Who sings the Nation-State?
Träumen mit Dorine van Meel

13. August 2018 • Text von

Es ist die Popkultur, die den Diskurs um das „Beyond“ zuweilen subtiler führt, als es die Mittel der zeitgenössischen Kunst vermögen. Dorine van Meel und ihre Ausstellung bei Decad sind eine willkommene Abwechslung.

Dorine van Meel, Beyond the Nation State I Want to Dream, HD video still, 2018. Courtesy the artist and Decad.

„Beyond the Wall“, heißt es in der Fernsehserie „Game of Thrones“. Dort, im „echten Norden“, lebt das als „Wildlinge“ verteufelte „Freie Volk“. Eine gigantische, bewachte Mauer trennt und schützt die sich gen Süden erstreckenden „Sieben Königreiche“. Die „Weißen Wanderer“, das Böse, an deren Existenz schon niemand mehr glaubt, schlummert auch dort in diesem Jenseits, tief vergraben im Eis und der Vergangenheit, sicher verschanzt hinter künstlich geschaffenen Mauern und der scheinbaren Unantastbarkeit der eigenen Weltkonfiguration. In „Westworld“ hingegen ist das „Valley Beyond“ der Ort, den die scheinbar zu Autonomie gekommenen Androiden, die Hosts genannten Bewohner von Westworld, um jeden Preis erreichen wollen. Sie sind getrieben von dem unumstößlichen Glauben, die bestehende Weltordnung zerstören und dadurch eine andere, augenscheinlich bessere Welt schaffen zu können.

Für ihre neue Videoarbeit „Beyond the Nation State I want to Dream“ wählt Dorine van Meel (*1984) eben dieses „Beyond“ als Ausgangs- und Zielpunkt ihrer traumähnlichen Projektionen. Knapp 19 Minuten dauert das Video, das noch bis Ende September bei Decad in Kreuzberg zu sehen ist. Geträumt wird von einer Welt, die jenseits des Nationalstaats, ohne Segregation, ohne  Grenzen – ja, ohne jeden nationalen Pathos existiert. „For our dreams will be wild, will go beyond your confident smiles, your civilising lines, your whispered lies.“ Kurzum, Dorine van Meel nimmt das Weltbild auseinander, mit dem wir hier in Europa aufgewachsen sind. Ein Weltbild, dessen Beschränktheit angesichts des steten politischen Rechtsrucks der letzten Jahre und des, trotz aller Bemühungen um Abschottung, nicht endenden Migrationsstroms, immer klarer wird. Und dennoch lässt sich die Existenz des Nationalstaats weder schlicht abstreiten noch einfach so abschaffen. 

Fort Elmina, Dorine van Meel, Beyond the Nation State I Want to Dream, HD video still, 2018. Courtesy the artist and Decad.

Mit monotonem, tranceartigem Klang führt uns die Stimme von Therese Ladegaard Henningsen durch ein Dickicht aus computergenerierten, geometrischen Formen, die sich, mal geordnet, mal beliebig, zu konkreten Bildern zusammenfinden, nur um sich dann wieder aufzulösen. Dorine van Meel nimmt unser (Welt)-Bild als sprichwörtlich auseinander. Das Szenario erinnert stark an Christopher Nolans sich auftürmende und in sich zusammenbrechende Traumgebilde aus dem Film „Inception“. Van Meels Welt ist Holland. Genauer gesagt, der Nationalstaat Holland. Die nationale Identität, die sich speist aus ihrer Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die, wie so üblich im nationalen Jargon des Eurozentrimus, in Geschichtsbüchern oftmals nur aus der einen Perspektive erzählt wird. Wie in oben genannten Fernsehserien existieren auch hier verschiedene Ebenen: Das Jetzt – das Holland der Tulpen, Kühe, Windräder und Strommasten. Das sind die klassischen Attribute, mit der wir die Nation Holland in Verbindung bringen. Demgegenüber stehen für den Kontinent Europa und für den Staat Holland im Spezifischen historische Orte und Schlüsselereignisse: Fort Elmina als erster europäischer Militär- und Handelsstützpunkt südlich der Sahara und ab 1637 unter niederländischer Flagge; die Kongo Konferenz 1884/1885 in Berlin, auf der die europäischen Staaten den Kontinent Afrika untereinander aufteilten. Der Blick in die europäische Geschichte offenbart Unterdrückung und Ausbeutung als Mittel der Machtsicherung. Ausschluss und Abgrenzung funktionieren damals wie heute als Methodik, die eigene Identität zu formen und der immer währenden Existenzangst Herr zu werden. Fortschritt und Reichtum erweisen sich als unmittelbare Folgen von Imperialismus und Kolonialismus.

Der Raum der Kongo Konferenz 1884/1885, Dorine van Meel, Beyond the Nation State I Want to Dream, HD video still, 2018. Courtesy the artist and Decad.

Dorine van Meel, Beyond the Nation State I Want to Dream, HD video still, 2018. Courtesy the artist and Decad.

Wie lediglich im Traum möglich bewegen wir uns fließend zwischen diesen historischen Orten einerseits und dem monologartigen Gespräch der Erzählerin andererseits. Wie sich befreien aus den Fängen und Verstrickungen des nationalen Narrativs? Wie ein Bild abschütteln, das so fest verankert ist in unseren Köpfen, und innerhalb dessen wir sozialisiert wurden? Die Bildsprache der Künstlerin suggeriert die Zerlegung des Großen, des gefeierten Nationalstaats in seine kleinsten historischen wie ideelen Einzelteile. 

An entscheidenden Stellen vermeidet es van Meel, das Übel zu benennen. Die Stimme bricht mitten im Satz ab. Die Zuweisung, oder auch Auslassung, bleibt dem Zuhörer überlassen. Ideologie existiert überall dort, wo eine zentralistische Ordnung vorherrschst. Jede Form von Zentralismus bedarf Ausschlussmechanismen, um die eigene Existenz und Beständigkeit zu rechtfertigen. Es reicht also nicht ein eurozentrisches Bild umzudrehen, die Schuld auf Seiten der Kolonialmächte zu manifestieren. Diese Argumentation folgt den selben Ausschlussmechanismen. Die körperlose Stimme im Video überlegt, die Art der Frage zu ändern, sozusagen eine Ebene tiefer zu gehen: „… because perhaps the question that confronts us is not ‚What to do?‘, but instead, ‚What to be and how to be more?'“

Dorine van Meel, Beyond the Nation State I Want to Dream, HD video still, 2018. Courtesy the artist and Decad.

Neben dieser Strategie verfolgt Dorine van Meel aber noch etwas Anderes: Die Entlarvung des Paradoxes des Intellektuellen. Die Gefahr des intellektuellen Austauschs, sich in selbstbestätigender Stagnation, dem Zustand des Denkens aber Nichthandelns, zu verheddern. „But to know is not to act, to dislike is not to intervene“. Sie spricht hier ein zentrales Problem der heutigen Generation an: wir reden und reden und reden, aber handeln nicht. Es lässt sich leicht urteilen aus dieser Position. Gut ausgebildet, die richtigen Bücher gelesen, mit den richtigen Leuten diskutiert. Wir wissen um die Ungerechtigkeit, die Ungleichheit, die Gewalt. Aber was tun wir wirklich? Was können wir bewirken mit diesem intellektuellen Aufbegehren? Als mahnende Metapher tritt die Figur des Oedipus gen Ende des Monologs auf. Oedipus, der sich im Angesicht der Wahrheit, nämlich der Rolle, die er in seiner eigenen verdammten Geschichte gespielt hatte, die Augen ausstach. Erkenntnis ist eine Bürde, die zu tragen nicht immer einfach ist. Umso genehmer ist es die Beschaffenheit der Welt, in der wir leben, nicht zu hinterfragen. So endet das Video in Form eines Backflips. Wir sind wieder im Holland der geordneten geometrischen Teilchen, Kühe weiden, Strom fließt. Der Dekonstruktion der Ereignisse folgt der allzu bekannte Kanon: „And the rivers once frozen end in harbours, metal church bells melt into cannons“.

Auch nach Verlassen des Projektraums, auch nach dem Aufwachen am nächsten Tag: Die Gedankenepisode bleibt mir im Kopf. Die merkwürdig eindringliche Stimme klingt nach. Zu aktuell sind die Fragen und zu ehrlich ist Dorine van Meels Arbeit, die sich hier nicht durch Erklärungen versucht abzuheben, sondern mich an ihrem realem Traum hat teilhaben lassen.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 30. September 2018 zu sehen. Im August sind die Öffnungszeiten Donnerstag und Freitag von 14 bis 19 Uhr, im September von Donnerstag bis Samstag von 14 bis 19 Uhr.
WO: Decad, Gneisenaustrasse 52, 10961 Berlin.

 

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