What a wonderful show!

13. Juni 2016 • Text von

Formen, Affekte und Gesten. Popkulturelle Ikonen, Plattitüden und trockener Humor. Eine Malerei die sich unterschiedlicher Bildsprachen und Stile bedient. Das Lenbachhaus widmet der amerikanischen Künstlerin Rochelle Feinstein mit „I Made A Terrible Mistake“ ihre erste museale Einzelausstellung.

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Rochelle Feinstein, LOVE VIBE, 1999-2014, Courtesy the artist, © On Stellar Rays, New York.

Der spielerische Umgang mit dem Banalen ist erkennbar in der Arbeit von Rochelle Feinstein, in der Auseinandersetzung mit Formen, Formaten und Referenzen. Und dennoch lauert zwischen Worthülsen und Farbflächen immer der Abgrund. Seit mehr als dreißig Jahren entwickelt die in New York geborenen Künstlerin, lange Zeit Lehrbeauftragte an der Yale University, ihre persönliche künstlerische Praxis, in der sie sich kulturellen und politischen Zusammenhängen widmet. Auch den Prozess der künstlerischen Produktion und Rezeption reflektiert sie mit kühlem Blick und trotziger Haltung. Der Fokus der Ausstellung im Lenbachhaus liegt auf Malerei-Serien und Installationen, die seit Mitte der 1990er Jahre entstanden sind. Feinstein setzt in ihrer Arbeit popkulturelle wie kunsthistorische Referenzen, verbindet diese ohne falsche Ehrfurcht und schafft so Verschränkungsräume auf unterschiedlichen Ebenen. Formalistische Zitate, abstrakte Formen, Sprechblasen wie aus Comics und Michael Jackson als Protagonist. Malerei, Fotografie, Video, Collagen und Zeichnungen. Dabei vermengt sie unterschiedliche Ansätze, setzt Schwerpunkte und schafft unorthodoxe Querverbindungen. Eine expressive Sprache ist ein zentraler Teil der Arbeiten von Rochelle Feinstein. Sei es in den Titeln, sei es auf den Leinwänden selbst. „Love your work!“, „A wonderful place to live!“. Klug hebelt sie Plattitüden und Sprach-Hülsen aus, die Identität des Sprechenden und die Identität des Adressaten bleiben stets ambivalent, die Rolle und die Anmaßung des Wertenden wird hinterfragt.

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Rochelle Feinstein, HAPPY BIRTHDAY RACHEL, 2009 Courtesy the artist, © On Stellar Rays, New York.

Auch den potentiellen Misserfolg und ökonomischen Zwänge in der Kunst thematisiert sie ohne Eitelkeit und mit renitentem Humor . In „Before And After“ aus dem Jahr 1999 wird die Malerei auf ihre simple Objekthaftigkeit reduziert: Sie beginnt als ein einfaches, leeres Stück Stoff, das auf einen Rahmen gespannt ist und endet als verpacktes Objekt in den Fächern eines Regals. Den Prozess des Malens und Rezipierens spart Feinstein in dieser Arbeit aus. Die Bilder, die direkt aus dem Studio ins Lager wandern haben kein Publikum, werden nicht als Kunst wahrgenommen und nicht als handelbare Güter. Obwohl ökonomisch nichtig sind sie dennoch Produkt eines künstlerischen Ausdrucks. Wirtschaftliche Zwänge und externe Veränderungen sind auch zentraler Aspekt der autobiographischen Arbeit „The Estate of Rochelle F. – Der Nachlass der Rochelle F.“ aus dem Jahr 2010. In Reaktion auf die globale Finanzkrise, die sie auch persönlich traf, entschied Feinstein, kein neues Material für ihre künstlerische Arbeit zu erwerben und nur noch bereits vorhandenes zu benutzen. Aus eigenen älteren Arbeiten, Haushaltsprodukten und Geschenken schuf sie einen ‚prä- posthumen‘ Nachlass und setzte so eigenständig und selbst-behauptend einen vermeintlichen Endpunkt ihrer Karriere und schaffte so den Anlass für eine sehr persönliche und unprätentiöse Retrospektive. Die Endlichkeit des Lebens, die Vergänglichkeit des Kapitals, die letztendliche Nutzlosigkeit überflüssiger Konsumgüter und die fragwürdige Wertigkeit von Dingen – Durch eine reflektierende Gesten wird dies alles in Frage gestellt und eine vermeintlich zwingende Linearität gebrochen.

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Ausstellungsansicht, © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, 2016, Courtesy the artist und On Stellar Rays, New York.

Bereits zum zweiten mal schaffen das Lenbachhaus und die Kuratorin Stephanie Weber durch eine retrospektiv angelegte Ausstellung Sichtbarkeit für die Praxis einer Künstlerin, die bisher nicht in angemessenem Maße durch den Markt und die Öffentlichkeit gewürdigt wurde. Nach der Ausstellung der Arbeiten von Lea Lublin wird nun Rochelle Feinstein der adäquate Rahmen für ihr beeindruckendes Werk geboten.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis 18. September zu sehen.
WO: Städtische Galerie im Lenbachhaus, Luisenstraße 33, 80333 München.

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