"You will never be a whole"
Anna Daučiková in den KW

7. Juni 2019 • Text von

Eindringliche Sensibilität trotz gewaltsamer Gestik – die KW präsentieren nun erstmals im Rahmen des Schering Stiftung Kunstpreises 2018 das umfangreiche Œuvre der Slowakin Anna Daučiková.

Anna Daučíková, 24 Kisses, 1997–1998, Courtesy die Künstlerin.

Provokant, gewaltsam und eindringlich stellt die Preisträgerin des Schering Stiftung Kunstpreises 2018, Anna Daučiková Fragen nach der Identität und dem eigenen Geschlecht: Kann sich ein Individuum, das bei seiner Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wurde, dem Frauwerden entziehen? Und wenn ja – was bedeutet es, das „Dazwischensein“, die Grenze zu überwinden, nach dem Ganzen, dem Vollkommenen zu suchen und dabei ihrer eigenen Transgender-Identität Ausdruck zu verleihen? Es sind derartige Sujets, denen Daučiková in ihrer künstlerischen Arbeit nachgeht, um von Geschlecht, Kirche und Staat vorgegebene Normen und übergeordnete Bedingungen kritisch zu hinterfragen und ihrer zentralen Bedeutung zu berauben.

Anna Daučíková, Upbringing by Touch (1–5), 1996, Courtesy die Künstlerin, Foto: Anny
Daučíkovej.

Durchstreift man die Ausstellungsräume im Untergeschoss der KW, wird die Frage nach dem „Dazwischen“, der sichtbaren, wie auch unsichtbaren Grenze nach der Konstitution des Selbst schnell bewusst. So sind die massiven Mauern des Hauses durch feine, durchsichtige Glaswände erweitert, die sich durch die Räume ziehen, sie trennen und den Zuschauer immer wieder Grenzen setzen – fragil, aber durchaus spürbar. Es ist der durchsichtige, aber undurchdringbare Charakter von Glas, des amorphen Feststoffes, den die Künstlerin begeistert und der omnipräsent Einsatz in ihrem Œuvre findet. Deutlich wird dies gleich zu Beginn in der Arbeit „Upbringing by Touch“ von 1996 und 2016, bestehend aus einer Serie von 17 Schwarz-Weiß-Fotografien, die Daučíková in körperlich wahrlich enger Auseinandersetzung mit dem Material zeigen. In diversen Posen presst sie eine Glasscheibe fest an ihre Brust, die an Übergang von Glas und Körper eine neue Form, ein Abbild ihres Körpers schafft, das fast als eine Verweigerung ihres weiblichen Geschlechts gelesen werden kann – ihr Körper seiner sekundären Geschlechtsmerkmale beinahe entnommen.

Anna Daučíková, Upbringing by Touch (1–5), 1996, Courtesy die Künstlerin, Foto: Anny
Daučíkovej.

Die Manifestation ihres queeren Selbstverständnisses ist schon früh in Daučíkovás künstlerischer Arbeit zu finden. In den 1970er Jahren, nach einem Studium an der Hochschule der bildenden Künste in Bratislava, zog die Slowakin nach Moskau – zu einer Zeit, als alle anderen in den Westen wollten. Als lesbische Künstlerin ging sie in ein Land, in dem Homosexualität offiziell nicht existierte. In Moskau, wo sie als Glasbläserin arbeitete, war ihr künstlerisches Schaffen maßgeblich durch die Sowjetische Moderne geprägt – sie widmete sich der abstrakten Malerei, dem Erforschen numerischer Systeme, der Fotografie und Videokunst. Anfang der 1990er Jahre zog sie zurück in ihre Heimatstadt, engagiert sich seitdem in der LGBTQ-Community und war Mitbegründerin des feministischen Queer-Magazins Aspekt.

Anna Daučíková, Queen´s Finger, 1998, Courtesy die Künstlerin, Foto: Anny Daučíkovej.

Auch in ihrer eigens für die KW entstandenen Arbeit von 2019 „Expedition for Four Hands and Accompaniment“, einer Dreikanal-Videoprojektion und Installation aus Steinen und wieder Glas, die die gesamte Halle der KW einnimmt, bringt sie ihre Transgender-Identität und körperliches Verständnis, das nicht auf tradierten Vorstellungen von Identität fußt, zum Ausdruck. Zur Linken sieht man Hände, die Glas in eine Phallusform schneiden, während vermutlich männliche Hände in Spitzenhandschuhen zur Rechten traditionell geschlechtsspezifische Handlungen vollziehen. Auf den, auf Steinen am Boden liegenden Glasscheiben, sind in feinen Lettern Sätze wie „You will never be a whole you will be a part that plays off“ zu lesen – eindringliche und erschreckende Hinweise auf die politische Lage von Transgender-Personen.

„In der Arbeit von Anna Daučíková verbinden sich auf innovative Weise Überlegungen zur Rolle und Bedeutung der gestalterischen Moderne in der osteuropäischen Gesellschaft mit Identitätsfragen. Im unterschiedslosen Übergang von Fiktion zu historischen Fakten, die auf Archivarbeit basieren, wird bewusst eine neue Form von Geschichtsschreibung praktiziert, die stereotype Vorstellungen unterwandert“, so die Begründung der Jury der Schering Stiftung zu Daučíková. Es ist eine Werkschau, die provokant aber durch äußerst sensible Gestik, uns nicht nur über unsere vorgegebenen Normen einer körperlichen Identität nachdenken lässt, sondern auch über die prekäre Situation von Transgender-Personen, denn – „it is more than just a sexual game“, wie im Glas eingeritzt zu lesen ist.

WANN: Die Ausstellung zum „Kunstpreis der Schering Stiftung 2018: Anna Daučíková“ ist ab 7. Juni bis 18. August 2019 zu sehen. Am morgigen Samstag, den 8. Juni, findet ein Künstlerinnengespräch mit Anna Daučíková und Cathrin Mayer um 17 Uhr im KW Studio statt.
WO: KW Institute for Contemporary Art, KUNST-WERKE BERLIN e. V., Auguststraße 69, 10117 Berlin.

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