Work Work Work!
Harun Farocki im Haus der Kunst

14. März 2017 • Text von

Wir alle tun es jeden Tag und überall auf der Welt. Bezahlt, unbezahlt, freiwillig, unfreiwillig, zum Überleben und zur Selbstverwirklichung. Wir arbeiten. In „Counter Music“ befasst sich der Filmemacher Harun Farocki mit dem Thema Arbeit und nähert sich so einem zeitlosen wie universellen Motiv.

Harun Farocki: "Arbeiter verlassen die Fabrik" © Harun Farocki

Harun Farocki: „Arbeiter verlassen die Fabrik“ © Harun Farocki, 1995, Videostill

Der erste Film, der je zur Vorführung kam, erklärt Farocki in einem seiner Videos, zeigt Arbeiter, die die Lumière-Werke in Lyon verlassen. Frauen und Männer eilen aus der Fabrik, ohne sich noch einmal umzudrehen und verschwinden so schnell es geht aus dem Blickfeld des Betrachters. Das Fabriktor schließt, die Arbeit ist getan. Der Film, schwarz-weiß und kurz, stammt aus dem Jahr 1895 und steht quasi sinnbildlich für die Ausstellung im Haus der Kunst. „Counter Music“ verschreibt sich voll und ganz dem Topos der Arbeit und hinterfragt dabei deren kulturgeschichtliche Entwicklung und individuelle Bedeutung für den Menschen – im Film wie im realen Leben. Harun Farocki, Filmemacher, Medienkünstler, Ethnograf und einst Student der allerersten Klasse der Filmhochschule Berlin, verknüpft dabei gekonnt private und öffentliche Aspekte von Arbeit und stellt stets das Individuum ins Zentrum der Betrachtung.

Harun Farocki Foto: "Arbeiter verlassen die Fabrik in elf Jahrzehnten" © Harun Farocki, 2006

Harun Farocki: „Arbeiter verlassen die Fabrik in elf Jahrzehnten“ © Harun Farocki, 2006, Foto

Die Fabrik, Ikone der Industriellen Revolution, nimmt auch bei Farocki eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit ein, denn sie ist Fluch und Segen zugleich. Sie ist der Ort, an dem alle Arbeiter gleichförmige Glieder einer Kette sind, die in seriellen, uniformen Arbeitsschritten zur Herstellung eines Endprodukts beitragen. Sie macht aus Menschen Arbeiter und aus Individuen Produktionseinheiten. Wer nicht mehr kann, wird umgehend ersetzt. So sind die Regeln des Systems, dessen Sinnhaftigkeit schließlich 1968 dezidiert und mit bekannter Vehemenz infrage gestellt wird.

So zeigt es auch Farockis Installation „Arbeiter verlassen die Fabrik in elf Jahrzehnten“. Auf zwölf Monitoren wird eine Reise durch die Filmgeschichte präsentiert, die auf Basis von fiktivem wie dokumentarischem Material das Wesen der Fabrikarbeit aufzeigt. An die Wand gegenüber ist die Videoarbeit „Vergleich über ein Drittes“ projiziert, in der sich zwei parallel geschalteten Screens der Produktion von Ziegelsteinen in verschiedenen Regionen annehmen. Von der kräftezehrenden Handarbeit in Südasien hin zur fast vollständig automatisierten, maschinellen Herstellung in Europa. Auch hier, im Europa des 21. Jahrhunderts, taucht die Fabrik wieder auf, doch ist sie diesmal eine seelenlose Maschine, in die sich einzelne Arbeiter wie menschliche Fremdkörper hinein verirren. 

Harun Farocki: "Ein Bild", Harun Farocki, 1983, Foto

Harun Farocki: „Ein Bild“, Harun Farocki, 1983, Foto

Im letzten Raum befindet sich die Installation „Eine Einstellung zur Arbeit“. Sie zeigt 90 Videos auf 15 Monitoren, die in Workshops weltweit zwischen den Jahren 2011 und 2014 entstanden sind. In jeweils weniger als zwei Minuten sind hier Menschen bei der Arbeit zu sehen. Ein Museumswärter, eine Klavierlehrerin, ein Landwirt bei der Bohnenernte, ein Metzger, eine Gruppe von Chirurgen im OP, ein Maskottchen im überdimensionierten Tierkostüm, ein Eisblockfabrikant. Die Videos bilden die Vielfalt kollektiver und individueller Arbeitsformen ab und verbinden sie zu einer bunten Collage, die durch die Gegenüberstellung der einzelnen Sequenzen jegliche Priorisierung verliert. Traditionelle und neu entstandene Arbeitsformen, körperliche wie geistige Arbeit, allen wird hier der gleiche Stellenwert zuteil. Die Währung, die hier zählt, ist nicht mehr monetär, sondern liegt im ästhetischen Moment, der alle Filme eint.

„Counter Music“ zeigt, wie sich das Leben auch noch im Spätkapitalismus stets um den Faktor Arbeit dreht. Wenn Farocki gleich im ersten Raum das „Hohelied der Arbeit“ ertönen lässt, wie es im Nationalsozialismus propagiert wurde, schaudert es einen. Zugleich zeigt er, besonders deutlich wird das in „Eine Einstellung zur Arbeit“, wie durch Kollaboration und Kooperation Sinn entsteht, der über einem schlichten Produktionsgedanken steht. Die Zukunft der Arbeit wird eine andere sein, zumindest diese Hoffnung bleibt.   

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Mai 2017 zu sehen. Am 22. April 2017 findet in den Münchner Kammerspielen eine Filmnacht zum Thema Arbeit statt, die sich neben Farockis Videoarbeiten zum Thema widmet. 
WO: Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München.

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