Zen und Drama, Gips und Sand
Kandel und Nitsch in der kunst galerie fürth

7. April 2017 • Text von

Kollision zweier Welten: Der Bildhauer Hans Karl Kandel und der Wiener Aktionist Hermann Nitsch bestreiten eine gemeinsame Austellung, zarte Gipsfiguren und energetische Farblawinen begegnen sich. Das Ergebnis ist verblüffend.

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Hans Karl Kandel: Hohes Gefäß vor grauer Wand, Foto: Annette Kradisch

Die asiatischen Meister, nach dem Sinn des Lebens gefragt, sagten in den wenigen Fällen, in denen sie überhaupt etwas sagten, lediglich „mu“. „Mu“ ist in seiner Gesamtheit ein unübersetzbares Schriftzeichen, es kann für „nicht“ oder „ohne“ stehen, ebenso für „Leere“ oder „Nicht-Sein“. Der Mittelpunkt und das Ziel des Zen ist die Leere, das unterscheidet ihn grundsätzlich von allen anderen Religionen. Hans Karl Kandels porzellanhafte Gipsobjekte, präsentiert in den schlichten Räumen der kunst galerie fürth, tragen diese spirituelle Leere in sich, in Gestalt von höchst fragilen, auf das ästhetische Minimum reduzierten Gefäßen. Sie sind purer Raum mit dem Potential, die Stimmung des Besuchers aufzunehmen, sich mit dessen Geist anzufüllen und ihn dadurch zu beruhigen. Es sind meterbreite weiße Teller, die in diesem Raum stehen, menschenhohe, konzentrische Vasen, vereinzelt oder in Gruppen, die ganz auf ihre eigene Form fokussiert sind und trotz ihrer Verletzlichkeit vollkommen in sich ruhen. Hans Karl Kandel, so könnte man auf den ersten Blick denken, steuert vorrangig die Reinheit zu dieser Doppelausstellung mit dem Titel „Reinheit und Ritual“ bei, Hermann Nitsch vorrangig das Ritual. Denn Ritual, das ist ein zentraler Wesensaspekt von Nitsch. Würde man Hermann Nitsch nach dem Sinn des Lebens fragen, würde er uns vermutlich nicht das Wort „mu“ offenbaren, es wäre wohl nicht ganz ausgeschlossen, dass der bedauernswerte Fragesteller einen satten Eimer Farbe in Gesicht geschüttet bekäme. Damit wäre Nitsch ein veritabler Zenphilosoph, denn die Entleerung des Farbeimers, die Aktion der Befreiung und Entfesselung der ruhenden Farbe in den Raum, sowie die physische Antwort in Form einer spontanen Handlung, dem hätten andere Zen-Meister wahrscheinlich ohne zu Zögern zugestimmt.

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Hermann Nitsch: Schüttbild, 2015 © VG BildKunst Bonn, Foto: Annette Kradisch

Hermann Nitsch ist der Meister einer anderen Religion, ein Hauptvertreter der Wiener Aktionskunst, und dadurch ist er vieles, was Hans Karl Kandel nicht ist, nämlich höchst emotional, politisch, auch wütend. In manchen Aktionen sieht er mit seinem weißen Kittel und der fleckigen Schürze aus wie ein diabolischer Metzger, der literweise blutrote Farbe auf alles schmeißt, was sich in Reichweite befindet. Farbüberströmte Mitarbeiter, als Engel verkleidet, werden an Kruzifixen gemartert, mal nackt, mal kopfüber. Es sind skandalöse Szenen, Abscheulichkeiten des gutbürgerlichen Geschmacksempfindens. Hermann Nitsch ist wegen seiner provokanten Werke ein veritabler Bürgerschreck.

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Hans Karl Kandel: Gefäß, Foto: Annette Kradisch

Aber ist er kraftvoller als Kandel, dieser stille, ausgewogene Ästhet? Das kann man erstaunlicherweise verneinen, kein Künstler dominiert, die Arbeiten stören sich nicht ein bisschen in ihrer Ausstrahlung. Es ist fast, als würden die teils manischen Kraftakte, die man in Nitschs kantigen, farbgeladenen Werken spürt, von den dünnwandigen Schalen Kandels einfach verspeist, wie ein flatterndes Bettlaken einen abgeschossenen Pfeil mühelos auffangen kann. Gleichzeitig rahmen die weißen Kandel-Plastiken Nitschs Schüttbilder geradezu ein, dämpfen die Umgebung, um sie noch strahlender hervortreten zu lassen. So sind die beiden Künstler in ihren Werken geradezu symbiotisch, sie verstärken sich gegenseitig in ihrer Wirkung wie die zwei Farben eines Komplementärkontrastes. Hier liegt die große Stärke der Ausstellung. Es gibt eine völlig unerwartete Harmonie im Gesamtbild. Sowohl vordergründig, in der Balance zwischen Minimalismus und Actionpainting, als auch hintergründig, in einer subtilen gemeinsamen Aussage. Nitsch wirft mit Dreck, um die Welt zu reinigen, Kandels Gefäße absorbieren aus sich heraus alle Störungen ihrer Umgebung.

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Gefäße von Hans Karl Kandel; „Diptychon“ von Hermann Nitsch © VG BildKunst Bonn; Foto: Annette Kradisch

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. April.
WO: In der kunst galerie fürth, nur wenige Meter von der U-Bahnstation “Rathaus“.

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