Wir belehren nicht
Neue Anti-Helden in der Kunst

23. Juni 2018 • Text von

Die 10. Berlin Biennale erfindet das Rad nicht neu und schafft endlich wieder Freiheit für die Kunst. Politisch hoch aktuell, subjektiv, aber nicht anklagend. Postkolonialismus zum Anfassen.

Gleich im ersten Raum der KW Institute for Contemporary Art, die seit der 1. Berlin Biennale 1998 deren Hauptsitz sind, setzt Cinthia Marcelles „Cruzada“ (2010) ein Zeichen. Die Videoprojektion zeigt eine Wegkreuzung. Wie ein großes „X“ erstrecken sich die Wege über die Wand. Aus der Vogelperspektive hält die Kamera still auf eine Weggabelung. Stille, wir hören die Veränderung bevor wir sie sehen. Schlagende Becken, von links unten marschieren vier gelbgekleidete Personen ins Bild. Nacheinander wiederholt sich der Prozess auf den einzelnen Wegen: rote Trommler, blaue Trompeter, grüne Hornbläser. Mit der formalen Anordnung der Figuren korrespondiert das unstete Spiel der Instrumente. In einer Art Choreographie des Gegeneinanderspielens und –laufens mischen sich Musiker und Melodien, um sich schließlich in grün-blau-rot-gelben Quartetten aus dem Bild zu bewegen. Dabei findet auch die Musik harmonisch zueinander.

Man ist versucht, das Video ideologisch im Sinne einer kosmopolitischen Annäherung zu lesen. Doch steht hier der formale und nicht der symbolische Charakter im Vordergrund. Das „X“ als Zeichen des Unbekannten und der Verneinung. Verneint werden soll, so heißt es in der Pressemitteilung der Biennale, eine „kohärente Interpretation von Geschicht(en) oder Gegenwart“. Damit beziehen sich die Kurator*innen Gabi Ngcobo, Nomaduma Rosa Masilela, Serubiri Moses, Thiago de Paula Souza und Yvette Mutumba gleich zu Beginn auf die im Vorfeld entstandenen Erwartungen an das kuratorische Konzept der Biennale als ein starkes Statement im Sinne des Postkolonialismus. Dabei entlarven sie eben diese Erwartungen als ausschließende Zuschreibungen, gegen die sich postkoloniale Strategien wenden. Die Raffinesse des kuratorischen Teams besteht darin, dass es die eigene Subjektivität als Ausgangslage begreift, anstelle sich das Konzept von kategorisierenden Bezeichnungen diktieren zu lassen.

Eine kurze Bestandsaufnahme: Die Großzahl der teils noch unbekannten 46 Künstler*innen stammt aus Afrika, Südamerika, der Karibik und den USA, wobei Letztere Orte der afrikanischen Diaspora sind. Eine bewusste Abkehr vom Eurozentrismus. Tina Turner’s titelgebender Song „We don’t need another hero“ spannt den zeitlichen Bogen von 1985 ins Jahr 2018. Die kuratorische Intention: ein Dialog von Orten und Zeiten sowie aller an der Ausstellung beteiligter Personen. Im Hinblick auf die Praxis ist das ein wenig abstrakt, aber Dialog klingt eben gut. Nichtsdestotrotz, WOW! „We don’t need another hero“ liest und hört sich nicht nur brandaktuell, sondern zudem als sehr gut ausformuliertes kuratorisches Konzept. Kunst als Aktivismus im Sinne eines Sich-bewusst-werdens der eigenen Körperlichkeit, Verortung und Geschichtlichkeit.

Tessa Mars, The Good Fight, 2018; Verschiedene Materialien, Installationsansicht (Detail), 10. Berlin Biennale, ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik, Berlin, Courtesy Tessa Mars, Foto: Timo Ohler

An vielen Stellen klingt die Prekarität der spezifischen Produktionsbedingungen nach . Tessa Mars’ Alter Ego „Tessalines“, mit üppig weiblichem Körper, erzählt ihre Geschichte gegen die rassistische und männliche Unterdrückung in Haiti. Die collagenartigen Zeichnungen der Künstlerin sind bestechend schön. Der stolze Block fesselnd. Wenig Film, wenig Dokumentation, viel Malerei, Zeichnung, Installation und Handwerk. Farbe und schwarz-weiß im Wechsel. Selten aufdringlich, meist leise und subjektiv. Und formal stringent kuratiert. Das funktioniert gut.

Okwui Okpokwasili, Sitting on a Man’s Head, 2018, Inszenierung einer Partitur für kollektiven Ausdruck, ein fortlaufender Prozess der Manifestation eines ich, du, wir und uns, Projektentwicklung gemeinsam mit Peter Born, Performance, Installationsansicht, 10. Berlin Biennale, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, Courtesy Okwui Okpokwasili, Foto: Timo Ohler

Immer wieder geht es um den Körper, um Gesten, Haltungen, Berührungen. Um den Körper innerhalb verschiedener Machtmechanismen – Rassismus, Klasse, Sexismus und Nationalität, aber auch institutionelle Hierarchien. Und um den Einsatz des Körpers und der eigenen Körperlichkeit als Mittel des Widerstands. So auch bei der von Okwui Okpokwasili und Peter Born aus einer früheren Arbeit entwickelten Kollektivperformance „Sitting on a Man’s Head“ (2018). Der Untertitel liest weiter: „(…) ein fortlaufender Prozess der Manifestation eines ich, du, wir und uns.“ Auf der ersten Etage der KW ist ein leerer, durch halbdurchsichtige Planen abgeschirmter Performanceraum eingerichtet. Hier sind die Besucher*innen eingeladen, ihren eigenen Körper zu erfahren und zu inszenieren – der Raum ist von der zweiten Etage einsehbar. Was auf dem Terrain des Privaten beginnt wird hier als öffentlicher Raum und Bühne zugleich erfahrbar und sichtbar. Die Partitur aus langsamen, sich aus der eigenen Erinnerung formenden Bewegungsabläufen ist eine Hommage an die nigerianische Frauenrevolte von 1929. „Sitting on a Man“ hieß eine der Protestformen, derer sich die Frauen damals bedienten, um ihre eigenen Interessen gegen die Kolonialherrschaft durchzusetzen. Sie trafen sich in Gruppen am Hof der Kolonialbeamten und tanzten und sangen anzügliche Lieder bis sich diese aus Scham ihren Forderungen beugten. In dem Nachempfinden des kollektiv performativen Aktes werden sich die Mitwirkenden einerseits des eigenen Körpers bewusst und erleben zugleich die Bildung eines sozialen Körpers.

Ganz anders funktionieren die Videos von Tony Cokes im ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik. Auf zehn Bildschirmen und einer Projektionsfläche flimmern Textbausteine über knallig, monochrome Bildschirme, Technobeats dröhnen durch den sonst als Club genutzten Kellerraum. Die einzelnen Soundtracks sind nur mit Kopfhörern zu hören. Cokes’ Praxis ist ein Remix aus Kulturtheorie, Lyrics, Werbung, historischen Dokumenten und Medien. Dabei macht er in der Verknüpfung von Musik und Text den Inhalt und das Bild neu erfahrbar. 

Natasha A. Kelly, Millis Erwachen, 2018, Video, S/W, Ton, 45′, Videostill, Courtesy Natasha A. Kelly

Die Gefahr der potenziellen Widerkehr oder der Stasis, ein Gefangensein in den immerwährend gleichen, lediglich neu getarnten Momenten der Geschichte ist das Thema vieler Werke. Eine derartige gesellschaftliche Analyse finden wir beispielsweise in Natasha A. Kellys „Millis Erwachen/Milli’s Awakening“ (2018). In dem schwarz-weiß Video erzählen die acht Protagonistinnen von ihren Erfahrungen als schwarze deutsche Frauen und Künstlerinnen. Jede Geschichte für sich ist ein Zeugnis von Selbstbestimmung und von Sich-Zurechtfinden in einer vorwiegend weißen Gesellschaft. Das Kunstschaffen wird so zum Ausdruck eines doppelten Widerstandes gegen Vereinnahmung und Ausgrenzung – zu einer Strategie des Bestehens.

Mario Pfeifer, Again / Noch einmal, 2018, 4K-Video transferiert auf HD, 2-Kanal-Installation, Farbe, 5.1 Surround, 23′, Installationsansicht, 10. Berlin Biennale, Akademie der Künste (Hanseatenweg), Berlin, Courtesy Mario Pfeifer; KOW, Berlin, © 2018 VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Timo Ohler

In einer anderen, ebenfalls von der Berlin Biennale in Auftrag gegebenen und koproduzierten Videoarbeit wird der Fall eines jungen Irakers aufgerollt. Der wegen seines gesundheitlichen Zustandes 2015 nach Deutschland geflüchtete Mann wurde im April 2016 von vier Männern in einem Supermarkt angegriffen, verprügelt und seiner Freiheit beraubt, an einen Baum gefesselt, und später der Polizei übergeben. Die Männer beriefen sich auf Zivilcourage, sie seien der Kassiererin zu Hilfe geeilt, die von dem jungen Mann bedroht worden sei. Die Aufnahme der Tat wurde zu einem viralen YouTube Video, woraufhin sich deutschlandweit eine Debatte um Zivilcourage, Lynchjustiz und Bürgerwehr entzündete. Im April 2017 wurde die Leiche des Flüchtlings in einem Waldstück gefunden. Nach seiner erneuten Flucht aus dem Heim war er im Januar 2017 im Wald erfroren. Im Mai 2017 wurde das Verfahren gegen die vier Männer wegen „geringer Schuld“ eingestellt. Hier setzt Mario Pfeifer’s „Again / Noch einmal“ (2018) an und re-inszeniert einerseits den Tathergang, um davon ausgehend das Versagen der Justiz zu kritisieren, andererseits unternimmt Pfeifer eine erneute Prozessführung mit einer eigens dafür zusammengestellten Jury deutscher Bürger*innen, um letztendlich ein alternatives Urteil zu sprechen. Anstelle des kritischen Diskurses um das ethische Dilemma zwischen Zivilcourage und Selbstjustiz sowie die noch dringlicheren Fragen, warum und wie ein solches Versagen der deutschen Behörden an sich möglich ist und warum ein psychisch erkrankter und traumatisierter Mann nicht die entsprechende Hilfe bekommen hat, entwickelt sich hier ein theatralischer Moralappell. „Wie hätten Sie sich entschieden?“ fragen die Schauspieler*innen Mark Waschke und Dennenesch Zoudé, nachdem sie den Film in theatralischer Galileo History Manier moderiert haben. Leider lassen auch hier die einschlägigen Reaktionen und Urteile der Jury keinen Platz für Gedankenexperimente. In der Angst und Bedrückung der Antworten wird die so wichtige aufklärerische Arbeit zu einer missionarischen.

Mitunter sind es jedoch solch gravierende Unterschiede, die uns Kunst als Mittel und die Mittel der Kunst unterscheiden lassen. Ersteres stellt Kunst in die Bringschuld und erstickt ihr schöpferisches Potenzial, letzteres hingegen meint eben dieses grundsätzlich politische Potenzial der Kunst. Wir, die Besucher*innen der Biennale, die wir uns so gerne als Kenner*innen von Kunst und Politik, Gesellschaft und Kultur sehen und verstehen, finden uns vor eben dieser Unterscheidung wieder. Was kann Kunst? Oder anders, was wollen wir von der Kunst? Was kann eine Ausstellung solchen Formates leisten? Oder nochmal anders: Welche Erwartungen projizieren wir auf eine derartige Ausstellung, dessen Kurator*innen-Team bereits bei seiner Bekanntgabe eine politische Erwartungshaltung und Zuschreibungen hervorgerufen hatte? Kunst kann brennende kultur- und sozialpolitische Themen verhandeln und Fragen stellen, sie darf es aber niemals müssen. Nach Christine Macels „Viva Arte Viva“ Biennale in Venedig setzt nun auch die Berlin Biennale wieder auf die Mittel der Kunst und setzt ein Exempel gegen den sich besonders in den letzten Jahren verbreiteten Trend, Kunst als Lösung globaler Konflikte, als „hero“ zu begreifen.

WANN: Die Ausstellung läuft bis zum 9. September 2018. Öffnungszeiten: Mi–Mo 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr, Di geschlossen. 
WO: Die Berlin Biennale findet an verschiedenen Orten statt. Mehr Infos hier.

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