktion. Man könnte sagen, in eine „Kunstfabrik“. Ist deine Arbeit auch als Kritik am Kunstmarkt oder am Galerienwesen zu verstehen?
Diese Assoziation ist mir so noch nicht gekommen, aber ich finde es immer sehr aufschlussreich, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen. Ich möchte innerhalb eines Werkes mehrere Fenster öffnen und auch offen lassen. Die Antworten auf mitschwingende Fragen überlasse ich dem Betrachter.   

Du proklamierst in deinen Werken also trotz weitreichendem metaphorischen Potenzial keine ein- oder zweideutigen politischen Aussagen, die Message bleibt offen. Was ist es dann, was du vermitteln möchtest?
Was mich letztlich davon überzeugt, eine Arbeit zu realisieren, ist ein Eindruck oder ein Bild. Der Ausgangspunkt ist nie ein inhaltliches Statement oder ein Satz oder ein Konzept oder politischer Leitfaden. Es geht mir eher um ein poetisches Moment, was im Idealfall dann unterschiedliche Interpretationsansätze zulässt. Wohin sich diese bewegen, kann ich zuvor meist auch nicht festmachen. Das wird mir erst klar, wenn die Arbeit steht.

Michael Sailstorfer, "Brenner", Detail, König Galerie, Berlin, Foto: Elena Peters.

Michael Sailstorfer, „Brenner“, Detail, König Galerie, Berlin, Foto: Elena Peters.

Du gibst also ein Stückweit die Deutungshoheit über dein Werk ab?
Nicht völlig, zunächst geht es mir um ein erstes Bild. Und wie weit das Bild trägt und interpretiert wird, kann man bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall kontrollieren. Ich klopfe ich immer gründlich ab, wie eine Arbeit gelesen werden kann. Aber in der Fülle wird es mir dennoch erst später bewusst – im Gespräch, vor allem in solchen, wie wir es gerade führen. Je nach Prägung sieht natürlich jeder etwas Anderes in meiner Arbeit und darin manifestiert sich logischerweise die Grenze der Kontrolle. Ließe sich meine Arbeit in vier klaren Sätzen formulieren, dann müsste ich sie auch nicht machen.

Hast du das Gefühl, die Menschen nehmen in ihrer konstanten Sinnsuche deine Arbeit zu ernst?
Nein, ich find das total super!

Apropos Sinnsuche: Zwei Themen tauchen bei dir immer wieder auf, Fortschritt und Häuslichkeit. Hiermit wären wir auch schon bei deiner Videoarbeit „Tränen“, die parallel im Glockenturm gezeigt wird. Hier machst du anhand dreier tropfenförmiger Abrisskugeln ein Haus dem Erdboden gleich. Siehst du einen Bezug zwischen den beiden Konzepten?
Einen ziemlich Klaren sogar! Es war eine sehr bewusste Entscheidung, die zwei Arbeiten hier auf diese Weise zu kombinieren. Neben dem konkreten Kontrast zwischen aufsteigendem Rauch und hinabstürzenden, „kondensierten“ Tränen liegt die nächste Verbindung zwischen dem, dem Menschen innewohnenden, Voranstreben und dessen zerstörerischen Moment. Am Ende des Tages ist es doch so: Was als Fortschritt oder Forttrieb der Menschen bezeichnet wird, ist gleichzeitig die größte Gefährdung für dessen eigenen Lebensraum.

Michael Sailstorfer, Hitzefrei, Ausstellungsansicht, König Galerie, Berlin, 2017 © Michael Sailstorfer und König Galerie, Berlin, Fotos: Roman März.

Michael Sailstorfer, Hitzefrei, Ausstellungsansicht, König Galerie, Berlin, 2017, © Michael Sailstorfer und König Galerie, Berlin, Fotos: Roman März.

Daher zerschmetterst du die Domestizität so brutal?
Man kann das als Metapher lesen. Es geht nicht um die eigenen vier Wände, sondern um einen größeren Lebensraum, zum Beispiel im Sinne der Erde, auf der man lebt. Wie genau ich diesen Raum definiere, ändert sich permanent. Auch hier wollte ich ein Bild erzeugen, das offen lässt, wie weit man es interpretiert.

Ich hätte ja gedacht, das wäre etwas Persönlicheres.
Die Arbeit ist auf jeden Fall sehr persönlich, nur konkretisieren kann ich das nicht. Das kann sich jeder selbst zusammenspinnen und genau das macht ja auch Spaß. Sobald das Werk den Stall verlassen hat, gehört es eh dem Betrachter.

WANN: Die Ausstellung „Hitzefrei“ läuft noch bis zum 12. März 2017.
WO: König Galerie, Alexandrinenstraße 118-121, 10969 Berlin.

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