Wenn zwei sich streiten
Geschlechterkampf im Städel

25. Januar 2017 • Text von

Das Städel widmet sich der künstlerischen Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Einen Ausflug in die klassische Moderne? Immerhin geht es ja um nicht weniger als den zeitlosen Konflikt zwischen Mann und Frau. Also ausnahmsweise.

Max Lieberman: Simson und Delila, 1902 © Städel Museum, Frankfurt am Main – ARTOTHEK

Max Lieberman: Simson und Delila, 1902 © Städel Museum, Frankfurt am Main – ARTOTHEK

„Der Geschlechterkampf hat nicht stattgefunden, er findet statt. Bis heute“, bestätigt Kurator Dr. Felix Krämer. Und so beginnt die, auf der Sammlung des Stadels basierende, Ausstellung zunächst nicht bei Adam und Eva, sondern bei Twitter und Tinder. Ein buntes Potpourri aktueller Phänomene und Positionen von gender pay gap bis zu mansplaining lädt ein, sich auf die große Schau einzustimmen.

Der Titel „Geschlechterkampf“ suggeriert, dass unerbittliche Kontrahenten einander gegenüber stehen. Doch im ausgehenden 19. Jahrhundert stiegen erstmal nur Männer in den Ring. Gleichwohl widmeten sie sich in ihren Werken am liebsten, genau, den Frauen, überwiegend den nackten. „Es ist uns ein besonderes Anliegen, dass sowohl männliche als auch weibliche Positionen in der Ausstellung vertreten sind, um die konfliktreiche Beziehung zwischen den Geschlechtern von beiden Seiten beleuchten zu können. Allerdings haben vor allem im 19. Jahrhundert deutlich weniger Künstlerinnen das Thema behandelt, was natürlich auch auf Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten zurückzuführen ist. Die gezeigten Werke von Frauen sind umso spannender, denn erstaunlicherweise reagierten Künstlerinnen häufig mit Ironie und Humor auf die Thematik – obwohl sie selbst direkter vom Geschlechterkampf betroffen waren“, erklärt Kuratorin Felicity Korn.

Edvard Munch: Asche, 1925 © Munch Museum, Oslo

Edvard Munch: Asche, 1925 © Munch Museum, Oslo

Statt sich aber unbeschwert-erotischen Darstellungen hinzugeben, überwiegen Darstellungen einer destruktiven, ins Verderben führenden Weiblichkeit. Der Begriff Femme fatale kommt nicht von ungefähr. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Frauenbewegung erbittert um das Wahlrecht ringen musste, fetischisiert die männlich geprägte Kunst blutrünstig die biblischen Verführerinnen Salome, Judith und Delila. Liebermanns, selbstredend nackte, Delila in zerwühlten Laken stützt sich auf Simsons Hinterkopf ab, um mit dem anderen Arm den Feinden seinen Haarschopf zu überreichen. Auch in den schaurig-schönen Eifersuchtsbildern Edvard Munchs wird die Frau begehrt und gefürchtet gleichermaßen. Der Norweger verknüpft Liebe und Leidenschaft mit Schmerz und Tod. Wiederkehrend ist das Motiv des Liebhabers, der sich im Haar der Frau verfängt, verheddert, verliert, deren körperlichen Anziehungskraft er zum Opfer gefallen ist, fast wie im Netz einer Spinne.

Auf vielen der teils bestialischen Gemälde scheinen triebhaft dargestellte, tierisch anmutende Frauen Gewalt und Zerstörung zu genießen. Da erscheint die männliche Mehrheitshaltung der Zeit so simpel wie zynisch: Den furchteinflößenden Frauen, der fleischgewordenen Irrationalität und Zerstörungslust, auch noch politische Rechte einzuräumen, hätte zu einer schwer erträglichen weiblichen Übermacht geführt.  Es sei an dieser Stelle daran erinnert, wie viele der Entscheidungsträger weiblich waren, als der erste Weltkrieg ausbrach.

Meret Oppenheim: Mein Kindermädchen 1936/1967, Moderna Museet, Stockholm © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Meret Oppenheim: Mein Kindermädchen 1936/1967, Moderna Museet, Stockholm © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Bei den weiblichen Positionen scheinen tendenziell Themen wie Selbstbehauptung und Selbstbestimmung im Vordergrund zu stehen – doch auch ihnen mangelt es nicht an einer gehörigen Portion Brutalität. Die Einen nehmen es mit den Rollenbildern auf, die man(n) ihnen angedichtet hat. So bemühen sich die Künstlerinnen im Kreis der Surrealisten vielfach darum, ihren männlichen Künstlerkollegen ein alternatives Frauenbild entgegenzusetzen. Ein filmisches Vorbild entsteht bereits 1906: Alice Guy vertauscht in „Les Résultats du féminisme“ (Die Folgen des Feminismus) die Rollen von Mann und Frau auf ironische Art. Claude Cahun hingegen scheint in ihren berühmten Selbstporträts alles abstreifen zu wollen, was ihr Geschlecht festlegen könnte. Der Fairness halber darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Marcel Duchamp lässt sich von Man Ray als Dame Rrose Sélavy fotografieren. In den Fotografien von Lee Miller zerlegt die Künstlerin Körper von Männern und Frauen in ihre Bestandteile und montiert sie neu. Schönheit und fleischliche Vergänglichkeit, Lust und Lustmord liegen nicht fern voneinander auf einem Teller, auf dem Miller 1930 eine amputierte Brust anrichtet, inklusive Besteck.

Frida Kahlo: Der kleine Hirsch, 1946 © Banco de Mexicó, Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Frida Kahlo: Der kleine Hirsch, 1946 © Banco de Mexicó, Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Andere, wie Frida Kahlo, die ebenfalls mit Idealen von Androgynität experimentierte, richten den Blick auf sich selbst. In ihrem Selbstbildnis als „Der kleine Hirsch“ präsentiert sich die Malerin symbolgeladen von Pfeilen durchbohrt. Ebenso humorvoll wie grausam spielt Meret Oppenheim in ihrer Arbeit „Mein Kindermädchen“ von 1936/67 mit der weiblichen Rolle als passivem Lustobjekt. Ein Paar Stöckelschuhe mit Absätzen aus Papier, wie ein Braten auf silbernem Tablett serviert, wie eine Frau, gefesselt und verschnürt.

Die Ausstellung gibt differenzierte und detaillierte Einblicke in die kunsthistorischen Dimensionen von bis heute relevanten gesellschaftspolitischen Themen rund um die Antagonisten Mann und Frau. Eine Frage bleibt indes ungeklärt: Warum ist das Gegenstück zu männlich nun eigentlich weiblich? Zugegeben gibt es auch das Adjektiv fraulich, aber das bezeichnet etwas zwar Artverwandtes und doch Grundverschiedenes. Es steht ja auch ein Der vorm Mords- und Pfundskerl. Aber es ist das Vollweib oder gar Weibsbild. Im Vergleich ist das Mädchen eben noch ganz Kind, so weit, so nachvollziehbar. Dem Kerlchen wird seine Männlichkeit durch die grammatische Geschlechtslosigkeit in Verbindung mit dem Diminutiv zweifelsohne aberkannt. Doch wer heutzutage Weib sagt, hat ein herzliches oder zänkisches, in jedem Falle vor Leben strotzendes und damit letztlich erotisches Wesen vor Augen. Verehrung, Versuchung und Verachtung schwingen also bis heute gleichermaßen begrifflich mit, wenn über männlich und weiblich gesprochen wird.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. März.
WO: Hautnah erlebt ihr den Geschlechterkampf im Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main. Obendrauf lädt ein umfangreiches Digitorial dazu ein, sich zu Hause akribisch vor- und nachzubereiten.