Wie man Denkmuster aufbricht
Die Art Collection Telekom auf der Art Cologne

15. April 2016 • Text von

Ihr glaubt, ihr habt schon alles gesehen? Dann wird es Zeit, dass euch mal jemand über den Tellerrand schubst, denn der ist irgendwie ja immer da. Die Art Collection Telekom sammelt Kunst aus Ost- und Südeuropa, wo die Szene vielleicht nicht so brummt, aber trotzdem den ein oder anderen Überflieger ausspuckt.

Neuerwerbungen der Art Collection Telekom auf der 50. ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Neuerwerbungen der Art Collection Telekom auf der 50. ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Gerade ist die Art Collection Telekom auf der Art Cologne vertreten, dann geht’s weiter nach Bukarest. Wir haben uns die Arbeit der liebgewonnen Institution von Zweien erklären lassen, die es wissen müssen: Antje Hundhausen, Vice President 3D Brand Experience und in dieser Funktion verantwortlich für die Kunstsammlung der Deutschen Telekom AG, und Nathalie Hoyos, Kuratorin der Art Collection Telekom.

gallerytalk.net: Die Art Collection Telekom soll einen Einblick in die gesellschaftlichen und künstlerischen Geschehnisse Ost- und Südosteuropas geben. Wieso fiel die Wahl ausgerechnet auf diesen Kulturraum?
Antje Hundhausen: Wir haben uns sehr bewusst für den Sammlungsschwerpunkt Ost- und Südosteuropa entschieden. Wir wissen immer noch viel zu wenig über diesen kulturellen Raum, der viele spannende Neuentdeckungen bietet. Außerdem haben die meisten Länder hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang keine funktionierende künstlerische Infrastruktur.

Woran fehlt es denn ganz besonders?
Hundhausen: Institutionen sind chronisch unterdotiert, es gibt nur wenige Sammler, was die Galerien – sofern vorhanden – schwächt. Den Künstlerinnen und Künstlern fehlt es oft an den notwendigen Produktionsbedingungen.

Nathalie Hoyos, Kuratorin der Art Collection Telekom, mit Antje Hundhausen, Vice President 3D Brand Experience und verantwortlich für die Kunstsammlung der Deutschen Telekom AG auf der ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Nathalie Hoyos, Kuratorin der Art Collection Telekom, mit Antje Hundhausen, Vice President 3D Brand Experience und verantwortlich für die Kunstsammlung der Deutschen Telekom AG auf der ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Was bewirkt das Engagement der Deutschen Telekom – vor Ort wie in der Heimat?
Hundhausen: Es ermöglicht Künstlerinnen und Künstlern vor Ort teilweise ihre Karriere zu beginnen und fortzuführen. Darüber hinaus soll die Art Collection Telekom auch dazu beitragen, die Sichtbarkeit dieses geographischen Raumes international zu erhöhen. Wenn man sich mit der Sammlung befasst, erfährt man in Gesprächen mit den Künstlerinnen viel über die politische Situation und die Schwierigkeiten in ihren Heimatländern. Bei der Betrachtung der Werke wird man vor allem zum Nachdenken angeregt – manchmal auch mit dem Erfolg, gewohnte Denkmuster aufzugeben.

Als Förderer des Awards for New Positions und als Aussteller ist die Deutsche Telekom zum dritten Mal auf der Art Cologne vertreten. Was für Kunstwerke zeigen Sie dort?
Hundhausen: Dieses Jahr präsentieren wir Nevin Aladaǧ und Little Warsaw. Die sechs Werke sind wichtige Neuzugänge in der Sammlung und beschäftigen sich mit dem Thema der kulturellen Identität und des historischen Erbes.

Der Stand der Art Collection Telekom auf der 50. ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Der Stand der Art Collection Telekom auf der 50. ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Also sind beide künstlerischen Positionen auch politisch?
Nathalie Hoyos: Sie beschäftigen sich mit soziokulturellen Phänomenen. Das Künstlerduo Little Warsaw verwendet künstlerische Reststücke der kommunistischen Periode und nutzt den Wandel und die Verschiebung von Bedeutung, die beim Transfer eines Objekts von einem kulturellen Raum in einen anderen erfolgt. Nevin Aladaǧ verbindet in ihren Werken auf subtile Art und Weise Ost- und West, Orient und Okzident. Sie stellt Fragen nach der kulturellen Zugehörigkeit und den Parametern des Zusammenlebens in einer zeitgenössischen, multikulturellen Gesellschaft.

Wie kann ich mir das konkret vorstellen?
Hundhausen: Von Aladaǧ sind zum Beispiel zwei Metallplatten mit zahlreichen Dellen zu sehen. Sie tragen die mysteriösen Titel „Stiletto, Ince Ince , 3:40“ und „Stiletto, Baby Love, 2:48“. Es handelt sich um die Abdrücke eines Tanzes mit Stiletto Absätzen zu den Liedern „Baby Love“ von den Supremes und „Ince Ince“ von Selda Baǧcan. Analog zur Fotografie, friert die Künsterlin einen kurzen Moment ein und hält ihn für die Ewigkeit fest. In diesem Fall ist der Auslöser nicht das Licht, sondern die Bewegung.

Nevin Aladag, Tusch (Carnival), auf dem Stand der Art Collection Telekom auf der 50. ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Nevin Aladag, Tusch (Carnival), auf dem Stand der Art Collection Telekom auf der 50. ART COLOGNE 2016. Foto: Deutsche Telekom

Welche soziokulturellen Phänomene beschreiben die Arbeiten von Little Warsaw?
Hundhausen: Die frühe Arbeit „Globe“ aus dem Jahr 2000 zeigt die Welt in Ketten und verweist auf die Aufgabe, die sich die Gründer des ungarischen Künstlerduos, András Gálik und Bálint Havas, selbst auferlegt haben. Ganz im Sinne Kants wollen sie dazu beitragen die Unmündigkeit des Menschen zu überwinden. Ein Motiv, das die Künstler im Rahmen eines Workshops auf einem Tisch eingeritzt in ihrer ehemaligen Kunstschule entdeckten, wurde als Neonschriftzug zu einer Art Logo: „Fence“. Die Arbeit lässt vielseitige Interpretationen zu: Die ineinander übergehenden Hände könnten Zeichen des Zusammenhalts sein oder als eine Abwehrhaltung gelesen werden.

Direkt im Anschluss an die Art Cologne eröffnet die Art Collection Telekom in Bukarest eine Ausstellung. Was erwartet die Besucher von „Shape of Time – Future of Nostalgia“?
Hoyos: Wir freuen uns, die Art Collection Telekom zum ersten Mal an einem der Orte, die den geographischen Schwerpunkt der Sammlung bilden zu zeigen. Wir haben die Ausstellung gemeinsam mit einem Kuratorenteam des Nationalmuseums für zeitgenössische Kunst in Bukarest entwickelt. Dadurch ergeben sich noch einmal ganz neue spannende Blickwinkel.

Little Warsaw, Fence, 2012 ART COLOGNE 2016

Little Warsaw, Fence, 2012. Foto: Deutsche Telekom

Die da wären?
Hyos: Die Ausstellung hat im Wesentlichen drei thematische Stränge: „Erinnerung und Geschichte“, „Politik und Soziales“ und „Gesellschaften im Wandel und die Rolle des Künstlers“. Es soll also zum Beispiel diskutiert werden, wer die Hoheit über die Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts bezüglich der Länder hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang hat. Welche unterschiedlichen Interessen stehen dabei im Vordergrund? Was wird verschwiegen, was gerät in Vergessenheit?

Dabei kann es sich in der zeitgenössischen aber nicht immer um objektive Betrachtungen handeln …
Hyos: Einige Künstlerinnen und Künstler verarbeiten in ihren Werken ihre persönlichen, manchmal traumatischen, Erfahrungen. Sie erinnern dabei auch an politische Bewegungen und Utopien. Die Veränderungen, die in den letzten 25 Jahren in den Ländern Ost- und Südosteuropas stattgefunden haben, sind rasant. Viele Hoffnungen, die mit dem politischen Wechsel einhergingen, sind nicht erfüllt worden. Die Gesellschaften befinden sich in einem permanenten Umbruch. Das führt auch für die Künstlerinnen und Künstler zu neuen Fragestellungen, nach ihrer eigenen Rolle und neuen künstlerischen Strategien.

Plakat_Art_Collection_Telekom@BukarestWieso fiel die Wahl ausgerechnet auf Bukarest, als es darum ging einen Ausstellungsort in Osteuropa zu finden?
Hoyos: Bukarest hat eine spannende und lebendige Kunst- und Kulturszene, die sehr jung und enthusiastisch ist. Trotz mangelnder Infrastruktur finden viele engagierte Projekte statt – es herrscht eine gewisse Aufbruchsstimmung. Daher war Bukarest eine absolute Priorität für uns.

Jetzt kommen vermutlich die wenigsten von uns in der nächsten Zeit nach Bukarest. Sie haben da aber so eine schlaue App in petto. Erzählen Sie mal!
Hundhausen: Genau, die Art Collection Telekom App ist gerade neu erschienen. Sie beinhaltet einen Audioguide zur Ausstellung, aber darüber hinaus auch Informationen zu Werken der Art Collection, die in den Gebäuden der Telekom ausgestellt sind, sowie interessante Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Sammlung. Übrigens wird es außerdem auf unserer Webseite einen filmischen Rundgang durch die Ausstellung geben.

Sind schon weitere Ausstellungen in Osteuropa geplant?
Hyos: Die nächste Ausstellung wird 2017 im Museum für Zeitgenössische Kunst in Zagreb stattfinden.

WANN: Die Ausstellung „Shape of Time – Future of Nostalgia“ eröffnet am Mittwoch, den 20. April. Zu sehen ist sie bis zum 9. Oktober.
WO: MNAC – National Museum of Contemporary Art, Bukarest

In freundlicher Zusammenarbeit mit der Art Collection Telekom.