Erkennen, ohne zu sehen.
Rätselhafte Materialhaufen im Neuen Museum.

10. August 2017 • Text von

Wenn man die kryptischen Objekte der Ausstellung „Kein Schatten im Paradies“ von Peter Buggenhout betrachtet, weiß man eigentlich immer sofort, was man da vor sich hat. Das Problem daran ist nur, das stimmt so gar nicht.

Peter Buggenhout: On Hold #5, 2017 © the artist. Foto: Roman März

Es ist ein gewaltiger Sperrmüllhaufen, den der niederländische Bildhauer hier im Sonderausstellungsraum des Neuen Museums aufgetürmt hat, so durchfährt es manche Besucher unwillkürlich, wenn sie das erste Mal in den großen, leeren Kubus treten. Das Neue Museum macht es interessierten Passanten mit seinen Ausstellungen nicht immer leicht. Olaf Metzel durfte damals die eingestürzten, eisernen Überreste einer Fußballtribüne in diesem Raum drapieren, Christiane Möbus ließ eine komplette präparierte Giraffe von der Decke hängen. Nun also ein Haufen aus alten Sperrmüllresten.

Peter Buggenhout: The Blind Leading The Blind © the artist. Foto: Roman März

Offenbar Einzelteile, die seit Jahrzehnten irgendwo im Freien lagen, Reste von Schiffsrümpfen, Takellagen und Segeln, dazwischen ein paar Holzbretter, so denkt man. Und dann sieht man genauer hin. „On Hold #5“ heißt die gewaltige Installation die so offensichtlich scheint, und bei der doch so wenig offensichtlich ist. Sind die gebogenen Holzstücke wirklich Schiffsteile? Sind die Kunststoffgewebe wirklich Segel? Was kommen da für Metallstangen aus dem Bauch des Viechs und blitzen da rosafarbene Dämmplatten auf? Je länger man die Objekte betrachtet, desto rätselhafter und undefinierbarer werden sie. Neben der großen Figur sind sechs schwarze Objekte in Vitrinen ausgestellt, eine Werkreihe mit dem sprechenden Titel „The blind leading the blind“. Ein unvermittelter Blick in die Tiefsee, urzeitliche Schiffswracks im sterilen Museumsraum. Offensichtlich Metall, alles verstaubt. Verstaubt? Unter Wasser? Oder ist es doch Kunststoff und Polypropylen, Metallfolie und Holz? Ist das alles wirklich so alt wie man denkt? Die große Installation, soviel kann man verraten, wurde zur Ausstellung erschaffen. Alter also: etwa drei Wochen.

Peter Buggenhout: Mont Ventoux, 2013 © the artist. Foto: Roman März

Warum denken wir sofort an Sperrmüll oder die Titanic oder den fliegenden Holländer, wenn wir diese Figuren ansehen, die vermutlich nie eine Mülldeponie, einen Bootssteg oder den Meeresgrund auch nur aus der Nähe gesehen haben. Buggenhout führt uns fröhlich an der Nase herum, könnte man denken, denn wie transportiert man solche staubigen Plastiken eigentlich, und wie ist es möglich, sie auszustellen? Die Fragen werden also eher zahleicher als weniger, nimmt man sich nur genug Zeit für die Ausstellung. Es ist beinahe unmöglich, sich die Objekte detailliert einzuprägen. Sieht man weg, verliert man die Erinnerung an die komplizierten Formen. Offenbar sind alle Vitrinen anders, jede von ihnen insgesamt, und jede für sich von jeder einzelnen Seite. Dennoch verschmelzen sie in unserer Erinnerung zu einem einzigen, monströs-fremdartigen Objekt.

Peter Buggenhout: Gorgo, 2015 © the artist. Foto: Roman März

Die Ausstellung zieht sich auch weit in die Sammlungsräume des Museums. Im zweiten Stock findet der Besucher die beiden Standfiguren „Mont Ventoux“. Alte, verrostete Eisenschilder, die von weichen Säcken überwuchert werden, mit Gips ausstaffierte Rindermägen. „Die Besteigung des Mont Ventoux“ gilt als das erste touristische Buch der Welt. Petrarca erklomm den Berg im Jahr 1325 der schönen Aussicht wegen, und nicht etwa um die andere Seite zu erreichen, was damals üblich war. Seinen inneren Monolog hielt er schriftlich fest. Die Form der Rindermagenplastiken ist indifferent, ebenso ihre Bedeutung. Man könnte an überwucherte Wegweiser denken, oder an eine reichhaltige Brotzeit auf der Etappe. Man könnte auch stilisierte Bergsilhouetten in den Wülsten der Figur erkennen, flüchtige Assoziationen mit dem Thema der Arbeit. Ähnlich funktioniert die Erzählung bei der an der Nebenwand hängenden „Gorgo“: Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit der schlangenhaarigen Verfluchten aus dem antiken Griechenland, entfernt wie der Kopf einer Medusa geformt, mit in Tierblut getränkten Haaren ausgestattet, in drastischer Geste präsentiert. Flüchtig und schwerelos, so wirkt die ganze Ausstellung, seien es die alten, neuen Materialinstallationen der „On-Hold“-Reihe, seien es die poetischen, dunklen Wracks, mal gesunkenes Schiff, mal ausgebranntes Auto, mal außerirdische Invasion.

WANN: Die Ausstellung „Kein Schatten im Paradies“ läuft noch bis zum Sonntag, den 24. September.
WO: Im Neuen Museum Nürnberg, Klarissenplatz 1, direkt am Hauptbahnhof.

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