Was bleibt, wenn nichts bleibt
Navine G. Khan Dossos in der Nome Galerie

18. Dezember 2016 • Text von

Für ihre aktuelle Ausstellung in der Nome Galerie hat Navine G. Khan-Dossos eine Ausgabe des vom IS publizierten Magazins Dabiq in Form und Farbe zerlegt. Ein Gespräch über den Propaganda-Apparat des IS, die Leichtigkeit des Eindringens und ein abwesendes Bild.

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Navine G. Khan Dossos „Command: Print“, Ausstellungsansicht. Courtesy: Bresadola+Freese/drama-berlin.de.

gallerytalk.net: Navine, in deiner aktuellen Ausstellung „Command: Print“ in der Nome Galerie präsentierst du 36 Panel-Gemälde, die aus deinen fortlaufenden Forschungen zur islamischen Staatspropaganda, insbesondere zu der Ästhetik der von dem IS publizierten Online-Zeitschrift Dabiq, hervorgegangen sind. Wie hat dieses Projekt angefangen?
Navine G. Khan-Dossos: Ich habe angefangen mich für die Propaganda des Islamischen Staates zu interessieren, als diese im August 2014 zum ersten Mal in den Medien auftauchte. Mich fasziniert die Art und Weise, in der der IS Videos, Social Media Plattformen und Publikationen dazu nutzt, seine Ansichten zu verbreiten. Der Westen zeigt sich überrascht und alarmiert über diesen höchst elaborierte Umgang mit verschiedensten Medien. Dabei sind die Technologien des IS in Wirklichkeit kein bisschen ausgefeilter als unsere eigenen, vielmehr verlaufen sie parallel dazu: Eine Art schwarzer Spiegel, der dem Westen vorgehalten wird und in dem er nicht nur das Antlitz des Unbekannten, sondern immer auch sein eigenes erblickt.

Wie bist du bei deinen Nachforschungen vorgegangen? Wie tief lässt sich als Außenstehender in die Propagandamaschinerie des IS eindringen?
Bei meinen Recherchen zu den Aktivitäten des IS hat mich vor allem die herrschende Offenheit verblüfft. Es ist nicht nur ausgesprochen leicht, Zugang zu bestimmten Materialien zu erlangen, sondern auch direkt mit IS Anhängern über Twitter, Instagram oder Telegram zu kommunizieren. Ob das Anschauen oder gar Downloaden dieses Materials legal ist, ist natürlich fraglich. Unerreichbar ist es jedoch keinesfalls: Ich selbst verfüge über keine besonderen Daten-Gräber Kenntnisse, ich bin nur neugierig. Diese Erreichbarkeit ist ein doppelschneidiges Schwert und hängt von den Interessen des Einzelnen ab. Ich halte es allerdings für wichtig, zu verstehen, in welchem Ausmaß Publikationen wie Dabiq einerseits zirkulieren und wie schnell sie anderseits von Organisationen wie Google aus dem Blickfeld gelöscht werden können.

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Navine G. Khan Dossos „Command: Print“, Ausstellungsansicht. Courtesy: Bresadola+Freese/drama-berlin.de.

Deine Arbeiten werden als Anwendung eines zeitgenössischen Anikonismus beschrieben. Kannst du das näher erläutern?
Mit dem Begriff Anikonismus beschreibe ich gerne die Essenz dessen, was ich male oder auch nicht male. Es ist ein Terminus, der ursprünglich aus dem Bereich religiöser Kunst stammt und das Fehlen jeglicher Figuration in einem Werk bezeichnet. In der islamischen Kunst herrscht ein großes Missverständnis, was Figuration anbelangt sowie über die Frage, ob das zur Produktion abstrakter Kunst in Abwesenheit solcher Formen führt. Dennoch komme ich aus dieser Schule und der Begriff ist mit meinem Denken darüber, was und wie ich etwas repräsentiere eng verflochten. Ich betrachte meine Malereien als anikonisch, sie legen die Grundbausteine des zeitgenössischen Bildes, nicht aber das Bild selbst, frei. Formal variiere ich zwischen grünen und blauen Bildschirmfarben, Photoshop Checkerboards, CMYK-Druckerpatronen oder RGB-Kalibrierungen. All diese verweisen auf ein Bild, das im Inbegriff aufzutauchen oder schon wieder verschwunden ist, nie jedoch auf den Gegenstand selbst. Dieser Ansatz ist zu meiner persönlichen Form des Anikonismus geworden.

In deiner Serie “Remaining and Expanding” hast du das ursprüngliche Layout einer Dabiq Ausgabe abstrahiert und in geometrische Formen übersetzt. Den prekären Inhalt hast du entfernt, was bleibt sind lediglich Form und Farbe. Weshalb hast du dich für diese Herangehensweise entschieden?
Ich denke nicht, dass es als Künstlerin meine Aufgabe ist, die vom IS produzierten Bilder und deren Inhalt zu repräsentieren. Dieses Material grassiert ohnehin in der Online-Sphäre und es ist leicht, einen Blick darauf zu erhaschen, wenn man sich einen Eindruck von der hyperviolenten Rhetorik des IS machen möchte. Meine Intention liegt vielmehr darin, die dahinter verborgenen Strukturen freizulegen, welche sich insbesondere in dem grafischen Layout des Magazins offenbaren. Wenn man den Inhalt ignoriert und sich auf diese Facette des Propaganda-Apparates konzentriert, stößt man sowohl auf Überscheidungen als auch auf Differenzen bezüglich der Ästhetik und des editorialen Handwerkes: Welche Computer und Programme benutzt der IS? Werden die einzelnen Seiten an einer Wand arrangiert, um ein allumfassendes Narrativ zu kreieren? Weshalb werden Doppelseiten verwendet, obwohl das Magazin als PDF herausgegeben und demnach vertikal auf einem Bildschirm gelesen wird? Wird es in CMYK oder RGB kalibriert? Wenn man sich all diese Frage stellt, nähert man sich dem Sujet aus einem anderen Blickwinkel heraus an. Es werden neue Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen eröffnet, ohne dabei in die Falle zu tappen, Gewalt und Hass unverblümt abzubilden.

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Navine G. Khan Dossos „Command: Print“, Ausstellungsansicht. Courtesy: Bresadola+Freese/drama-berlin.de.

Im Westen wird der IS zumeist als „unsichtbarer Feind“ wahrgenommen: Eine immerwährende Präsenz, die unmöglich zu fassen oder gar zu durchschauen ist. Verbirgt sich hinter der Reduktion auf die formale Ästhetik der IS Propaganda ein Versuch deinerseits dieser Diffusität entgegenzuwirken?
Teilweise versuche ich das Szenario vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Lage etwas zu konkretisieren, ja. Ich suche nach einer Methodik des Forschens und der Produktion, die das originale Material des Dabiq Magazins in eine physische Form zwingt, gerade weil es ephemerisch und leicht aus dem Internet auszulöschen ist. Ich frage mich manchmal, ob die Gemälde die Existenz der PDFs überdauern werden. Ob sie irgendwann gewissermaßen als letzte Überreste dieses Propagandaflusses übrig bleiben, in einem Zeitalter, in dem Daten längst unlesbar geworden sind. Aber die Reduktion auf die formale Ästhetik ist eine Investigation, keine Negation des Realen. Es ist die Suche nach einer neuen Sprache, die dazu fähig ist mit dieser Wirklichkeit umzugehen und sie basiert auf Struktur, nicht auf Inhalt. Meine Arbeiten sind nicht abstrakt, sie sind informatorisch.

Im Pressetext zu der Ausstellung werden die Arbeiten als eine Aufforderung beschrieben, sich die Entstehung einer imaginären Printausgabe des Magazins vorzustellen: Redakteure des IS, die in einem fiktiven Büro sitzen, Inhalte sortieren und die einzelnen Mock-ups anordnen. Glaubst du, eine Druckausgabe in den Händen zu halten würde unsere Rezeption der Inhalte verändern? Sie etwa noch bedrohlicher, weil realer, erscheinen lassen?
Das war tatsächlich eine Schlüsselfrage, die mich umgetrieben hat, als ich anfing zu
Dabiq zu recherchieren. Das Magazin existiert nirgends als Druckversion, sondern wird lediglich als PDF verbreitet, was ein Grund für die große Reichweite ist. Die Distribution einer Dabiq Printausgabe würde niemals in ein solches Ausmaß erreichen und genau darin liegt eine der wichtigsten Strategien des IS. Dennoch bin ich mir sicher, dass irgendwo ein Ort existiert, an dem jede einzelne Ausgabe sorgfältig gedruckt und aufbewahrt wird; eine für den persönlichen Gebrauch bestimmte Sammlung an Erinnerungsstücken quasi. Dass das Lesen einer Printausgabe erschreckender sein würde, bezweifle ich allerdings. Es macht ja auch keinen Unterschied, ob man Pornos im Internet oder in einer Zeitschrift gedruckt anschaut. Ich bin jedoch der Meinung, dass die jeweilige physische oder digitale Präsenz solchen Materials Auswirkungen auf dessen Legalität hat.

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Navine G. Khan Dossos „Command: Print“, Ausstellungsansicht. Courtesy: Bresadola+Freese/drama-berlin.de.

Remaining and Expanding” wurde als Teil der Ausstellung auch in ein PDF überführt, das auf zum Download zur Verfügung steht. Nachdem der digitale Stoff der Zeitung in den Gemälden sozusagen materialisiert wurde, überführst du ihn wieder in die Online-Sphäre. Weshalb?
Um die Verbindung zwischen den beiden Materialitäten zu komplettieren. Das Ausgangsmaterial für die Gemälde ist ein PDF, somit wird sowohl die vertikale Lesrichtung, als auch das Vollbild ohne weißen Rand thematisiert. Die meisten Gemälde zirkulieren heute als Bilder auch durch die Online-Sphäre. Mit diesem Umstand sehe ich mich permanent konfrontiert, insbesondere in Hinblick auf meine Methode ortsabhängiger Wandmalerei. Ich möchte Gemälde erschaffen, die ein Onlineleben haben, und das Erstellen eines PDFs zur Ausstellung war ein Weg darauf hinzuweisen, in welche Richtung sich Malerei zukünftig entwickeln könnte.

Lass uns nun über deine zweite Serie in der Ausstellung sprechen: „Printer Paintings“. Könntest du uns etwas darüber erzählen? In welcher Beziehung stehen die beiden Serien zueinander?
Diese Serie entstand schon 2013. Während der Schaffensphase von „Remaining and Expanding“ habe ich die Arbeiten und hierbei insbesondere deren Titel dann noch einmal überdacht und plötzlich in einem anderen Licht gesehen. „You’re Just A Headline To Me“ klingt vor dem Hintergrund meiner Recherchen zur IS Propaganda plötzlich ganz anders, Ich verstehe diese Arbeiten gewissermaßen als Pre-Images: Die CMYK Patronen eines Haushaltsdruckers. Alle gedruckten Bilder entspringen einer Kombination dieser vier subtraktiven Farben. Sie imitieren die Wegwerfsprache des Testblattes, das automatisch gedruckt wird, wenn man neue Patronen kalibriert. Die Serie bildet also gewissermaßen ein Gegengewicht zu „Remaining and Expanding“, wo der Fokus eher auf dem Post-Image liegt: Was bleibt übrig, wenn der Inhalt entfernt wird?

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Navine G. Khan Dossos „Command: Print“, Ausstellungsansicht. Courtesy: Bresadola+Freese/drama-berlin.de.

Letztenendes bin ich noch neugierig auf den Titel deiner Serie. Was dehnt sich aus und was bleibt?
Die fünfte Ausgabe von Dabiq trägt den Titel „Remaining and Expanding“, welcher zugleich auf eines der Hauptanliegen des IS verweist. Nachdem ich mich durch alle fünfzehn Ausgaben des Magazins gelesen hatte, erschien mir dieses Exemplar am geeignetsten, um den draufgängerischen Stil des IS beispielhaft zu illustrieren. Alle wichtigen Themen werden aufgegriffen: die rasche territoriale Ausbreitung des IS, die Exekution ausländischer Journalisten, die Versklavung von Yazidi Frauen, das Streben nach einer eigenen Währung. Sowohl die aktuelle Position als auch das zukünftige Selbstverständnis des IS werden in Szene gesetzt, es handelt sich um eine Absichtserklärung par excellence. Jede einzelne Arbeit aus der Serie trägt einen Titel, den ich direkt der Headline des jeweiligen Artikels entnommen habe. Ein Teil des Ausgangsmaterials ist demnach weiterhin als eine Art Schlüssel im Werk präsent, durch den der Betrachter je nach Interesse die Möglichkeit erhält sich tiefer in die Materie hineinzubegeben. Der Gegenstand an sich hat sich dabei jedoch in etwas verwandelt, dem wir uns ohne Schrecken zuwenden können: Ein Raum voller Konnotationen, in dem der Betrachter einen Moment ausharren und sich die Position des IS in seinem eigenen Alltagsleben vergegenwärtigen kann.

WANN: Die Ausstellung „Command: Print“ ist noch bis zum 10. Februar zu sehen. Nachgelesen werden darf hier. Zur Homepage der Künstlerin hier entlang.
WO: Nome Galerie, Dolzinger Str. 31, 10247 Berlin.

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